Prozess gegen Gröning Keine Versöhnung mit dem SS-Mann

Der Angeklagte Oskar Gröning sitzt im Gerichtsaal in Lüneburg. Die Anklage wirft ihm Beihilfe zum Mord im Vernichtungslager Auschwitz vor - in mindestens 300.000 Fällen.

(Foto: dpa)
  • Die Nebenkläger im Auschwitz-Prozess machen mit einer Erklärung damit aufmerksam, dass die Holocaust-Überlebende Eva Mozes Kor mit ihrer Versöhnungsgeste allein steht.
  • Die Anwälte haben im Namen der 49 Nebenkläger im Strafverfahren gegen den ehemaligen SS-Unterscharführer Oskar Gröning eine entsprechende Presseerklärung verbreitet.
  • Kritisiert wird Kor dafür, dass sie ihre Versöhnungsgesten öffentlich zelebriert.
Von Karin Steinberger, Lüneburg

Es war nur eine Frage der Zeit, wann es zwischen den Nebenklägern beim Prozess gegen den ehemaligen SS-Mann Oskar Gröning zu einer Auseinandersetzung kommen würde. Die Differenzen waren von Anfang an spürbar. Natürlich hat jeder der Nebenkläger seinen eigenen Weg, mit der Tatsache umzugehen, dass ihnen da im Landgericht Lüneburg ein ehemaliger SS-Mann gegenübersitzt, der möglicherweise an der Rampe in Auschwitz-Birkenau stand, als sie von ihren Familien getrennt wurden. Für immer.

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Eva Mozes Kor beschrieb vergangene Woche vor dem Gericht, wie sie als Zehnjährige nach Auschwitz kam und nur deswegen nicht vergast wurde, weil Lagerarzt Josef Mengele sie und ihre Zwillingsschwester für seine medizinischen Experimente brauchte. Nach der Verhandlung ging sie mit großer Geste auf Oskar Gröning zu und sagte, sie vergebe ihm und er solle seinen "fellow Nazis" sagen, dass sie sich dazu bekennen sollten, was in Auschwitz geschehen sei. Am Ende umarmte sie den Mann, der in Auschwitz Geld und Wertsachen von Hunderttausenden Juden eingesammelt hatte. Er wird der Beihilfe zum Mord in mindestens 300 000 Fällen beschuldigt.

Nebenkläger: Verhalten von Kor ist widersprüchlich

Die anderen anwesenden Nebenkläger hatten die Geste nur am Rand mitbekommen, aber als Eva Mozes Kor dann auch noch am Sonntagabend in der Sendung von Günther Jauch auftrat, sahen sie und ihre Anwälte die Notwendigkeit, darauf aufmerksam zu machen, dass Frau Kor nur für sich selbst spricht, und dass sie deren Auffassung nicht teilen.

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Cornelius Nestler, der zusammen mit Thomas Walther 49 Nebenkläger im Strafverfahren gegen den ehemaligen SS-Unterscharführer Oskar Gröning vertritt, sagte zur SZ, dass er das nicht als "Zerwürfnis" bezeichnen würde. Man habe die Presseerklärung im Namen der 49 Nebenkläger nur wegen der besonderen Beachtung veröffentlicht, die Frau Kor in den vergangenen Tagen in den Medien fand: "Wir sehen die Notwendigkeit, darauf aufmerksam zu machen, dass das Verhalten von Frau Kor höchst widersprüchlich ist: Entweder ist man Nebenkläger, oder man ist gegen eine Anklage, wie es Frau Kor ja ausdrücklich gesagt hat bei Jauch. Dann sollte man nicht die Rolle als Nebenkläger dazu nutzen, die Tatsache der Anklage, die von allen anderen Nebenklägern mit Vehemenz begrüßt wird, zu kritisieren." Es passe einfach nicht zusammen, einerseits als Nebenklägerin im Namen der Ermordeten aufzutreten, öffentlich aber das Strafverfahren abzulehnen - und die Rolle der Nebenklägerin zur medial inszenierten persönlichen Verzeihung zu nutzen.

Kritik an angeblicher öffentlicher Inszenierung

Dieses Verhalten veranlasse die Nebenkläger zu der Mitteilung: "Wir können Herrn Gröning nicht die Mitwirkung am Mord unserer Angehörigen und weiterer 299 000 Menschen verzeihen - zumal er sich bisher frei von jeglicher strafrechtlicher Schuld fühlt. Wir wollen Gerechtigkeit und wir begrüßen die Aufklärung, die dieses Strafverfahren leistet."

Natürlich habe man das nicht zu kommentieren, wenn Frau Kor Herrn Gröning verzeihe, steht da weiter. Wer wisse besser als die Auschwitz-Überlebenden, dass jeder seinen eigenen Weg finden muss, mit dem Erlittenen umzugehen. Es hätte wohl niemand etwas gesagt, wenn sie ihr Verzeihen und Vergeben nicht so öffentlich inszeniert hätte.

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