Prozess gegen Christian Wulff Freundschaftlicher Gedächtnisverlust

Christian Wulffs alter Freund Olaf Glaeseker hätte dem Ex-Bundespräsidenten mit seiner Aussage vor Gericht Probleme bereiten können. Doch er hat ihm einen wahren Freundschaftsdienst erwiesen. Und das, obwohl sein ehemaliger Chef ihn einst gefeuert hat.

Aus dem Gericht von Annette Ramelsberger, Hannover

Ein Freund, ein guter Freund, das ist das Schönste, was es gibt auf der Welt - das alte Lied muss Christian Wulff in den Ohren geklungen haben. Denn am Mittwoch trat sein alter Freund Olaf Glaeseker im Prozess auf, der gegen den Ex-Bundespräsidenten läuft - und er tat ihm einen wahren Freundschaftsdienst.

Und das, obwohl ihn sein ehemaliger Chef Wulff gefeuert hatte, als es eng wurde, damals kurz vor Weihnachten 2011, als die Kritik aufkam an ungeklärten Hauskrediten, Ferienaufenthalten und Einladungen des Bundespräsidenten.

Es hätte eine Abrechnung werden können. Glaeseker hätte vor Gericht in Hannover Gleiches mit Gleichen vergelten können.

Aber er hatte schon zuvor, in einem Interview mit dem Spiegel, angedeutet, wie er seine Rolle sieht: "Der wahre Freund zeigt sich in der Not", hatte er dort erklärt. Und hinzugefügt, er habe seinem Freund Wulff verziehen.

Und so kam es: Glaeseker erinnerte sich nun vor Gericht an nichts.

  • Nicht daran, wie die Vorbereitungen zum Oktoberfestbesuch aussahen, weswegen Wulff wegen Vorteilsannahme angeklagt ist.
  • Nicht an Filmfonds des Filmproduzenten und Wulff-Freunds David Groenewold, obwohl er auch selbst mit Groenewold eng befreundet ist.
  • Nicht an Bürgschaften, die das Land Niedersachsen an Filmfirmen gab.
  • Und auch nicht an Reden von Wulff, deren Vorlage Groenewold geliefert haben soll.

Die Amnesie von Glaeseker ist so umfassend, dass man sich am Ende fragt, ob Glaeseker und Wulff wirklich einmal zusammengearbeitet haben. Sie wirken nun, als stammten sie aus Parallelwelten, die nichts miteinander zu tun haben.

Dabei hatten sich die beiden selbst oft als "siamesische Zwillinge" bezeichnet, von denen der eine wisse, was der andere denkt und will.

Kritische Fragen bleiben aus

Doch obwohl die erstaunliche Vergesslichkeit Glaesekers allen im Gerichtssaal auffallen muss, bleiben die kritischen Fragen aus. Der Zeuge wird nicht mit Fragen bombardiert, sondern höchstens mit Wattebäuschchen beworfen. Man kann nicht zählen, wie oft Glaeseker sagt, er habe keine Erinnerung/nur eine vage Erinnerung/keine konkrete Erinnerung.

Glaeseker war bei dem Oktoberfestbesuch im September 2008 nicht dabei, er war krank geworden. "Können Sie sich an irgendwelche Genesungswünsche erinnern?" fragt der Staatsanwalt. Nein, natürlich nicht. Da zeigt Staatsanwalt Clemens Eimterbäumer ein Foto von Christian Wulff, der ein selbstgemaltes Schild in der Hand hält: "Gute Besserung" steht darauf, "we miss you". Aufgenommen wurde das von der Handykamera von David Groenewold. Auch an dieses Foto hat Glaeseker keine Erinnerung. Und Wulff zischt seinem Anwalt zu, das sei doch Wahnsinn. Da unterbricht der Richter den Staatsanwalt: "Das ist doch nicht wirklich weiterführend."

Doch, sagt Eimterbäumer. Denn das Bild stammt vom Freitagabend, an dem Groenewold und Wulff laut Anklage zusammen speisten. Und Wulff sagt, er könne sich daran nicht erinnern. Aber für das Gericht scheint das nicht wichtig. Es will diesen Prozess so schnell es geht beenden. Am 27. Februar soll nun das Urteil gesprochen werden.

Davor muss Wulff noch als Zeuge im Prozess gegen Glaeseker aussagen, der in einem anderen Verfahren wegen Korruption angeklagt ist. Es geht darum, ob Glaeseker für den Nord-Süd-Dialog zwischen Niedersachsen und Baden-Württemberg Sponsoren suchte und ob Wulff davon wusste.

Bei der Polizei hatte Wulff erklärt, er habe nichts davon gewusst. Glaeseker sagt, er habe es gewusst. Vielleicht erinnert sich auch Wulff bei seiner Aussage dann an das Lied: Ein Freund, ein guter Freund, das ist das Schönste, was es gibt auf der Welt.