Immer wieder wurden Rekruten in der Coesfelder Freiherr-vom-Stein-Kaserne in den Hinterhalt gelockt - für die Vorgesetzten ein "echtes Highlight". Seit heute müssen sich deswegen 18 ehemalige Bundeswehrausbilder vor dem Landgericht in Münster verantworten. Die Anklage lautet auf Körperverletzung, Misshandlung und entwürdigende Behandlung von Untergebenen.
Der Hauptfeldwebel Martin D., 33, ist wohl das, was man einen Soldaten mit Leib und Seele nennt. Er trat 1993 in die Bundeswehr ein, wurde 1998 Berufssoldat und besuchte eine Reihe von Fortbildungslehrgängen, bei denen er immer zu den Besten zählte. Er ist Träger des Ehrenkreuzes und der Ehrenmedaille der Bundeswehr.
In der Freiherr-vom-Stein-Kaserne wurden mehr als 80 Rekruten misshandelt. (© Foto: AP)
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Von Juli 2003 bis Januar 2004 tat er Dienst beim deutschen ISAF-Kontingent in Afghanistan, ein Einsatz, sagt er von sich, den er als Herausforderung, nicht als zusätzliche Belastung empfunden habe. Die Uniform der Bundeswehr habe er immer voller Stolz getragen.
Die 7.Kompanie des Instandsetzungsbataillons7 in Coesfeld, bei der er seit seinem Eintritt in die Bundeswehr Dienst tat, sei vom Kommandeur als "Vorzeigekompanie des Bataillons" bezeichnet worden, und die Portepee-Unteroffiziere seiner Kompanie habe man mitunter sogar als das "Seven-Allstar-Team" betitelt.
Zwei Feldwebel, ein Gedanke
Während seiner Ausbildung für den Afghanistan-Einsatz nahm Hauptfeldwebel D. auch an einer Übung an der Infanterieschule in Hammelburg teil, bei der das Verhalten bei einer Geiselnahme und in Gefangenschaft trainiert werden sollte.
Er musste dabei, erinnert er sich, mit verbundenen Augen und hinter dem Kopf verschränkten Armen auf dem harten Boden knien, und wer sich bewegte, musste 50 Liegestütze machen.
Nach seiner Rückkehr aus Afghanistan kam Martin D. der Gedanke, dass so eine Übung doch auch eine gute Sache für Rekruten in der Grundausbildung wäre. Martin D. war damals Zugführer des 1. Zuges in der 7. Kompanie, und es ergab sich, dass der Hauptfeldwebel Michel H., der den 2. Zug führte, genau dieselbe Idee hatte.
Zusammen gingen sie zum Kompaniechef, dem Hauptmann Ingo S., denn ihnen war bewusst, dass die Dienstvorschriften so eine Übung nicht vorsahen. Hauptmann S. erklärte später, er habe sich von seinen Untergebenen "breitschlagen lassen".
Hauptfeldwebel D. hat das etwas anders formuliert: Der Kompaniechef habe "grünes Licht" gegeben, weil er gewusst habe, dass seine beiden Zugführer zu den besten Soldaten des Bataillons gehörten und ein "echtes Highlight" vorbereiten würden.
Stiefelbeutel über Kopf gestülpt
Das "Highlight" fand dann in den frühen Morgenstunden des 9. Juni 2004 statt. Nach einem anstrengenden Nachtorientierungsmarsch liefen die Rekruten im Morgengrauen in den von den Ausbildern gelegten Hinterhalt.
Die Angreifer waren maskiert und brüllten auf Englisch auf die völlig überraschten Soldaten ein, die kaum Gegenwehr leisteten. Die Hände wurden ihnen mit Kabelbindern hinter dem Rücken gefesselt, über den Kopf wurden ihnen Stiefelbeutel gestülpt, dann wurden sie auf die Ladefläche eines Kleintransporters verfrachtet.
Einer der Rekruten schilderte später, er und seine Kameraden seien "wie die Kartoffelsäcke" übereinandergeworfen worden. Einigen schnitten die Fesseln so stark ins Fleisch, dass sie blutende Schürfwunden davontrugen, anderen dagegen wurden die Fesseln gelockert, als sie sich beschwerten.
Die Rekruten wurden in eine Sandgrube gefahren, die man als "Gefangenenlager" hergerichtet hatte. Dort mussten sie kniend mit gesenktem Kopf verharren, während die Ausbilder sich einen nach dem anderen vornahmen und ihn, immer brüllend und immer auf Englisch, nach Namen, Dienstgrad und den Namen der Vorgesetzten befragten.
Rekruten angeblich begeistert
Um die Sache realitätsnah zu gestalten, hatten die Ausbilder einige Kübelspritzen besorgt. Wer sich bei der Befragung renitent zeigte, dem wurde kaltes Wasser ins Genick oder in die geöffnete Hose gepumpt, einer musste sich danach als "Bettnässer" verspotten lassen.
Der Stabsunteroffizier H. tat sich dabei durch eine besondere Variante hervor: Er steckte mehreren Rekruten den Spritzenschlauch in den gewaltsam geöffneten Mund und pumpte Wasser hinein.
Einzelne Soldaten mussten Liegestütze machen oder einen Baumstamm auf den Armen tragen. Nach etwa einer halben Stunde war die "Ausbildung" beendet, die Soldaten mussten in die Kaserne zurückmarschieren, mindestens einer lief sich dabei wund, weil man ihm Sand in die durchnässte Hose geschüttet hatte.
Martin D. und seine Mitstreiter waren guter Dinge: Die meisten Rekruten, erklärten sie später, hätten sich "begeistert" geäußert, einige geradezu "euphorisch", so dass man sich flugs entschloss, diese Vorzugsausbildung auch dem nächsten Rekrutenlehrgang zukommen zu lassen.
So geschah es am 25. August, am 31. August und am 1. September, jeweils in etwas kleinerem Rahmen, weil immer nur ein Zug mit jeweils 20 bis 30 Rekruten in Marsch gesetzt wurde.
Es gab eine, angeblich rein organisatorisch bedingte Änderung: Das "Gefangenenlager" wurde in einen Keller innerhalb der Kaserne verlegt - die misstrauische Staatsanwaltschaft vermutet, dies sei geschehen, damit nicht Außenstehende zufällig etwas von der Sonderausbildung mitbekämen.
Pistole am Kopf abgedrückt
Es gab auch einige neue Varianten bei den Befragungsmethoden: Mehreren Soldaten wurden Stromkabel, die mit einem Feldtelefon verbunden waren, an Oberschenkel oder Bauch gelegt - wenn die Kurbel gedreht wurde, gab es einen Stromstoß, nicht sehr stark, aber doch deutlich spürbar.
Ein Soldat sollte das Lied "I'm a little donkeyfucker" singen; als er sich weigerte, wurde eine Pistole an seinem Kopf abgedrückt. Es wurde auch wieder sehr viel eiskaltes Wasser in Hosen und gewaltsam geöffnete Münder gepumpt. Drei Soldaten mussten nebeneinander knien, ein Ausbilder schlug ihnen rhythmisch auf den Helm und sie mussten dazu wechselweise die Silben "Bud"-"wei"-"ser" intonieren.
In einer disziplinarischen Vernehmung erklärte der Hauptfeldwebel Martin D., er habe die Rekruten befragt, wie sie die Geiselnahme-Ausbildung gefunden hätten. Alle seien "begeistert" gewesen, die Frage, ob es für einen von ihnen schlimm gewesen sei, hätten alle verneint.
Auf einem bei Martin D. beschlagnahmten Laptop fand die Staatsanwaltschaft einen "Bericht über die Ausbildung Geiselnahme und Gefangenenlager", der mit dem Satz endet: "Seit dem Verbot zum Ausüben meines Dienstes und dem damit verbundenen Verbot zum Tragen meiner Uniform habe ich das Gefühl, dass all das, wofür ich jahrelang gearbeitet und woran ich jahrelang geglaubt habe, umsonst gewesen ist."
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(SZ vom 19. März 2007)
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dummheit gab es schon immer bei der rekrutenausbildung der bundeswehr - jeder der diese durchgemacht hat wird entsprechende geschichten erzaehlen koennen. es gibt sicher eine ganze liste von verstoessen gegen dienstvorschriften bei diesem voellig sinnlosem "highlight". was ist die naechste stufe? simulierte erschiessungen? abgezogene finger- oder fussnaegel in inszenierten verhoeren? ich wuerde empfehlen das training fuer die nach wie vor hoechst fragwuerdigen auslandseinsaetze der bundeswehr doch besser profis zu ueberlassen und nicht von bundeswehrromantik uebermannten soldaten mit offensichtlich beschraenkter wahrnehmung ihrer umwelt und eigenen leistungsfaehigkeit und grenzen. genau weil die bundeswehr in ueber ihre kompetenz reichende einsaetze verwickelt ist darf sie eines nicht mehr sein: ein abenteuerspielplatz.
wenn die ausbilder es wirklich "gut gemeint" haben sagt das ja nur aus das wohl die gesamte einstellung der ausbilder fragwürdig war und vielleicht noch ist.
diese ausbildungsmaßnahmen standen in keinem verhältniss zu den ansprüchen an grundwehrdientleistende.
in den nachrichten hört man dauernd das sich ja keiner der soldaten beschwert hätte.
dies liegt aber höchstwahrscheinlich nich daran dass alle das ganz toll fanden, sondern wohl eher das die soldaten total eingeschüchert waren und sich nich getraut haben.
auch wenn bei einem gespräch mit dem standortpfarrer der name des einzelnen soldaten unbekannt bleibt, so wierd ja doch offensichtlich das sich einer aus dem zug beschwert hat sobald der standortpfarrer etwas dagegen unternommen hätten. nun ist zwar die bestrafung des ganzen zuges verboten, jedoch sieht man ja wie genau es die unteroffiziere mit den vorschriften genommen haben.
ich hätte mich wahrscheinlich auch nicht beschwert, sondern lieber gehofft das die 3 monate schnell vorbei sind.
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