Prozess gegen Beate Zschäpe Bei ihr zählt jedes Wort

Sagt sie vor Gericht aus oder wird sie zu den Vorwürfen schweigen? Die mutmaßliche NSU-Terroristin Beate Zschäpe (hier ein Archivbild, das vor neun Jahren aufgenommen wurde).

(Foto: dpa)

Wird sie vor Gericht aussagen oder nicht? Polizisten haben eine lange Autofahrt mit der mutmaßlichen Terroristin Beate Zschäpe festgehalten. Die Dokumentation dieser Reise zeigt: Es ist nicht sicher, dass sie für immer schweigen wird.

Von Hans Leyendecker und Tanjev Schultz

Die Aufnahme dauert fünf Minuten und vierundvierzig Sekunden, es ist ein lausiges Filmchen, ein langweiliger Stoff. Fahrzeuge mit Blaulicht fahren auf ein Gelände oder wieder weg; bewaffnete Männer stehen oder bewegen sich zwischen Autos. Was sie sagen, kann man nicht verstehen. Manchmal gestikulieren sie bloß: "10:19 Uhr erster außerplanmäßiger Halt zum Toilettengang", sagt in Minute 1:22 eine Stimme aus dem Off. Eine Frau, die nur schwach von der rechten Seite zu sehen und nicht zu erkennen ist, geht in ein Haus. Offenbar muss sie mal.

Den Film haben Spezialisten der "Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit" (BFE) der Bundespolizei zum Zweck einer "teaminternen Nachbesprechung des Einsatzes" gedreht. Gemeinsam mit zwei Beamten des Bundeskriminalamts (BKA) holten sie am 25. Juni 2012 frühmorgens die mutmaßliche Terroristin Beate Zschäpe im Kölner Gefängnis ab und brachten sie in die Haftanstalt Gera, damit sie mit ihrer in Thüringen lebenden kranken Großmutter sprechen konnte. Dann ging es wieder zurück an den Rhein.

Über die lange Autofahrt mit der 37-jährigen Zschäpe verfassten die beiden BKA-Beamten schon tags darauf einen zwölfseitigen Vermerk. Es geht um Wetterphänomene, Fernsehgewohnheiten, fröhliche Rheinländer, Karneval, sanierte Stadtkerne im Osten, Rauchgewohnheiten, von denen man im Gefängnis ablassen kann und das Essen im Knast, aber auch um Anwälte und das Verfahren, das ihren Namen trägt.

Ambitionierte Anklage

Der Film, die Gesprächsnotizen - das alles zeigt, dass jedes Wort, jede Geste von Zschäpe Bedeutung haben soll. Sie gilt als einziges noch lebendes Mitglied des "Nationalsozialistischen Untergrunds" und wird vermutlich von Frühjahr nächsten Jahres an mit vier Männern vor dem Oberlandesgericht München auf der Anklagebank sitzen.

Ihr wird unter anderem Mittäterschaft bei zehn Morden und dreifacher Mordversuch vorgeworfen. Die Anklage gegen Zschäpe ist sehr ambitioniert. Die Dokumentation der Reise in die Vergangenheit - sie kommt aus Jena - ist aus vielerlei Gründen bemerkenswert. Es zeigt die Hoffnung der Angeschuldigten, eines Tages doch noch ein normales Leben führen zu können, und es verrät die Bemühungen des BKA, sie irgendwie doch zu einer Einlassung in der Sache zu bewegen.

Diese Tour sei für sie "wie ein Urlaub", soll Zschäpe nach ein paar Hundert Kilometern Fahrt gesagt haben, obwohl sie Handfesseln und Fußfesseln trug. Sie habe sich im November 2011 gestellt, um Aussagen zu machen. Ihr Anwalt habe ihr aber geraten zu schweigen. Sie selbst glaube nicht, dass eine Aussage "unbedingt" das Strafmaß mindern würde. Ihrer Oma, die 89 Jahre alt ist und die sie liebt, möchte sie andererseits gern erklären, warum das alles so gekommen sei und sich entschuldigen.

Eine BKA-Oberkommissarin, die zur Spezialistin für Zschäpes Leben geworden ist, sagte dann, nicht jeder Mensch könne mit einem Geheimnis oder einer großen Lüge leben. Zschäpe soll gesagt haben, dass sie für den Fall, dass sie aussage, dies umfangreich und vollständig machen werde. Was man so sagt. Dann schweifte sie ab. Diese Sentenzen zeigen, dass es in ihr wogt und dass nicht sicher sein muss, dass sie nie aussagen wird.

Plaudereien im Auto

Dass der Beschuldigte Matthias D., der zwar Wohnungen in der Illegalität besorgt haben soll, aber nicht angeklagt wurde, wieder aus der Untersuchungshaft freigekommen sei, soll sie gut gefunden haben. Das sei ihm "gegönnt". Bei anderen sehe sie das anders. Schlecht fand sie, dass ein Beamter in Köln bei ihrer Einlieferung geschrieben habe, sie sei "bauernschlau". Das Wort missfiel ihr sehr.

Es ging dann auch um die Frage, wie Materialien dieses Verfahrens an die Öffentlichkeit gelangt seien. Es sei "unwahrscheinlich", meinten die Polizisten, dass das Material, das an Medien gelange, von der Polizei stamme. Zschäpe soll gesagt haben, sie habe gehört, ein Buch über den Fall sei erschienen. Das Buch heißt "Die Zelle - Rechter Terror in Deutschland". Die Beamten hatten das Buch sofort zur Hand und gaben es ihr zur Lektüre. Ein merkwürdiger Zufall. Das Kapitel über ihre Flucht soll sie besonders intensiv gelesen haben.

Zschäpe fragte, ob es einen vergleichbaren Fall wie den ihren schon mal gegeben habe, und die Beamten verwiesen auf die frühere RAF-Terroristin Susanne Albrecht, die aufgrund eines Geständnisses kürzer als andere RAF-Leute gesessen habe. Albrecht hatte als Kronzeugin die RAF-Politik mit dem Stalinismus gleichgesetzt und war wegen Beteiligung an einem Mord und einem missglückten Anschlag zu zwölf Jahren Haft verurteilt worden.

Der Fall Zschäpe liegt ein bisschen anders als der Fall Albrecht. Ihre drei Anwälte wiesen am Montag denn auch darauf hin, dass die Plaudereien im Auto nur die "grobe Zusammenfassung" eines Gesprächs gewesen seien und keine Aussage. Zschäpe werde weiter schweigen.