Protokoll des Boeing-Absturzes 70 Minuten bis zur ersten Schuldzuweisung

17:05 Uhr, Donnerstagabend, die ersten Meldungen zum Absturz des Flugs MH17 laufen ein. Kurze Zeit später wird über einen Abschuss spekuliert. Dann kommen Vorwürfe. Ein Protokoll.

In Deutschland berichtet als eine der ersten Quellen die Nachrichtenagentur Reuters um 17:05 Uhr (MESZ) über den Absturz eines Passagierflugzeugs vom Typ Boeing 777 der Malaysia Airlines in der Ukraine nahe der russischen Grenze. Reuters beruft sich dabei auf die russische Nachrichtenagentur Interfax.

Andere Nachrichtenagenturen folgen nur wenige Minuten später. Schon bald gibt es auch erste Berichte über einen möglichen Abschuss des Fliegers. Reuters gibt um 17:29 Uhr erneut unter Berufung auf Interfax eine entsprechende Meldung heraus.

Um 17:36 Uhr bestätigt die Fluggesellschaft Malaysia Airlines (MAS), Berichte von Nachrichtenagenturen. MAS habe den Kontakt zum Flug MH17 (von Amsterdam nach Kuala Lumpur) verloren.

Gut eine Stunde nach den ersten Meldungen über den Absturz der Boeing 777 kursieren bereits Schuldzuweisungen. "Wir schließen nicht aus, dass auch diese Maschine abgeschossen wurde", sagt der ukrainische Präsident Petro Poroschenko. Dieses Zitat stammt aus einem Bericht der dpa von 18:20 Uhr. Damit stellt der Staatspräsident einen Zusammenhang her mit den vorangegangenen mutmaßlichen Abschüssen eines ukrainischen Kampflugzeugs vom Typ Suchoi Su-25 und eines ukrainischen Transportflugzeugs vom Typ Antonow An-26. Eine mögliche Verwicklung seiner eigenen Armee weist Poroschenko zurück: "Wir betonen, dass die ukrainischen Streitkräfte keine Schüsse abgegeben haben, die dazu geeignet wären, Ziele in der Luft zu treffen", erklärt er der AFP zufolge.

Die Gegenseite lässt wenig Zeit verstreichen, bis sie sich ebenfalls zum Vorfall äußert. Einer dpa-Meldung von 18:28 Uhr zufolge schiebt der selbsternannte Regierungschef der "Volksrepublik Donezk", Alexander Borodaj, die Schuld der ukrainischen Armee zu. Die prorussischen Aufständischen hätten keine Waffen, um Maschinen in einer Höhe von 10 000 Metern zu treffen, sagt er. Es handele sich vielmehr um eine "Provokation" der ukrainischen Luftwaffe.

Die nächste Eskalationsstufe ist dann etwa eineinhalb Stunden später erreicht. Wie die dpa um 19:59 Uhr meldet, hält Poroschenko den Vorfall nun für einen "terroristischen Akt" der prorussischen Separatisten - "weder für einen Zwischenfall, noch für eine Katastrophe".

Humanitäres Signal der Separatisten: Borodaj erklärt sich einer Mitteilung der AFP von 21:29 Uhr zufolge zu einer kurzen Feuerpause bereit, damit die Verstorbenen am Absturzort geborgen werden können.

Um 22:40 Uhr zitiert die Nachrichtenagentur US-Regierungskreise. Demnach wurde die in etwa zehn Kilometern Höhe fliegende Boeing 777 von einer Boden-Luft-Rakete getroffen.

Am späten Abend sieht sich auch Russlands Präsident Wladimir Putin genötigt, Stellung zu beziehen. Um 22:59 Uhr berichtet die dpa, der Staatschef schreibe der Ukraine die Verantwortung für den Absturz zu. Die Tragödie wäre nicht passiert, wenn es in der Ostukraine keinen Krieg gäbe, sagt er demnach in Moskau.

Hoffnung auf Aufklärung: Die Ukraine-Kontaktgruppe mit Vertretern aus Kiew, Moskau und der OSZE teilt am Morgen nach dem Absturz mit, die prorussischen Separatisten in der Ostukraine wollten den Ermittlern Zugang zur Absturzstelle von MH17 gewähren. AFP berichtet dies am 18. Juli um 7:59 Uhr.

Rettungskräfte finden einem Reuters-Kameramanns zufolge einen weiteren Flugschreiber der abgestürzten Maschine. Das teilt die Nachrichtenagentur um 8:02 Uhr mit. Wenig später bestätigt die AFP den Fund - prorussische Separatisten hatten nach eigenen Angaben bereits am Donnerstagabend eine sogenannte Blackbox sichergestellt.