Proteste nach Gruppenvergewaltigung in Indien Gefangen im Patriarchat

Eine kritische, urbane Mittelschicht in Indien protestiert nicht nur gegen die Massenvergewaltigungen und für mehr Frauenrechte. Sondern auch, gegen eine Regierung, die unfähig ist, den gesellschaftlichen Wandel mitzugestalten.

(Foto: dpa)

Nach dem Tod einer jungen Inderin infolge einer Gruppenvergewaltigung begehrt nun die urbane Mittelschicht auf gegen eine archaische Geisteshaltung: Es gibt in Indien immer noch Männer, die glauben, sie könnten sich alles herausnehmen, ohne dafür belangt zu werden, sexuelle Übergriffe gehören zur Tagesordnung. Doch mit einem gesellschaftlichen Wandel ist die Regierung überfordert.

Ein Kommentar von Tobias Matern

Eine Horde Männer verprügelt und vergewaltigt eine Studentin in Indiens Hauptstadt Delhi, die junge Frau stirbt an ihren schweren Verletzungen. Die Frage nach systemimmanenten Missständen drängt sich auf, denn sexuelle Übergriffe gehören zur Tagesordnung. Tausende Menschen haben sich zu Demonstrationen rund um das Regierungsviertel eingefunden. Sie drücken keineswegs nur ihre Wut über die grausame Tat aus. Sondern auch über die herrschende Klasse in Indien, die sich von ihrer Bevölkerung immer weiter entfernt.

Die Demonstranten trugen nicht ausschließlich Banner mit der Forderung nach Gleichstellung der Frauen. Sie riefen auch immer wieder einen wütenden Slogan: "Ihr seid unsere Herrscher, nicht unsere Repräsentanten." Das richtete sich direkt an die Adresse der Politiker und Privilegierten. Es gibt in der weiterhin extrem nach Kasten orientierten indischen Gesellschaft eine - vor allem männerdominierte - Gruppe von Leuten, die von einem ganz bestimmten Gedanken beseelt sind: Wir können uns herausnehmen, was wir wollen, ohne dafür belangt zu werden.

Obwohl die mutmaßlichen Täter in dem aktuellen Fall schnell verhaftet wurden, weiß jeder weniger betuchte Inder von einem schwerfälligen, ungerechten und korrupten Justiz- und Bürokratie-Apparat zu berichten, der die Kleinen drangsaliert und die Großen laufen lässt. Auch ein wesentlicher Teil der Politik profitiert davon.

Die Regierung in Delhi, angeschlagen nach einer Reihe von Korruptionsskandalen und unfertigen Reformvorhaben, reagierte ungeschickt, sie zauderte nach dem Vergewaltigungsfall, der der Mittelschicht ein Ventil für den schwelenden Zorn öffnete. Der in der zweiten Amtszeit glücklos agierende Premierminister Singh brauchte fast eine ganze Woche, um die aufgebrachten Menschen zu besänftigen. Selbst Indiens mächtigste Politikerin, Sonia Gandhi, griff erst dann beschwichtigend ein, als die Welle der Wut schon übergeschwappt war. Indiens Mächtige reagieren mehr, statt zu agieren.

Peinlich, aber noch nicht existenzbedrohend für den Premier

Es ist ein relativ neues Phänomen in Indien, dass die Regierung mit ihrem Schweigen und der Passivität nicht mehr einfach davonkommt. Nun gibt es eine kritische Öffentlichkeit, sie prangert lautstark gesellschaftliche Verfehlungen an. Angetrieben von einer schrillen Medienberichterstattung ist es die urbane Mittelschicht, die ihren Frust zum Ausdruck bringt. Darin zeigt sich der Vertrauensverlust für Politiker wie Singh, der einstige Held genau dieser Klasse. Für den Premier ist der Pranger zwar peinlich, aber noch nicht existenzbedrohlich. Denn die Mittelschicht ist nach wie vor eine Minderheit in Indien, die große Mehrheit ist und bleibt gesellschaftlich ausgeschlossen.

Indien hat in den vergangenen beiden Jahrzehnten eine Reihe wirtschaftlicher Selbstbeschränkungen abgelegt und sich geöffnet, ein rasantes Wachstum war die Folge. Auf der Strecke geblieben sind entscheidende Projekte: eine umfassende Justiz- und Bürokratiereform etwa, aber vor allem auch die Verbesserung der Rechte der Frauen. Auf dem Papier mag dies anders aussehen, aber in den Köpfen vieler Inder ist noch ein altes, patriarchalisches Denken verankert. Die Vielzahl der sexuellen Übergriffe zeugt von der archaischen Geisteshaltung: Durchschnittlich einmal pro Tag wird in Delhi eine Vergewaltigung gemeldet, die Dunkelziffer dürfte noch weit höher sein.

Es muss sich etwas in den Köpfen der indischen Männer ändern, es müssen Vergewaltigungsfälle auch strafrechtlich geahndet werden - auch Fälle, die nicht so viel Aufmerksamkeit erregen. Vor allem aber hätte sich die Politik bei dem Bemühen um mehr Gleichberechtigung an die Spitze der Gesellschaft stellen müssen. Doch diesen Willen lässt die Regierung vermissen.