Oppositionsanhänger in Bangkok haben den Flughafen Suvarnabhumi besetzt. Für wen die Demonstranten kämpfen - und warum sie die Staatsgewalt bislang kaum fürchten mussten.
Es war ein Kinderspiel, eine Eroberung ganz ohne Anstrengung. Als sich die Gegner der thailändischen Regierung aufmachten, um den internationalen Flughafen Bangkoks zu besetzen, stellte sich ihnen niemand in den Weg. Keine Polizei, kein Militär. Die Protestierenden fuhren auf der Autostraße hinaus zum Flughafen Suvarnabhumi, dem neuen Airport aus Glas und Stahl im Nordosten der Hauptstadt, errichteten Straßenblockaden und setzten sich zu Hunderten in die Abflughalle.
Chaos auf dem Flughafen Bangkok-Suvarnabhumi. (© Foto: dpa)
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Ohne jeden Widerstand der Staatsgewalt. Das Bodenpersonal ergriff die Flucht. Auch die Sicherheitskräfte des Flughafens verließen das Terminal. Und die Polizei schaute zu, so wie sie schon zusah, als die Regierungsgegner in den vergangenen Monaten den Regierungssitz im Zentrum der Stadt besetzten, zwischenzeitlich auch das Parlament, die Ministerien, die Radio- und Fernsehstationen. Ein Hauch von Anarchie weht durch Bangkok.
In nur wenigen Stunden war der Flughafen, eine Drehscheibe für jährlich 41Millionen Passagiere, in die Hände der Volksallianz für Demokratie, PAD, gelangt - einer Bewegung, die ihren schönen Namen wegen der gewalttätigen Aktionen nicht wirklich verdient. Tausende ausländische Touristen sitzen nun in Bangkok fest. Sie sind verärgert und wohl auch verwirrt über das Spektakel der Protestierenden ganz in Gelb.
Das ist die Farbe des thailändischen Königshauses. Alle Demonstranten tragen gelbe T-Shirts oder gelbe Stirnbänder, als wollten sie damit bedeuten, ihr Kampf sei im Sinne und für das Wohl des Königs. Sie veranstalten im Terminal einen Lärm, als hätten sie nach sechs Monaten des Dauerprotests den Kampf gegen die ungeliebte Regierung mit dieser schnellen Übernahme des Flughafens gewonnen. Endgültig, triumphal, euphorisiert.
Ein Sprecher der PAD ließ den Fluggesellschaften ausrichten, dass in Bangkok nur noch landen oder starten dürfe, wer davor bei ihnen, den Besatzern, um Erlaubnis gefragt habe. Für einige Minuten gelang es den Demonstranten sogar, den Kontrollturm unter ihre Gewalt zu bringen. Sie wollten im Tower herausfinden, wann der thailändische Premier Somchai Wongsawat - auf der Rückreise vom Gipfeltreffen in Peru - in Bangkok landen würde. Sie wollen ihn zum Rücktritt zwingen, sie wollen ihn nach monatelanger Belagerung besiegen. Am liebsten hätten sie ihn sogar daran gehindert, in Thailand zu landen. "Wir räumen den Flughafen erst, wenn Somchai zurückgetreten ist", sagten die Demonstranten.
Darum geht es der PAD, vordergründig zumindest. Die Protestbewegung, die sich zusammensetzt aus reaktionären Monarchisten, liberalen Wirtschaftsleuten, Intellektuellen, Studenten, Aktivisten, Gewerkschaftern, aus ganz normalen Bürgern und aus Schlägern aus der Provinz, vereint nur die gemeinsame Abneigung gegen Thaksin Shinawatra, die große Reizfigur der thailändischen Politik.
Der reiche Unternehmer und Populist, der von 2001 bis 2006 regierte, war der erste thailändische Premier in der bewegten und von vielen Militärcoups geprägten Geschichte, der eine gesamte Legislaturperiode überstand. Sein Erfolg rührte von seiner Popularität im armen, ländlichen, dicht besiedelten Nordosten des Landes her, wo er den Menschen billige Kredite und Subventionen bescherte. Sie wählten ihn dann zum Dank zwei Mal in Folge und machten ihn so zu einer ernsthaften Bedrohung für das Bangkoker Establishment aus Royalisten, hohen Beamten und Militärs, die das Land seit Jahrzehnten beherrscht hatten.
Auf der Flucht
Thaksin stellte das Machtgefüge auf den Kopf, verrückte die politische Geographie. Man warf ihm in der Endphase seiner zunehmend selbstherrlichen Regierungszeit vor, er sei im Herzen ein Republikaner. Im königstreuen Thailand gilt das als besonders üble Nachrede. Die PAD demonstrierte schon im Jahr 2006 so lange gegen den angeblichen Rivalen des Monarchen, bis das Militär einschritt, Thaksin stürzte und ins Exil drängte. Er ist nun auf der Flucht vor der Justiz, die ihn unlängst zu einer zweijährigen Haftstrafe wegen angeblichen Machtmissbrauchs verurteilt hat.
Wahrscheinlich hält er sich in Dubai auf. Doch er bewegt die thailändische Politik weiterhin. An der Macht sind mittlerweile seine früheren Weggefährten, die im vergangenen Dezember die Wahlen gewonnen hatten. Der amtierende Premierminister Somchai ist Thaksins Schwager. Und deswegen ist die Volksallianz nicht bereit, die Wahl zu akzeptieren. Sie behauptet, die Menschen auf dem Land seien nicht gebildet genug, um "richtig" zu wählen, sie ließen sich von einem Populisten wie Thaksin verführen und bestechen. Deshalb schlägt die Bewegung nun vor, dass künftig nur noch ein Drittel der Parlamentssitze direkt vom Volk gewählt werden soll, während der Rest von Korporationen zu bestimmen sei - ein Teil auch vom Militär.
Im Grunde denken viele so im Bangkoker Establishment: unter den Generälen, den Aristokraten und Technokraten. Es ist ein Reflex, um die Macht zu halten. Darum ließ man die Protestierenden wohl bislang so frei protestieren. Doch mittlerweile scheint es, als gingen sie vielen zu weit. Die Umfragewerte belegen das. Die Besetzung des Flughafens kostet Millionen, schadet dem Tourismus und dem Renommee des Landes. Das Kinderspiel hat sehr ausgewachsene Folgen.
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(SZ vom 27.11.2008/che)
"Undercover" bei Paketzusteller GLS
Meiner Ansicht nach beschreibt der Artikel von Oliver Meiler die Situation in Thailand recht zutreffend. Ich als Thailänderin sehe die Unruhen in Thailand mit großem Bedauern und bin sehr traurig darüber.
Mein Gefühl ist, dass die PAD die Demokratie in Thailand weitgehend abschaffen will. Mit 70% ernannten Parlamentsmitgliedern (durch Militär und andere) und nur 30% vom Volk gewählten Vertretern kann man sicher nicht von einer Demokratie sprechen. Interessant ist, dass ich in Gesprächen mit vielen PAD nahe stehenden Personen festgestellt habe, dass diese Forderung der PAD-Spitze nicht richtig bekannt ist.
Gestern habe ich in den Tagesthemen ein Interview mit einem PAD-Unterstützer vom Bangkoker Flughafen gesehen, welcher Taksin als thailändischen Hitler bezeichnet hat. Ich denke dies zeigt, wie übertrieben negativ viele PAD-Unterstützer die Regierung und Taksin sehen. Taksin ist sicher kein Waisenknabe (immerhin verurteilt wegen Amtsmissbrauchs zu 2 Jahre Gefängnis), aber gerade in Deutschland weiss man, was Hitler angerichtet hat.
Ich kann verstehen, dass aus europäischer Sichtweise die Politik und das Vorgehen von Taksin gegen Mafia und Drogen in Thailand als recht gewalttätig erscheinen mag. Ich würde mir auch wünschen, dass mafiöse Strukturen und Drogen in Thailand nicht so weit verbreitet wären. Aber mein Eindruck war, dass durch Taksins Politik seinerzeit diese schlechten Seiten stark zurückgedrängt wurden.
Auch das konsequente Einforderung von Steuerzahlungen der Taksin Regierung war bei vielen Leuten in Thailand nicht beliebt. Diese Steuergelder verwendete Taksins Regierung, um ärmere Leute zu unterstützen und eine allgemein zugängliche Gesundheitsversorgung einzuführen. Hier in Europa würde man wohl gute sozialdemokratische Politik dazu sagen. Diejenigen, welche mehr Steuern und Abgaben zahlen mussten, fanden dies natürlich als schlecht.
Ich hoffe, dass die Unruhen in Thailand bald zu Ende gehen und wieder Frieden eintritt. Und ich hoffe, dass die demokratischen Staaten in Europa und die USA Thailand auf dem Weg in die Demokratie nicht vergessen.
... ist eine genauere Beschreibung der Rolle, die das Königshaus in der ganzen Situation spielt: König Bhumipol ist alt und krank und sein Tod nur eine Frage der Zeit. Thronfolger Vajiralongkorn ist - vor allem wegen seines skandalträchtigen Privatlebens - im Volk unbeliebt und keine gute Basis für den Machterhalt der Monarchie. Wird er König, ist es vorbei mit dem fast gottgleichen Ansehen, das sein Vater bisher genießt. Für viele wäre das willkommender Anlaß, kritisch die äußerst große Verflechtung des Königshauses mit der thailändischen Wirtschaft zu beleuchten und den faktisch enormen Einfluß der Monarchie auf die Politk zurückzudrängen. Beide Seiten versuchen daher, sich für die Nach-Bhumipol-Zeit in eine günstige Ausgangspostion zu bringen. Ob das demonstrative Auftreten der Königin auf Seiten der PAD dafür aber wirklich hilfreich war, wird sich zeigen.
Insgesamt eine reichlich verfahrene Situation. Ich bin derzeit nicht sehr zuversichtlich, was die politische Zukunft Thailands angeht.
Auch Sie haben vollkommen recht. Die ganze Situation ist sehr komplex. Der Artikel ist leider in keinster Weise dazu in der Lage, diese Komplexitaet auch nur annaehernd abzubilden. Er versucht es aber auch ueberhaupt nicht - und das ist das eigentlich Bedenkliche und deshalb auch die Kritik.
Meiner Ansicht nach ein sehr treffender Artikel.
Wenn die PAD, oder besser gesagt die dahinterstehende Elite, Thaksin der Korruption beschuldigt, dann ist dies nur noch laecherlich. Anscheinend ist Korruption nur dann schlecht, wenn jemand anderer davon profitiert.
Die PAD geht viel zu weit, sie beschaedigt Thailand enorm, unter den duldenden Augen der Militaers. Man wird sehen, wie die Sache weitergeht. Jedenfalls verhaelt sich die Regierung um Welten besonnener als diese selbsternannte Volkallianz, hinter der offenbar sehr wenig Volk steht, wie die Wahlen zeigten.
... der die sogenannte PAD korrekt beschreibt: ein Haufen von Reaktionären, die nichts von Demokratie halten und gegen Korruption auch nur dann was einzuwenden haben, wenn sie von der "falschen" Seite ausgeübt wird. Gut, Robert R. und aigneredv haben insoweit recht, als daß Thaksin hier viel zu gut wegkommt. Aber seine wahren Untaten, wie der mörderische "Krieg gegen Drogen" oder die blutigen Vorfälle in den südlichen Provinzen, werden von der thailändischen Justiz nicht weiter untersucht, weil darin die etablierte Machtclique - allen voran das Militär - ebenfalls verstrickt ist. Die einzige Verurteilung Thaksins bisher war deswegean auch nur wegen eines reichlich lächerlichen Vorwurfs, in dem ihm gerade kein Amtsmißbrauch nachgewiesen werden konnte, sondern man diesen einfach unterstellt hat, um ihn verurteilen zu können. An die echten Verbrechen der Thaskin-Zeit wird keiner rühren, weil er dafür nicht alleine verantwortlich gemacht werden kann.
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