Von Oliver Meiler

Oppositionsanhänger in Bangkok haben den Flughafen Suvarnabhumi besetzt. Für wen die Demonstranten kämpfen - und warum sie die Staatsgewalt bislang kaum fürchten mussten.

Es war ein Kinderspiel, eine Eroberung ganz ohne Anstrengung. Als sich die Gegner der thailändischen Regierung aufmachten, um den internationalen Flughafen Bangkoks zu besetzen, stellte sich ihnen niemand in den Weg. Keine Polizei, kein Militär. Die Protestierenden fuhren auf der Autostraße hinaus zum Flughafen Suvarnabhumi, dem neuen Airport aus Glas und Stahl im Nordosten der Hauptstadt, errichteten Straßenblockaden und setzten sich zu Hunderten in die Abflughalle.

Protestierende besetzen Bangkoks Flughafen / dpa

Chaos auf dem Flughafen Bangkok-Suvarnabhumi. (© Foto: dpa)

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Ohne jeden Widerstand der Staatsgewalt. Das Bodenpersonal ergriff die Flucht. Auch die Sicherheitskräfte des Flughafens verließen das Terminal. Und die Polizei schaute zu, so wie sie schon zusah, als die Regierungsgegner in den vergangenen Monaten den Regierungssitz im Zentrum der Stadt besetzten, zwischenzeitlich auch das Parlament, die Ministerien, die Radio- und Fernsehstationen. Ein Hauch von Anarchie weht durch Bangkok.

In nur wenigen Stunden war der Flughafen, eine Drehscheibe für jährlich 41Millionen Passagiere, in die Hände der Volksallianz für Demokratie, PAD, gelangt - einer Bewegung, die ihren schönen Namen wegen der gewalttätigen Aktionen nicht wirklich verdient. Tausende ausländische Touristen sitzen nun in Bangkok fest. Sie sind verärgert und wohl auch verwirrt über das Spektakel der Protestierenden ganz in Gelb.

Das ist die Farbe des thailändischen Königshauses. Alle Demonstranten tragen gelbe T-Shirts oder gelbe Stirnbänder, als wollten sie damit bedeuten, ihr Kampf sei im Sinne und für das Wohl des Königs. Sie veranstalten im Terminal einen Lärm, als hätten sie nach sechs Monaten des Dauerprotests den Kampf gegen die ungeliebte Regierung mit dieser schnellen Übernahme des Flughafens gewonnen. Endgültig, triumphal, euphorisiert.

Ein Sprecher der PAD ließ den Fluggesellschaften ausrichten, dass in Bangkok nur noch landen oder starten dürfe, wer davor bei ihnen, den Besatzern, um Erlaubnis gefragt habe. Für einige Minuten gelang es den Demonstranten sogar, den Kontrollturm unter ihre Gewalt zu bringen. Sie wollten im Tower herausfinden, wann der thailändische Premier Somchai Wongsawat - auf der Rückreise vom Gipfeltreffen in Peru - in Bangkok landen würde. Sie wollen ihn zum Rücktritt zwingen, sie wollen ihn nach monatelanger Belagerung besiegen. Am liebsten hätten sie ihn sogar daran gehindert, in Thailand zu landen. "Wir räumen den Flughafen erst, wenn Somchai zurückgetreten ist", sagten die Demonstranten.

Darum geht es der PAD, vordergründig zumindest. Die Protestbewegung, die sich zusammensetzt aus reaktionären Monarchisten, liberalen Wirtschaftsleuten, Intellektuellen, Studenten, Aktivisten, Gewerkschaftern, aus ganz normalen Bürgern und aus Schlägern aus der Provinz, vereint nur die gemeinsame Abneigung gegen Thaksin Shinawatra, die große Reizfigur der thailändischen Politik.

Der reiche Unternehmer und Populist, der von 2001 bis 2006 regierte, war der erste thailändische Premier in der bewegten und von vielen Militärcoups geprägten Geschichte, der eine gesamte Legislaturperiode überstand. Sein Erfolg rührte von seiner Popularität im armen, ländlichen, dicht besiedelten Nordosten des Landes her, wo er den Menschen billige Kredite und Subventionen bescherte. Sie wählten ihn dann zum Dank zwei Mal in Folge und machten ihn so zu einer ernsthaften Bedrohung für das Bangkoker Establishment aus Royalisten, hohen Beamten und Militärs, die das Land seit Jahrzehnten beherrscht hatten.

Auf der Flucht

Thaksin stellte das Machtgefüge auf den Kopf, verrückte die politische Geographie. Man warf ihm in der Endphase seiner zunehmend selbstherrlichen Regierungszeit vor, er sei im Herzen ein Republikaner. Im königstreuen Thailand gilt das als besonders üble Nachrede. Die PAD demonstrierte schon im Jahr 2006 so lange gegen den angeblichen Rivalen des Monarchen, bis das Militär einschritt, Thaksin stürzte und ins Exil drängte. Er ist nun auf der Flucht vor der Justiz, die ihn unlängst zu einer zweijährigen Haftstrafe wegen angeblichen Machtmissbrauchs verurteilt hat.

Wahrscheinlich hält er sich in Dubai auf. Doch er bewegt die thailändische Politik weiterhin. An der Macht sind mittlerweile seine früheren Weggefährten, die im vergangenen Dezember die Wahlen gewonnen hatten. Der amtierende Premierminister Somchai ist Thaksins Schwager. Und deswegen ist die Volksallianz nicht bereit, die Wahl zu akzeptieren. Sie behauptet, die Menschen auf dem Land seien nicht gebildet genug, um "richtig" zu wählen, sie ließen sich von einem Populisten wie Thaksin verführen und bestechen. Deshalb schlägt die Bewegung nun vor, dass künftig nur noch ein Drittel der Parlamentssitze direkt vom Volk gewählt werden soll, während der Rest von Korporationen zu bestimmen sei - ein Teil auch vom Militär.

Im Grunde denken viele so im Bangkoker Establishment: unter den Generälen, den Aristokraten und Technokraten. Es ist ein Reflex, um die Macht zu halten. Darum ließ man die Protestierenden wohl bislang so frei protestieren. Doch mittlerweile scheint es, als gingen sie vielen zu weit. Die Umfragewerte belegen das. Die Besetzung des Flughafens kostet Millionen, schadet dem Tourismus und dem Renommee des Landes. Das Kinderspiel hat sehr ausgewachsene Folgen.

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(SZ vom 27.11.2008/che)