Proteste in Schwellenländern Worin sich die Türkei und Brasilien gleichen

Es ist eine neue Generation, die in Rio und Istanbul auf die Straße geht. Diese Generation hat vom Wirtschaftsaufschwung der vergangenen Jahre profitiert. Jetzt will sie nicht mehr nur überleben, sie will gut leben.

Ein Kommentar von Sebastian Schoepp

Sind 20 brasilianische Centavos einen Aufstand wert? Auf jeden Fall, meinen die jungen Leute, die seit Wochen in São Paulo gegen die Erhöhung der Busfahrpreise um umgerechnet acht Euro-Cent demonstrieren. Doch natürlich geht es ihnen um viel mehr. Es geht darum, dass Brasiliens Mittelschicht morgens und abends in Megastaus ihre Gesundheit ruiniert, weil das Land seit Jahrzehnten aufs Autofahren fixiert ist und der öffentliche Nahverkehr nicht funktioniert. Es geht darum, dass der wirtschaftliche Erfolg die Lebensqualität nicht verbessert. Es geht letztlich darum, dass der Gigant Brasilien an sich selbst erstickt.

Durch den Aufschwung der letzten Dekade haben Millionen Brasilianer den Weg aus der Armut gefunden. Nun müssen sie feststellen, dass Flachbildfernseher, SUV und Shopping Mall allein nicht glücklich machen. In Zeiten der Diktatur war es oft der Fußball, der die Menschen ihre Probleme im kollektiven Rausch vergessen ließ.

Fifa-Präsident Joseph Blatter scheint noch in diesen Zeiten zu leben, wie seine Äußerung vermuten lässt: Der Krawall werde schon aufhören, wenn endlich der Ball rollt. Doch diese Zeiten sind vorbei. Die allermeisten Brasilianer wollen zwar die WM. Aber sie wollen nicht die Art und Weise, wie das Geschäft mit der Fifa abgewickelt wird und wie dabei Grundbedürfnisse nach Bildung, Nahverkehr und Gesundheit auf der Strecke bleiben.

Parallelen zur Türkei

Auffallend die Bezüge zur Türkei: "Die Buspreise sind unser Taksim-Platz", war in São Paulo immer wieder zu hören. In Istanbul ist die geplante Bebauung eines beliebten Platzes zum Symbol für die Kapitalisierung des öffentlichen Raums im Dienste schrankenloser Entwicklung geworden. Es ist eine Form von Privatisierung der Stadtpolitik wie sie auf Betreiben der Fifa auch in Brasilien praktiziert wird, wo Kleinhändler den Vermarktungsstrategen weichen müssen und punktuell Infrastruktur geschaffen wird, die nach den Spielen keiner braucht - während sie woanders fehlt.

Die lokalen Probleme mögen verschieden sein, das Phänomen ist jedoch überall dasselbe: Der wirtschaftliche Erfolg hat die Menschen in Schwellenländern mit der materiellen Grundsicherheit ausgestattet. Das war eine wichtige Voraussetzung, um auch als Staatsbürger Mündigkeit zu entwickeln. Die Proteste sind Ausdruck der Demokratisierung breiter Gesellschaftsschichten.

Diese Menschen haben viel zu verlieren, deshalb fordern sie anders als die behütet aufgewachsenen 68er der Industrieländer keine Utopien. Sie wollen Partizipation, und sie wollen nicht mehr nur überleben, sondern gut leben - wozu eine lebenswerte Umgebung gehört. Das digitale Zeitalter gibt ihnen außerdem die Möglichkeit zu verfolgen, was andere tun. Kairo inspirierte Madrid, Madrid inspirierte New York. Alle zusammen inspirierten Istanbul. Und nun São Paulo.

Die erfolgsverwöhnten politischen Eliten in Ankara und Brasília wirken verblüfft bis konsterniert. Haben sie nicht alles getan, um ihre Völker aus der Misere zu führen? Geht es den Menschen nicht viel besser als vor zehn Jahren? Politiker wie der türkische Premier Recep Tayyip Erdoğan oder Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff reagieren gerade wie enttäuschte Eltern, deren Wohlstandskinder aufbegehren. Erdoğan gibt dabei den autoritären Patriarchen; Rousseff, selbst ein Kind der Protestkultur der 60er-Jahre, spricht immerhin vom "Naturell der Jugend", zu demonstrieren. Freilich merkt sie dabei gar nicht, wie überheblich diese Aussage ist.

In den Schwellennationen spielt sich ein Generationenkonflikt ab. Die Kinder der Globalisierung haben erkannt, wie groß das Risiko ist, von der Globalisierung aufgefressen zu werden. Ihr Protest ist Ergebnis eines Reifeprozesses, der gerade die Welt verändert.