Proteste in Burkina Faso Zorn der frustrierten Jugend

Prodemokratische Demonstranten in Ouagadougou

(Foto: AP)

Indiz für einen "afrikanischen Frühling"? Der Ausgang des Umsturzes in Burkina Faso ist noch ungewiss - aber das dortige demokratische Selbstbewusstsein und die Überwindung von Obrigkeitsdenken sind beeindruckend.

Von Tobias Zick

Es war ein Aufstand mit Ansage. Dass das Volk von Burkina Faso sich früher oder später gegen seinen Präsidenten erheben würde, konnte erahnen, wer ein bisschen hinter die oberflächlichen Hurra-Meldungen blickte.

Die Hurra-Meldungen: Vom "Aufstieg" respektive "Boom" Afrikas schwärmen seit Jahren Wirtschaftsmagazine und Investmentberater, und dabei klammern sie sich stets vor allem an eine Zahl: das jährliche Wachstum des Bruttoinlandsprodukts. Auf dem Höhepunkt der Euphorie, 2012, etwa galt Burkina Faso als das Land mit dem sechsthöchsten Wirtschaftswachstum weltweit. In derselben Tabelle stand übrigens Sierra Leone an der Weltspitze, mit 18,2 Prozent Wachstum - eines jener drei Länder, die derzeit auch wirtschaftlich vom Ebola-Virus verwüstet werden, weil sie praktisch kein Gesundheitssystem haben.

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Burkina Faso, immerhin neun Prozent Wachstum, dazu internationales Renommee als Stabilitätsanker im aufgewühlten Westafrika: ein aufstrebendes, zuversichtliches Land? Wer ein bisschen tiefer in die Statistiken schaute, musste etwa auf diese Zahl stoßen: Platz 181 im Index für menschliche Entwicklung der Vereinten Nationen- der siebtletzte Rang weltweit. Auch im afrikaweiten Vergleich ist Burkina Faso ein sehr armes Land; viele Familien können sich nur dadurch ernähren, dass Angehörige in der benachbarten Elfenbeinküste arbeiten und von dort Geld nach Hause schicken. Vom Wirtschaftswachstum profitieren sehr wenige; die Erlöse etwa aus dem Export von Gold teilt die Elite.

Warnsignal für den Kontinent

Ein gängiges Argument lautet, man müsse "diesen Ländern mehr Zeit geben", um Armut zu beseitigen und gerechtere, demokratischere Strukturen zu schaffen. Doch im Fall von Burkina Faso prallt dieser Einwand an einer weiteren Zahl ab: der Zahl 27. So viele Jahre war Präsident Blaise Compaoré bereits im Amt, und seit Anfang dieses Jahres machte er keinen Hehl daraus, dass er erneut die Verfassung ändern will, um sich für eine weitere Amtszeit wählen zu lassen. Der Widerstand dagegen hat sich, etwa an den Universitäten, seit Monaten zusammengebraut. Am vergangenen Freitag nun hat sich der Volkszorn entladen; mehr als hunderttausend Demonstranten nötigten Compaoré zum Rücktritt. Doch dann übernahm das Militär die Macht, und die Proteste gehen weiter.

Es ist noch zu früh, um lauthals einen "afrikanischen Frühling" zu bejubeln - gerade weil die Ereignisse in Burkina Faso so viele Erinnerungen wecken an den Aufstand auf Kairos Tahrir-Platz 2011: Dort mündete ein Volksaufstand, getrieben von Hunger, Zorn und dem Sehnen nach Würde und Teilhabe, in eine Militärdiktatur. Dennoch sendet der Sturz von Blaise Compaoré schon jetzt ein Warnsignal über den Kontinent. In mehreren anderen Ländern planen Langzeitherrscher derzeit ähnliche Spielchen mit der Verfassung, um ihre Zeit an der Macht noch weiter auszudehnen. In den Präsidentenpalästen von Kinshasa und Brazzaville, von Kampala und Kigali werden die Nachrichten aus Burkina Faso gewiss minutiös verfolgt.

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Auf dem ganzen Kontinent wächst die Bevölkerung unaufhaltsam. Und eine schnell wachsende Bevölkerung ist eine im Durchschnitt sehr junge Bevölkerung. Vor dem Zorn einer frustrierten Jugend, das musste Blaise Compaoré nun erleben, schützt einen heutzutage auch kein noch so guter Draht nach Washington und Paris mehr. So offen der Ausgang des Umsturzes in Burkina Faso derzeit noch ist: Wer als Kriterium für einen Aufstieg Afrikas nicht nur nackte Wachstumszahlen betrachtet, sondern auch demokratisches Selbstbewusstsein und die Überwindung von Obrigkeitsdenken, der kann sich dem Hauch von Frühlingsluft, der in diesen Tagen aus Ouagadougou weht, schwer entziehen.