Proteste in Brasilien gegen Fußball-WM "Wir brauchen keine Partys"

Das brasilianische Volk erhebt sich gegen die Milliardenausgaben für die Fußballweltmeisterschaft 2014 und geht auf die Straße. Eine junge Brasilianerin protestiert via Youtube gegen die Zustände in ihrem Heimatland und erklärt: "Ich gehe da nicht hin." Das Video ist längst ein Hit.

Von Friederike Zoe Grasshoff

Carla will nicht feiern, sie sieht keinen Grund dazu. Carla geht nicht zur Weltmeisterschaft, sie dreht lieber dieses Video. Die junge Frau kommt aus Brasilien und arbeitet in den USA als Regisseurin. Sie sitzt vor einer weißen Leinwand, rollt die grünen Augen, schaut gelangweilt in die Kamera und stützt den Kopf auf ihre geballte Faust. Trommelwirbel erklingt: feiernde Menschen, Fußball, Karneval, der Klischeeklang Brasiliens.

Dann plötzlich Stille, Carla Dauden schaut ernst. Gegen genau dieses Klischee eines partywütigen Brasiliens wehrt sie sich in ihrem sechsminütigen Youtube-Clip, der bereits vor den landesweiten Protesten in Brasilien entstanden war und mittlerweile mehr als 2,8 Millionen Mal angeklickt wurde. Stündlich werden es mehr. Carlas Botschaft: "Die WM und die Olympischen Spiele sind tolle Events, aber nicht das, was unser Land momentan braucht."

Viele User sehen das ähnlich, mehr als 20.000 Kommentare sind bisher auf Youtube eingegangen. Das Video trifft einen Nerv, kommentiert unaufgeregt die Zustände im bevölkerungsmäßig fünftgrößten Land der Erde: Drogenkriminalität, der mangelhafte Zustand von Krankenhäusern, das Bildungssystem.

"13 Millionen Brasilianer sind unterernährt, 21 Prozent der Bevölkerung sind Analphabeten und unser Land ist auf Platz 85 des Weltentwicklungsindex." Ein schnippischer Blick. "Brauchen wir wirklich noch mehr Stadien?" Für Carla ist dies nur eine rhetorische Frage. "30 Milliarden wird die Weltmeisterschaft kosten. Das ist mehr als alle drei vergangenen WMs zusammen gekostet haben."

"Ich werde nicht hingehen"

Carla spricht ruhig, nie erhebt sie ihre Stimme: "Wir brauchen keine Stadien, wir brauchen Bildung. Wir müssen Brasilien nicht für den Rest der Welt besser aussehen lassen, wir brauchen Nahrung und Gesundheit für die Menschen." Und dann mit Nachdruck: "Wir brauchen keine Partys." Es gebe genug Geld in dem Schwellenland, um etwas gegen diese Mängel zu unternehmen, nun ja, bis zur Fußballweltmeisterschaft 2014 und den Olympischen Spielen 2016 habe es genug Geld gegeben. Carla fasst zusammen: "Wir müssen über unsere Proritäten nachdenken."

Schnitt. Eine Ärztin bekommt im Krankenhausfoyer einen cholerischen Anfall: "Ich bin Ärztin - und ich bin empört. Ich bin allein mit dieser Scheiße." Schnitt. Präsidentin Dilma Rousseff steht auf einer Fifa-Bühne und liest von einem Zettel ab. Sie sagt, wie stolz man auf Brasilien sein könne. Der wirtschaftliche Aufschwung, die wachsende Mittelschicht. Im Publikum sitzt Fifa-Präsident Sepp Blatter.

Sie spricht monoton von kultureller und religiöser Diversität, während andere Bilder eingeblendet werden, die gar nicht dazu passen wollen. Armenviertel in den Großstädten (Favelas), Schießereien, blutverschmierte Krankenhausliegen. Roussef spricht weiter: Das Land sei bestens für die WM vorbereitet, sowohl was die Infrastruktur betreffe als auch die Sicherheit. "Sie können sicher sein, dass dieses neue Brasilien bereit sein wird, die Welt im Jahr 2014 zu verzaubern." Schnitt. Ein Polizist feuert einen Schuss ab, Sirenen heulen.