Proteste in aller Welt Heiliger Zorn der Jugend

Die englischen Unruhen hatten einen Fehler: Sie mündeten in sinnlose Randale. Die Blödheit der Randalierer hat es der Regierung erleichtert, in der eigenen Dummheit zu verharren. So leicht machen es die jungen Demonstranten im Rest der Welt ihren Regierungen nicht. Sie demonstrieren friedlich für eine Demokratie, die ihrem eigenen Anspruch gerecht wird: gemeinsam die Zukunft zu gestalten.

Ein Kommentar von Heribert Prantl

Die Scherben sind zusammengekehrt; die Schaufenster werden neu verglast; Sneakers und Flachbildschirme stehen wieder im Regal; und die ersten Randalierer von London sind kräftig verurteilt. Das große Erschrecken ist schon fast wieder vorbei.

Der britische Premierminister David Cameron hat die jungen Plünderer für krank erklärt und zur Heilung angekündigt, dass ihren Familien die Sozialhilfe entzogen wird. Es wird die Sippenhaft eingeführt. Es kommt der britischen Politik entgegen, dass die Unruhen so sprachlos gewalttätig, so destruktiv sinnlos und so niederträchtig waren. Die Blödheit der Randalierer hat es der Regierung erleichtert, in der eigenen Dummheit zu verharren. Sie antwortet auf soziale Desintegration allein mit Repression.

Denn sie wissen nicht, was sie tun

So leicht machen es die jungen Demonstranten in Spanien und Portugal ihren Regierungen nicht, auch nicht die in Kairo, Tel Aviv und Santiago de Chile. Diesen Protest kann man - weil er zwar stinkwütend, aber meist friedlich ist - nicht zusammen mit der Gewalt von der Straße kehren.

Man kann die Jugendproteste, wie die in Madrid, naiv nennen, aber sie artikulieren ein Generalunbehagen der Gesellschaft: Die Proteste sind Ausdruck der Empörung über soziale Ungerechtigkeit, oft skandieren sie keine konkreten Forderungen, sondern sie stehen einfach für das bedrohliche Gefühl, dass der Staat vom Markt beherrscht wird. Die Proteste wollen - ist das zu viel verlangt? - eine Demokratie, die ihrem eigenen Anspruch gerecht wird: gemeinsam die Zukunft zu gestalten.

Von dieser Gemeinsamkeit spüren abgehängte Jugendliche nichts, und von der Zukunft sehen sie die Arbeitslosenstatistiken, die ihnen sagen, was sie schon wissen - dass sie in einer Gesellschaft leben, die sie offensichtlich nicht braucht und die auch kein Geld dafür hat, daran etwas zu ändern: weil erstens gespart werden muss und weil zweitens das Geld, das noch da ist, für Rettungsaktionen auf den Finanzmärkten gebraucht wird. Eine solche Sicht auf die Dinge ist zwar zu simpel, aber unter dem Strich doch richtig.

"Rebel Without a Cause", hieß der Film von 1955 über die "verlorene Generation", mit dem James Dean weltberühmt wurde. Der deutsche Titel lautete: "Denn sie wissen nicht, was sie tun". Heute gilt dieser Titel weniger für die Jugendlichen, denn für die Politiker.

Die Reise nach Jerusalem

Wer ihre Aktionen zur Rettung der Banken und der Finanzwirtschaft rekapituliert, wer ihre Aktivitäten zur Rettung des Euro betrachtet, wer also sieht, wie anscheinend das gute Geld dem schlechten hinterhergeworfen wird und wie bei alledem die nationalen Parlamente so an den Rand gedrängt werden wie die Jugendlichen auf dem Arbeitsmarkt, wer registriert, dass die Regierungschefs bei ihren diversen Rettungsaktionen genau das tun, was sie gestern noch als grundfalsch abgelehnt haben und dass die führenden Ökonomen zu alledem Ratschläge geben, die sich täglich fundamental widersprechen - wer also das Gefühl hat, dass sich seine Welt in ein Irrenhaus verwandelt, der darf zumindest diese Frage stellen: Wissen die eigentlich noch, was sie tun?

Und er darf, auch wenn er selbst keine Lösung weiß für Probleme, für die die Politiker auch keine haben, darauf hinweisen, was Demokratie heißt: Herrschaft des Volkes für das Volk. Aber diese Herrschaftszeiten sind offenbar vorbei.

Die Gesellschaften vieler Staaten sehen sich in einem Spiel, das so ähnlich funktioniert wie die "Reise nach Jerusalem". Die Teilnehmer stellen sich dabei neben den Stühlen auf, die im Kreis angeordnet sind. Sobald die Musik ertönt, laufen alle im Kreis um die Stühle herum. Wenn die Musik abbricht, muss jeder versuchen, sich möglichst schnell auf einen freien Stuhl zu setzen.

Im Spiel scheidet stets ein Spieler aus, weil eine Sitzgelegenheit zu wenig aufgestellt ist. Im wahren Leben ist es viel schlimmer: Es unterscheidet sich in Spanien, Großbritannien, Italien, Israel oder Deutschland dadurch, wie viele Stühle weniger aufgestellt sind. Und weil die Musik zu selten spielt, bleiben die sitzen, die schon sitzen und die stehen, die schon stehen. Eine mobile Gesellschaft ist das nicht. Es ist eine, in der Junge kaum Chancen haben.

Nichts zu Schmieden

In Großbritannien werden die Sozialleistungen weiter gekürzt; auffällige Jugendliche werden durch Anti-Social-Behaviour Orders, durch Maßregeln gegen anti-soziales Verhalten, zur Räson gebracht. Das ist dann die einzige Qualifikationsmaßnahme, die diese Jugendlichen je erhalten haben. Kaum ein anderes führendes Industrieland in Europa hat ein so klassifizierend abgeschottetes Bildungssystem wie das britische. Vier Millionen Kinder und Jugendliche leben dort in Armut, das sind rund dreißig Prozent. Aber Premier Cameron sagt dazu das, was schon vor dreißig Jahren Margaret Thatcher propagiert hat: Jeder ist seines Glückes Schmied.

Das ist einerseits ein Satz, der den Neoliberalen gefällt, weil sie Solidarität und Fürsorge für Schmonzes halten. Das ist aber auch ein jugendlich-optimistischer Satz, in dem viele junge Leute ihre Überzeugung wiederfinden, weil sie ihrem Glück und ihrer Kraft vertrauen - bis sie erfahren, dass niemand sie schmieden lassen will.

Das ist eine Generalerfahrung, ein Grundgefühl, das junge Leute in vielen Ländern teilen. Wenn es aber nichts zu schmieden gibt, ist es sinnlos, wenn Recht und Politik versuchen, den Jungen diesen Satz mit repressiven Mitteln einzubläuen. Ausgrenzung kann man nicht mit der Polizei beenden. Es geht nicht mehr um Sozialkontrolle in Adoleszenzkrisen. Es geht um Lebensperspektiven.

Der heilige Zorn der Jungen

Der Kapitalismus ist eine ähnlich frevlerische Wirtschaftsform, wie sie der Kommunismus war. Er frevelt heute auf Kosten von Menschen und Staaten. Zuletzt vermochte er es gar, den Staat davon zu überzeugen, dass dieser die vom Kapitalismus angehäuften Schulden tragen muss - wegen der staatlichen Verantwortung für das Große und Ganze. Der Kapitalismus brachte es fertig, von anderen das einzufordern, was er selbst nicht zu tun bereit ist: Verantwortung zu tragen. Der Kapitalismus kann so vieles; die märchenhafte Fähigkeit, Stroh zu Gold zu spinnen, gehört zu seinem Repertoire. Diese Kunst hat wechselnde Namen; zuletzt nannte man sie "Leerverkäufe".

Die Kosten dieses Systems trägt die Mittelschicht, die sich geschunden wähnt von der Unterschicht, weil die von den Steuern der Mittelschicht lebt und weil sie betrogen wird von Reichen, die keine Steuern zahlen. Die Regierungen könnten an der Schonung des Reichtums etwas ändern; aber sie tun es nicht. In der Finanzkrise vor drei Jahren glaubte man, ein Fegefeuer des Kapitalismus zu erleben. Das war eine Täuschung. Genauso enttäuscht wurde die Erwartung, dass dem Markt durch Gesetze strikte Regeln auferlegt werden. Von der international-sozialen Marktwirtschaft, von einem menschlichen Kapitalismus also, ist man heute so weit weg wie 2008.

Der Weltjugendtag in Madrid wäre der Ort, eine globale soziale Ungerechtigkeit anzuprangern, die in der Weltjugendarbeitslosigkeit kulminiert. 1967 hat ein Papst, es war Paul VI., in der Enzyklika über den "Fortschritt der Völker" eindringlich gefordert, "dass die Wirtschaft im Dienst des Menschen steht". Die 44 Jahre seitdem haben diese Forderung verhöhnt. Der heilige Zorn darüber ist ausgeblieben. Jetzt hat ihn die Jugend.