Proteste in Ägypten Gewalt wird von allen begrüßt

Die aufgeheizte Öffentlichkeit verlangt endlich Taten gegen die Proteste der Muslimbrüder. Doch die Regierung ist gespalten, und Vizepräsident ElBaradei weiß, dass ein neues Massaker ihn zum Rücktritt zwingen würde. Die Muslimbrüder wollen das, sie berauschen sich im Bildermeer ihrer Toten.

Ein Kommentar von Sonja Zekri, Kairo

Ja. Nein. Später. Ägypten, reich an Falschinformationen und Gerüchten, wartet auf die Zerschlagung des Muslimbrüder-Protestes. Heute. Morgen. Später. Die armeetreuen Medien und eine aufgeheizte Öffentlichkeit verlangen Taten: Wo gebe es so was? Eine Zeltstadt und das wochenlang? Nun, in Ägypten, in den vergangenen Jahren oft, könnte man antworten, aber das will keiner hören.

Einen Effekt hat die Warterei schon jetzt: Die Risse in der Regierung werden deutlich. Das Innenministerium kündigt Großeinsätze und Ultimaten wie variable Hinrichtungstermine an.

Die paar liberalen Figuren wie Vizepräsident Mohamed ElBaradei werben um Geduld. Die Islamisten schwänden dahin, bald habe sich das Problem erledigt. Aber das will auch keiner hören. Ein neues Massaker würde ElBaradei zum Rücktritt zwingen, dann bliebe eine Technokratenregierung im Dienste der Generäle übrig, dann wäre Ägypten nicht besser als eine gemeine Bananenrepublik.

Die Muslimbrüder wollen genau das. Präsentieren Kinder in Leichentüchern, berauschen sich im Bildermeer ihrer Toten. Die große Solidaritätswelle hat bislang auf sich warten lassen, da verschwenden sie eben ihre Treuesten. Es wird mehr Tote geben, heute, morgen, später. Darin immerhin sind sich alle einig, Polizei, Armee, Muslimbrüder und die Mehrheit der Menschen: Gewalt als Instrument der Politik wird von allen begrüßt.