Proteste in Ägypten Anti-Mursi-Demonstrationen entladen sich in Gewalt

Marsch auf den Präsidentenpalast: In Kairo haben Zehntausende Menschen gegen die Politik von Mohammed Mursi und seine Muslimbrüder demonstriert. Die Regierungsgegner versuchten, Straßensperren zu durchbrechen. Mursi soll auf Anraten seiner Leibwächter den Palast durch einen Hintereingang verlassen haben.

Schon seit dem Nachmittag ziehen sie durch die Stadt. Einige tragen Aufkleber mit dem Slogan: "Die Verfassung der Muslimbrüder ist illegitim". Manche skandieren "Das Volk will den Sturz des Regimes" - mit eben diesem Schlachtruf hatten die Demonstranten Anfang 2011 den damaligen Machthaber Hosni Mubarak aus dem Amt vertrieben.

Zehntausende haben sich an diesem Dienstag auf den Straßen Kairos versammelt. Die Wut der Massen richtet sich gegen Präsident Mohammed Mursi und die neue Verfassung, die er und seine Muslimbrüder mit brachialer Macht durchsetzen wollen.

Vor dem Präsidentenpalast entlädt sich der Protest dann in Gewalt: Demonstranten versuchen, Straßensperren zu durchbrechen und werden daraufhin von Sicherheitskräften mit Tränengas beschossen. Nach Angaben des Nachrichtensenders al-Arabija werden mehrere Menschen verletzt. Zwischenzeitlich gelingt es den Regierungsgegnern sogar, bis zu den Palastmauern vorzudringen. Einige Demonstrationsteilnehmer versuchten, auf die Mauern des Palasts zu klettern.

Mursi habe das Gebäude auf Anraten seiner Leibwächter über einen Hintereingang verlassen, als die Menge auf dem Weg zu seinem Palast anwuchs, sagte ein Mitarbeiter des Präsidenten. Mursis Sprecher betonte allerdings, dass der Präsident am Ende seines Arbeitstages den Palast durch die selbe Tür wie immer verlassen habe.

Streiks gegen Mursi weiten sich aus

Vor der Großdemonstration waren die Sicherheitsvorkehrungen rund um das Areal massiv verschärft worden. Hunderte Bereitschaftspolizisten umstellten das Gebäude im Stadtteil Heliopolis, Zufahrtsstraßen zum Komplex wurden für den Straßenverkehr gesperrt. Derweil versammelten sich Demonstrationszüge am Tahrir-Platz und anderen Treffpunkten, um von dort zum Präsidentenpalast zu marschieren.

Ägypten steckt in einer tiefen politischen Krise, seitdem Mursi sich am 22. November per Dekret weitreichende neue Befugnisse sicherte. Er untersagte der Justiz die Prüfung und Aufhebung seiner Beschlüsse und verbot die gerichtliche Auflösung der von den Islamisten dominierten verfassunggebenden Versammlung, die im Eilverfahren den Entwurf des neuen Grundgesetzes absegnete. Mitte Dezember soll nach dem Willen Mursis in einem Referendum über den Text abgestimmt werden.

Weitere Teile der ägyptischen Gesellschaft haben sich inzwischen den Streiks gegen Mursi und dessen Muslimbruderschaft angeschlossen. Nach den Richtern wandten sich am Dienstag auch die Medien gegen den Präsidenten. Mindestens acht einflussreiche Tageszeitungen stellten aus Protest gegen den Verfassungsentwurf der Islamisten ihr Erscheinen ein. Die privaten Fernsehsender wollten sich der Aktion am Mittwoch ebenfalls anschließen und ausschließlich schwarze Bildschirme zeigen.