Fünf Monate vor den Olympischen Spielen in Peking sind die Protestaktionen gegen die chinesische Herrschaft in Tibet eskaliert. Es gab offenbar mehrere Tote.

Die seit Tagen andauernden Proteste gegen die chinesische Besetzung Tibets sind in offenen Aufruhr und Gewalt umgeschlagen. Bei Protesten in der tibetischen Hauptstadt Lhasa sind am Freitag mehrere Menschen getötet worden. Dies teilte eine Sprecherin der städtischen Notfallrettung der Nachrichtenagentur AFP mit.

Demolierte Autos in den Straßen der tibetischen Hauptstadt Lhasa

Demolierte Autos in den Straßen der tibetischen Hauptstadt Lhasa (© )

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"Es gibt viele Verletzte. Einige sind ganz sicher gestorben, aber ich weiß nicht wie viele", sagte die Sprecherin der Rettungsdienste über Telefon. Der von den USA finanzierte Rundfunksender Radio Free Asia hatte zuvor unter Berufung auf Augenzeugen berichtet, zwei Menschen seien bei den anti-chinesischen Protesten in Lhasa getötet worden.

Einwohner und offizielle chinesische Quellen berichteten von Straßenschlachten und Brandstiftungen. Anlass der Proteste war der 49. Jahrestag des Aufstandes gegen die seit 1950 andauernde chinesische Besetzung Tibets.

Ein Augenzeuge berichtete am Freitag: "Die Menschen zünden Autos, Motorräder und Busse an. Überall ist Rauch, sie werfen mit Steinen und schlagen Schaufenster ein. Wir sind entsetzt." In der ganzen Stadt werde demonstriert und nach Freiheit gerufen. Viele Bewohner Lhasas hätten sich den demonstrierenden Mönchen angeschlossen.

Auch die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua meldete Brandstiftungen. Die US-Botschaft in Peking erklärte, ihr lägen Berichte über Schießereien vor. Die Vertretung wies US-Bürger in Tibet an, in den Häusern zu bleiben. Das Auswärtige Amt in Berlinriet von Reisen in das autonome Gebiet bis auf weiteres ab.

Ein weiterer Informant berichtete, es seien mehr als zehn Mönche festgenommen worden. Auf der Suche nach geflüchteten Mönchen durchkämme die Polizei Wohnhäuser.

Am Potala-Palast, der einstigen Winterresidenz des Dalai Lama, seien Panzer aufgefahren. Chinesische Einwohner berichteten, die Proteste richteten sich gegen sie. Sie seien aufgefordert worden, ihre Häuser nicht zu verlassen. "Es ist sehr chaotisch, überall Rauch und Polizei", hieß es bei Chinesen in Lhasa. In anderen Berichten war davon die Rede, dass Tibeter und muslimische Händler mit Steinen und Messern aufeinander losgegangen seien.

Die Demonstrationen dürften die Vorbereitung der Olympischen Sommerspiele im August in Peking überschatten. Das geistliche Oberhaupt der Tibeter, der Dalai Lama, bezeichnete die Zusammenstöße als Zeichen einer "tief verwurzelten Abneigung gegen das tibetische Volk" durch China. Er sei über die Situation zutiefst besorgt, "die sich in Tibet aus friedlichen Demonstrationen entwickelt hat", sagte er in seinem indischen Exil in Dharamsala. Der Dalai Lama rief die chinesische Führung auf, die Gewaltanwendung gegen das tibetische Volk zu beenden.

Neben dem Dalai Lama ermahnten auch die Politiker beim Brüsseler EU-Gipfel den diesjährigen Olympia-Gastgeber zur Zurückhaltung. Zugleich forderten die Staats- und Regierungschefs die Freilassung festgenommener Demonstranten.

Die USA forderten die chinesische Regierung nach den jüngsten Protestkundgebungen zu einem Kurswechsel in der Tibet-Politik auf. "Peking muss die tibetische Kultur respektieren", sagte Präsidentensprecher Gordon Johndroe am Freitag in Washington. Er bekräftigte die Forderung der USA, dass Chinas Regierung den Dialog mit dem geistlichen Oberhaupt der Tibeter, dem im Exil lebenden Dalai Lama, aufnimmt.

Tibet wird seit dem Einmarsch der chinesischen Armee 1950 von Peking regiert. Nach einem fehlgeschlagenen Aufstand der Bewohner flüchtete der Dalai Lama nach Indien, wo er seit 1959 in Dharamsala eine Exil-Regierung führt und für die Autonomie Tibets wirbt. China lehnt dies strikt ab.

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(sueddeutsche.de/Reuters/dpa/AFP/AP/beu/maru)