Atomkraftgegner und Grüne, das war früher eins. Jetzt fremdeln Demonstranten und Politiker. Dennoch ist fast die gesamte Grünen-Spitze gekommen, sitzt auf dem Pflaster in der kalten Nacht von Gorleben.
Im ersten Moment möchte man die Traktoren zählen, um einen Begriff von diesem außergewöhnlichen Spalier zu bekommen. Aber es sind so viele. Mehr als hundert stehen dicht an dicht auf der Zufahrtsstraße zum Zwischenlager für die Atombrennstäbe hinter dem Dorf Gorleben.
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Protest in der Kälte: Fast wie früher versammelten sich Grüne und Castor-Gegner vor dem Zwischenlager in Gorleben. (© Foto: Getty)
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Alte Traktoren ohne Dach und mit schlichten Schalensitzen, daneben moderne Zugmaschinen mit mannshohen Hinterrädern, die vor Kraft strotzen. Die Bauern haben sie links und rechts des Weges geparkt, die Schnauze zur Straßenmitte hin. Einige sitzen an diesem frühen Samstagabend erwartungsvoll auf ihrem Bock. Als ob sie nur noch auf ein Zeichen warten.
Seit Stunden sind zwischen ihnen Demonstranten zur kleinen Kreuzung am Zwischenlager gezogen. Der Zug ist oft ins Stocken gekommen, weil die Straße durch das Traktoren-Spalier immer enger wird. Und weil so viele gekommen sind.
Einige Bauern schauen immer wieder staunend von ihrem hohen Sitz nach hinten, wie lang der Zug wohl noch sein wird. Es sind weit mehr Demonstranten gekommen als erwartet, von 16.000 ist die Rede. Plötzlich schallt ein Satz durch die Lautsprecher: die Demonstration sei beendet.
Das ist das Signal. Einige junge Demonstranten ziehen gelbe Zettel heraus auf denen steht: "Bleibt mit uns hier! Die Blockade beginnt jetzt!" Aus einem Anhänger werden Säcke mit Stroh entladen, schnell sitzen die ersten darauf und auf der Straße. Hinten fahren Bauern ihre Traktoren in die Straßenmitte, schalten aus, schließen ab und gehen.
"Verweilt doch, hier muss der Castor lang. Wir wollen hier sitzen, bis er kommt", ruft Sven Giegold von der Grünen Jugend durch ein Megaphon. Ein paar Meter von ihm entfernt hat sich Claudia Roth aufs Pflaster gesetzt, die Bundesvorsitzende der Grünen.
Roth will, wie andere Spitzen-Grüne, bis zum Montag bleiben, bis zum Ende des Castor-Transports aus Frankreich. Zur Demonstration ist fast die ganze grüne Bundesspitze gekommen. "Dies ist unsere Antwort auf die Ankündigung von Frau Merkel, den Ausstieg aus der Atomnutzung nach der Bundestagswahl mit einer schwarz-gelben Regierung rückgängig zu machen", sagt Roth. Sie spricht davon, dass der Skandal um das Versuchslager in Asse viele wachgerüttelt habe, aber auch die Sorge um den einst von Rot-Grün beschlossenen Ausstieg.
"Hier gehören wir Grüne hin. Viele von uns hat dieser Protest das ganze Leben begleitet", sagt Roth. Das klingt, als ob ihre Teilnahme nichts besonderes wäre. Aber noch beim letzten Castor-Transport waren kaum Grüne zum Protest gekommen, und gerade die Promis wären damals kaum willkommen worden von den lokalen Initiativen, von denen viele den Ausstiegskonsens der damaligen rot-grünen Bundesregierung als unzureichend, sogar als Verrat ihrer Anliegen ansahen. Zerrissen schien das Band zwischen der Partei und der Anti-Atom-Bewegung, aus der die Grünen einst entstanden sind.
Nun machten sich am frühen Samstagmorgen aus dem ganzen Bundesgebiet 45 Busse mit Grünen auf den Weg. Am Bussteig hinter dem Berliner Hauptbahnhof wartete zwischen jungen Parteifreunden auch Fraktionschef Fritz Kuhn im Morgennebel, in der Hand eine OBI-Tüte mit seinen Wanderstiefeln. Seine Kollegin Renate Künast hat dicke Klamotten angezogen und sich mit geschnittenen Äpfeln und Möhren auf den langen Tag eingestellt.
Im Bus lässt der Organisator Kinderfarben durchreichen. Er verspricht einen Preis für den, der seinem Nachbarn die schönste Anti-Atom-Sonne auf die Wange malt. Cem Özdemir, Renate Künast und Fritz Kuhn bleiben ungeschminkt. Die Busfahrt ist nicht als nostalgische Maskerade gedacht.
Künast erzählt, wie selbstverständlich schon vor Jahrzehnten der Protest im Wendland für sie war. Mitten im Zug reihen sich Künast, Kuhn und Özdemir dann mit ihrem Transparent ein. Sie werden misstrauisch beäugt. Kaum haben sie das Banner mit dem Slogan "Sicher ist nur das Risiko" entrollt, bleiben einige Demonstranten stehen.
"Guck mal, die aus dem Fernsehen sind da", ruft eine Frau. "Tja, Publicity ist alles", antwortet eine andere. Ein alter Demo-Kämpe aus einer Hamburger Bürgerinitiative, der hier stets dabei gewesen ist, sagt: "Wir grenzen ja niemanden aus." Aber gespannt sei er, ob sie blieben, wenn die Nacht komme und die Blockaden richtig begännen.
Dabei fallen nicht so sehr die Prominenten Grünen auf in dieser bunten Demonstration, die das Signal zu einer Renaissance der Protestbewegung markieren könnte. Es sind die jungen Frauen und Männer aus der Partei, von denen viele Fahnen der Grünen Jugend tragen, die sich wie selbstverständlich zwischen Gleichaltrigen aus Protestbewegungen wie Attac und dem Anti-Atom-Bündnis "X-tausendmal quer" bewegen.
Renate Künast sagt später, dass der Protest lebt: "Das Besondere ist immer noch da. Aber wir sind weiter als vor dreißig Jahren. Wir haben einen größeren Werkzeugkasten." Das soll heißen, dass sie als Politiker viel für eine andere Energiepolitik getan hätten. Da müsse man weiter machen.
Aber wenn Errungenschaften wie der Ausstiegskonsens in Frage gestellt würden, seien sie auch wieder auf der Straße. "Wir können beides." Nicht alle Spitzen-Grünen bleiben. Als Künast und Kuhn nach Berlin zurückfahren, wird es vor dem Zwischenlager frostig. Parteichefin Claudia Roth hat für die kalten Blockadestunden ihren Ski-Anzug mitgebracht, in der Nacht kommt es bei Räumungen zu ersten Schlagzeugeinsätzen.
(SZ vom 10.11.2008/segi)
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