Lutheraner, Reformierte, Unierte: Die konfessionellen Bünde stehen sich häufig selber im Weg - bald soll es nur noch eine Stimme des Protestantismus geben.
(SZ vom 4.11.2003) - Über die Sprengkraft von Thesen kann die evangelische Kirche einiges erzählen. "Unfrisierte Gedanken" hatte Eckhart von Vietinghoff aufgeschrieben und einfach an Freunde und Kollegen geschickt. Das ist jetzt fast zwei Jahre her, und Vietinghoff ist es fast so ergangen wie einst Martin Luther: Aus den Thesen ist eine heftige Reformdebatte geworden, die die evangelische Kirche in Deutschland sehr verändern könnte.
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Vietinghoff ist als Präsident des Landeskirchenamtes in Hannover ein ausgefuchster Verwalter. Und was er fordert, ist schlicht eine Revolution: Die konfessionellen Bünde der Lutheraner, Reformierten und Unierten sollen bis zum 1. Januar 2006 abgeschafft werden; danach dürfe es nur noch ein Gremium der 24 Landeskirchen geben: die EKD, die evangelische Kirche in Deutschland.
Tatsächlich muss man eine gewisse Begeisterung für die Geschichte der Reformation und der landesherrschaftlichen Kleinstaaterei mitbringen, um zu verstehen, warum es die EKD gibt und die VELKD, die Vereinigte Evangelisch-Lutherische Kirche in Deutschland; dass es Reformierte gibt und Unierte, die entstanden, als die Preußen Lutherische und Reformierte zwangsvereinten.
Das Mit-, Neben- und Gegeneinander schwäche "die kirchliche Präsenz in der Öffentlicheit", urteilte Vietighoff, gute Arbeitergebnisse "verpuffen immer wieder". Schnell hatte er wichtige Mitstreiter: seine Chefin, Bischöfin Margot Käßmann, aber auch Hermann Barth, der erfahrene Leiter des EKD-Kirchenamts und der bisherige Ratsvorsitzende Manfred Kock unterstützten Vietinghoffs "unfrisierte Gedanken".
Immer wieder waren Anläufe gescheitert, die ineffizienten Strukturen zu ändern, zuletzt in den siebziger Jahren. Nun war die Gelegenheit zum neuen Anlauf gekommen.
Entsprechend wütend reagierten die Reformgegner. Man könne nicht einfach die gewachsenen konfessionellen Bündnisse auflösen, argumentieren sie; schließlich gehe es ums Bekenntnis. Vor allem die kleineren lutherischen Kirchen fürchten, in einer großen EKD unterzugehen.
Allerdings sind sie zunehmend in der Defensive. Selbst der Schleswiger Bischof Hans Christian Knuth, als Leitender Bischof der VELKD der prominenteste Reformgegner, hat mittlerweile eigene Vorschläge ausgearbeitet, an deren Ende eine "Evangelische Kirche augsburgischen Bekenntnisses" mit konfessionellen Zweigen stehen soll.
Die VELKD hat gerade ihre grundsätzliche Reformbereitschaft erklärt. EKU und Arnoldshainer Konferenz sind bereits einen Schritt weiter und haben sich zur "Union evangelischer Kirchen" zusammengeschlossen. Und schon auf der diesjährigen Synode wird deutlich ruhiger über das Thema diskutiert als vor einem Jahr.
Was auch an der zunehmenden Finanznot liegt, die manchen Partikularismus wie von selbst verschwinden lässt: Wer Schwierigkeiten hat, die Seelsorge aufrecht zu erhalten, kann sich keine Doppelverwaltung leisten.
Genauso ist die Einsicht gewachsen, dass konfessionelle Identität nicht an Vereinsstrukturen gebunden ist und dass die EKD als die eine starke Stimme des Protestantismus in Deutschland Lutherischen, Reformierten und Unierten nützt. Und so kann Manfred Kock am Ende seiner Amtszeit ein positives Fazit ziehen: "Wir sind wirklich vorangekommen."
Documenta-Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev