Von G. Kröncke, Paris

"Palästina wird leben, Israel verrecken" - der Krieg im Gaza-Streifen sorgt auch in Frankreich für Unruhe. Dort werden immer mehr Juden Ziel von Attacken.

Die Stimmung ist gereizt, nachdem in Paris und anderen französischen Großstädten voriges Wochenende wieder Zehntausende gegen Israel und gegen den Krieg in Gaza demonstriert haben. Die Parolen, die auf Plakaten und Banderolen gezeigt werden, gehen bis hin zum Vergleich des Kriegs mit dem Holocaust, der Davidstern wird mit einem Hakenkreuz kombiniert.

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"Haben wir nicht andere Möglichkeiten, als zu brennen und zu zerstören?" - das fragt Rabbi Belinow. (© Foto: AFP)

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Die Parolen werden aggressiver: "Palästina wird leben, Israel wird verrecken." Mitunter kam es schon zu Handgreiflichkeiten, bei einer Demonstration hatten ein paar Autos auf dem Pariser Boulevard Hausmann gebrannt. Seit dem 27.Dezember, dem Beginn der israelischen Offensive, registrierte die Union Jüdischer Studenten in Frankreich über fünfzig antisemitische Akte im Land.

Der bislang letzte galt der Synagoge und dem jüdischen Zentrum im Pariser Vorort Saint Denis. Am späten Sonntagabend hatten unbekannte Täter Steine gegen die Synagoge geworfen, hatten Fenster eines koscheren Restaurants nebenan eingeschlagen und zwei Molotow-Cocktails in den Raum geschleudert. Es gab keine Verletzten, der Sachschaden hielt sich in Grenzen, der Brand wurde schnell gelöscht. Doch dem Rabbiner Mendel Belinow sind Schreck und Erbitterung anzusehen, wenn er den Schaden vor den Kameras kommentiert. "Haben wir denn nicht andere Möglichkeiten des Dialogs", fragt er, "als zu brennen und zu zerstören?"

In derselben Nacht war ein Molotow-Cocktail gegen ein jüdisches Kulturzentrum im elsässischen Schiltigheim geworfen worden. Zudem wurden antisemitische Schmierereien in mehreren französischen Kleinstädten gemeldet. Begonnen hat die Serie mit einem Anschlag auf eine Synagoge in Toulouse. Dort hatten Unbekannte ein gestohlenes Auto angezündet und unbemannt gegen das Eisengitter vor dem Gotteshaus fahren lassen. In der Nähe, in einem zweiten Auto, fanden die Ermittler weitere Brandsätze. Am selben Tag war in Villiers-le-Bel bei Paris eine jüdische Schülerin von drei Teenagern verprügelt worden - wegen Gaza.

In Frankreich leben eine halbe Million Juden, mehr als irgendwo sonst in der Europäischen Union. Die Zahl der Muslime wird auf fünf Millionen geschätzt. Besonders in nahöstlichen Krisenzeiten leiden die französischen Juden unter einer Zunahme von antisemitischen Angriffen. Auch sind die Solidaritätskundgebungen für Palästina ungleich größer als jene für Israel.

In einem Interview mit dem Figaro hat Großrabbiner Gilles Bernheim sein Mitgefühl mit den Opfern des israelischen Angriffs artikuliert, weist die Schuld aber dem Gegner zu: "Mein Mitleid, wie auch das meiner Glaubensgenossen, gilt der palästinensischen Zivilbevölkerung, und ich bedauere, dass die Hamas-Krieger diesem kriegerischen Wahnsinn verfallen sind; er wird sie zerstören."

Im Übrigen bemühen sich viele religiöse Führer um gegenseitigen Respekt. Hassen Chalghoumi, Imam der Moschee von Drancy bei Paris, ruft die Gläubigen beim Freitagsgebet zur Ruhe auf. "Wir dürfen den Konflikt nicht importieren," sagt er, "antisemitische Akte sind inakzeptabel und im Gegensatz zum Geist des Islam". Jacques Aboucaya, Präsident der israelitischen Kultusgemeinde in Drancy, rät jungen Juden, eine Mütze über der Kippa zu tragen.

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(SZ vom 14.01.2009/ihe)