Protest auf dem Taksim in Istanbul Der stille Tänzer

Seine Freunde beschreiben ihn als "bescheiden", jetzt ist er ein Gesicht des Protests. Der junge Choreograf Erdem Gündüz hat mit seiner stillen Anklage auf dem Istanbuler Taksim nicht nur in der Türkei viele Menschen bewegt. Und er will weiter stehen.

Von Christiane Schlötzer, Istanbul

Wer irgendwo herumsteht, auf einem großen Platz, allein, stumm, die Hände in den Hosentaschen, fällt nicht gleich auf. Erdem Gündüz verharrte schon einige Stunden reglos mitten auf dem Istanbuler Taksim, den Blick auf die riesigen türkischen Fahnen am Atatürk-Kultur-Zentrum gerichtet, bevor Polizisten auf dem Platz realisierten, dass der einsame Mann im weißen Hemd ein Demonstrant sein muss. Die Beamten durchsuchten den Rucksack des Türken, fanden aber nichts Verdächtiges. Da war Gündüz schon nicht mehr allein.

Einige Istanbuler hatten viel schneller verstanden als die Polizei, dass das stumme Stehen ein Protest sein muss. Über Twitter wurde der Tänzer, Choreograf und Performance-Künstler in der Nacht zum Dienstag binnen weniger Stunden zu einem Idol. Sofort entstanden die Twitter-Schlagworte #standingman und (auf Türkisch) #duranadam - stehender Mann. Als sich mehrere Menschen direkt neben Gündüz stellten, fing die Polizei an, einige Leute abzuführen. Da beendete der Künstler nach etwa acht Stunden seinen Auftritt. Zuvor hatte er die Nachahmer noch gebeten, lieber zu gehen. Dies sei eine Aktion "nur für eine Person", teilte ein Freund von Gündüz über Twitter mit. "Ich protestiere gegen die Sprachlosigkeit der türkischen Medien und die Gewalt der Polizei", sagte Gündüz zu Augenzeugen.

Gündüz will weiter stehen

John Lennon hätte dies ein "Stand-in" genannt, meinte ein Istanbuler Journalist. Andere erinnerten an das Gedicht des türkischen Dichters Nazim Hikmet, von dem schon jedes türkische Schulkind die Zeilen kennt: "Leben, einzeln und frei wie ein Baum, und brüderlich wie ein Wald, das ist meine Sehnsucht." Gündüz konnte denn auch nicht verhindern, dass nicht nur auf dem Taksim-Platz, sondern auch an vielen anderen Stellen der Türkei einzelne Menschen stundenlang standen, oft an symbolischen Orten: in Ankara, wo ein junger Demonstrant während der mehr als zweiwöchigen Proteste gegen die Regierung tödlich verletzt wurde; vor jenem Hotel in der Stadt Sivas, wo durch einen Brandanschlag vor genau 20 Jahren 37 Menschen starben; und auf der Istanbuler Straße, auf der 2007 der armenisch-türkische Journalist Hrant Dink ermordet wurde.

Gündüz will auch weitermachen mit seiner Aktion, wie seine Freunde am Dienstag verbreiteten. Der Mann mit dem dunklen Lockenschopf gehört einer Künstlergruppe an, die bis vor einer Weile noch ein Tanzstudio am Taksim hatte. Als das Gebäude abgerissen wurde, zog die Gruppe ins Hafenviertel Karaköy um. Dort gibt Gündüz an Sonntagen häufig freie Tanzkurse. Geboren wurde er 1979 in Ankara; an der Istanbuler Mimar Sinan Universität erwarb er 2008 einen Magisterabschluss in Bühnenkunst. In Wien belegte Gündüz im selben Jahr einen Kurs für "Impulstanz". Freunde schildern Gündüz als "bescheiden", er strebe nicht nach Ruhm. Sein stiller Tanz auf dem Taksim-Platz aber hat ihn nun zu einem neuen Helden der Türkei gemacht.