Prostitutionsverbot Die Charakterfrage

Die Sexarbeiter-Lobby in Deutschland behauptet, fast jeder im Gewerbe schaffe freiwillig an. Polizei-Experten sprechen aber von höchstens 10 bis 20 Prozent. Wie hoch man die Zahl veranschlagt, hängt auch vom eigenen Standpunkt ab.

Europa debattiert darüber, Freier zu bestrafen. Vorbild für die Diskussion ist Schweden: Dort ist es verboten, Sex zu kaufen. In Deutschland spricht sich zwar eine Mehrheit dagegen aus, die große Koalition will das Gewerbe nun aber wieder stärker regulieren.

Von Thomas Kirchner, Stockholm

Das Geschäft mit dem Sex bewegt Europa, in vielen Ländern wird über neue, schärfere Regeln diskutiert. Nachdem am Freitagabend die französische Nationalversammlung bereits dafür gestimmt hat, muss im Dezember noch der Senat über den Vorschlag entscheiden, Freier mit einer Geldbuße von 1500 Euro zu bestrafen, de facto also ein Sexkaufverbot wie in Schweden einzuführen. In Nordirland, Irland, Belgien, Finnland und Lettland wird Ähnliches erwogen.

Es wäre ein Kulturbruch, vor allem im Vergleich zu Deutschland, wo die Prostitution 2001 legalisiert wurde. Die damalige rot-grüne Regierung hatte geglaubt, mit der Legalisierung alles richtig gemacht zu haben. Käuflicher Sex lasse sich nicht aus der Gesellschaft verbannen, so die Idee, deshalb sollten Prostituierte nicht länger stigmatisiert werden und wenigstens krankenversichert sein, wenn sie ihrer Tätigkeit nachgingen, die mehr oder weniger zum normalen Job werden sollte.

Inzwischen ist klar: Das Gesetz war ein Fehlschlag. Nur ein paar Dutzend Huren sind sozialversicherungspflichtig angestellt, dafür hat sich das Gewerbe explosionsartig ausgebreitet. Es gibt immer mehr und immer größere Bordelle, aus ganz Europa strömen Sexkäufer ins Land. Auch die Zahl der Prostituierten hat kräftig zugenommen, Schätzungen reichen von 200 000 bis 800 000. Das Statistische Bundesamt schätzt den Umsatz des Gewerbes im Inland auf 15 Milliarden Euro im Jahr.

Dass nun auch in Deutschland wieder Bewegung in das Thema kommt, ist das Verdienst einer seltsamen Allianz, die sich gegen die Prostitution gebildet hat. Auf der einen Seite Alice Schwarzer, die in Emma seit Jahren gegen das Prostitutionsgesetz wettert. Zuletzt hat sie eine Kampagne mit Prominenten gestartet, die sich ausspricht für "die Ächtung und, wenn nötig, auch Bestrafung der Freier; also der Frauenkäufer, ohne die dieser Menschenmarkt nicht existieren würde". Auf der anderen Seite konservative Unionspolitiker wie Hans-Peter Uhl oder Erika Steinbach, Vertreter der katholischen Sexualmoral, die beim Erlass des Gesetzes Sodom und Gomorrha voraussagten und sich jetzt bestätigt fühlen.

Schweden denken anders über das Verhältnis zwischen Staat und Individuum

Das Vorbild Schwarzers und ihrer Mitstreiter, auf das sich auch alle Debatten beziehen, ist Schweden. Das Land hat kein Prostitutions-, sondern ein Sexkaufverbot; unter Strafe steht nicht das Anbieten, sondern allein der Kauf sexueller Dienstleistungen. Und dies seit 1999, einer Zeit also, als Deutschland und die Niederlande kurz vor der Legalisierung standen. Das war ein gewagter Schritt damals, aber auch logische Folge des speziellen schwedischen Gesellschaftsbegriffs.

Den sollte man kennen, um das Sexkaufverbot einordnen zu können.

In Schweden wuchs im Laufe des sozialdemokratisch geprägten 20. Jahrhunderts die Überzeugung, dass nur eine egalitäre Gesellschaft harmonisch sein kann, und dass eine solche Gesellschaft prinzipiell machbar ist, ja geradezu staatliche Aufgabe sein muss. Der Einzelne ordnet sich diesem Machbarkeitsgedanken unter. Er versteht sich als Teil dieses Systems und akzeptiert Regulierungen, die andernorts als Eingriff in die Privatsphäre verdammt würden. Leicht gehässig beschreibt das die isländische Politikerin Birgitta Jónsdóttir so: "Wenn in Schweden die Politessen streiken, parken die Menschen trotzdem korrekt und werfen Geld in den Parkometer."

Das Verhältnis zwischen Staat und Individuum sei in Schweden "kommunitär" organisiert, schreibt Susanne Dodillet von der Universität Göteborg. Der Staat steht "für kollektive moralische Prinzipien und entscheidet, welche Lebensentwürfe erstrebenswert sind". Dem stehe - mit Blick auf Deutschland und andere - das "Autonomieprinzip" gegenüber: Der Staat bleibt neutral gegenüber den Lebensentwürfen der Bürger und greift nur ein, wenn einer dem anderen in die Quere kommt. Auf dieses Freiheitsverständnis beruft sich der Protest bekannter Franzosen ("343 Dreckskerle") gegen ein Prostitutionsverbot.