Profil Milo Đjukanović

Seit zweieinhalb Jahrzehnten Regent von Montenegro, nun wieder im neuen Amt.

Von Tobias Zick

Das Land der schwarzen Berge hat seinem Ruf als Hort der Stabilität wieder einmal Ehre gemacht: Es hat am Sonntag mit 54 Prozent der Wählerstimmen Milo Đjukanović, 56, zum Präsidenten gewählt; den Mann, der Montenegro seit mehr als zweieinhalb Jahrzehnten de facto regiert, wenn auch, der Verfassung wegen, in immer wieder wechselnden Ämtern: einmal (von 1998 bis 2002) bereits als Staatschef, sechsmal als Premierminister, und, wie zuletzt, als Parteichef der regierenden Demokratischen Partei der Sozialisten.

Wer in Montenegro nur einen idyllischen Hafen für Luxusyachten an der südlichen Adria sieht, tut dem 625 000-Einwohner-Land und seiner geostrategischen Bedeutung unrecht. Eine Reihe namhafter Analysten warnt inzwischen, der Balkan drohe zum Austragungsort eines neuen kalten Krieges zu werden. Auch wenn andere solche Warnungen derweil noch für übertrieben halten: Russlands Präsident Wladimir Putin jedenfalls bedauerte vergangene Woche bei einem Botschafter-Empfang im Kreml wortreich den "derzeitigen Stand der Beziehungen zwischen Russland und Montenegro"; dieser spiegele nicht die "jahrhundertealte Tradition brüderlicher Freundschaft und Seelenverwandtschaft unserer Völker". Etwas prosaischer zusammengefasst: Vor knapp einem Jahr ist Montenegro der Nato beigetreten; ein Schritt, der in Moskau als pure Provokation ankam, schließlich zerschlug sich damit die letzte Option auf einen russischen Stützpunkt an der Adria.

Nun will Đjukanović sein Land als Nächstes in die Europäische Union führen, es gilt neben Serbien als vielversprechendster unter den Beitrittskandidaten auf dem Westbalkan, und seine Wahl bezeichnet der Sieger als "Bestätigung für Montenegros Entscheidung, den europäischen Weg weiterzuverfolgen".

Nur hin und wieder lässt der stets vorbildlich gekleidete Mann, der sich seit seinem Bruch mit einem langjährigen engen Freund, dem serbischen Gewalt-Nationalisten Slobodan Milošević, 1996 konsequent als Liebling des Westens geriert, die eine oder andere Schattenseite von sich sehen: Etwa wenn er Nichtregierungsorganisationen und Vertreter der wenigen noch einigermaßen unabhängigen Medien, die mit Fragen zu den Quellen seines privaten Reichtums stören, als "Zentrum der Destruktion" beschimpft. Rund zwölf Millionen Euro soll Đjukanovićs Vermögen umfassen, was Beobachter auch darauf zurückführen, dass wichtige Knotenpunkte für Geldflüsse mit Angehörigen von ihm besetzt sind: Die - ehemals staatliche - größte Bank des Landes etwa kontrolliert sein Bruder Aco. Sein Sohn Balzo, ein vielseitig interessierter Unternehmer, baut unter anderem Wasserkraftwerke mit staatlichen Subventionen.

Gegen Milo Đjukanović selbst ermittelte die italienische Justiz jahrelang wegen mutmaßlicher Mafia-Verbindungen und Geldwäsche; an einem internationalen Zigarettenschmuggel-Ring soll er beteiligt gewesen sein. Schließlich, im Jahr 2009, stellten die Staatsanwälte die Ermittlungen ein, mit Verweis auf Đjukanovićs diplomatische Immunität; er war zu dem Zeitpunkt gerade mal wieder Ministerpräsident. Die Vorwürfe, er führe sein Land wie ein profitorientiertes Privatunternehmen, sind seither nicht verstummt, auch hatte seine formal sozialistische Partei zuletzt bei Parlaments- und Kommunalwahlen deutlich an Rückhalt verloren - doch die Opposition hat es bislang nicht geschafft, hinreichend geeint aufzutreten, um Đjukanovićs Machtbasis zu brechen. Mladen Bojanić, der mit 33,4 Prozent der Stimmen stärkste Gegenkandidat, zeigte sich nach Bekanntgabe des Ergebnisses resigniert: "Ihr wisst, wen wir als Gegner hatten: einen Mann, der den Staat für sich übernommen hat."

In der Tat, es kann niemand sagen, Đjukanović habe falsche Versprechungen gemacht. "Ihr werdet einen Präsidenten haben, der Erster unter Gleichen ist", verkündete er im Wahlkampf.