Profil Kendrick Lamar

Kendrick Lamar: Rapper, Grammy-Preisträger und Black-Power-Evangelist.

(Foto: Robyn Beck/AFP)

Rapper, Grammy-Preisträger und prominenter Black-Power-Evangelist.

Von Jan Kedves

Selbst das Weiße Haus schickte Glückwünsche: Der Rapper Kendrick Lamar hat am Montag bei der 58. Grammy-Verleihung in Los Angeles fünf Preise erhalten, den wichtigsten - Bestes Rap-Album 2015 - für "To Pimp a Butterfly", sein drittes Album. Es wurde im März veröffentlicht und von vielen Musikmagazinen, unter anderem dem amerikanischen Rolling Stone, zum Werk des Jahres gekürt. Für den 28-jährigen Rapper aus Compton im Süden von Los Angeles geht damit ein sensationelles Jahr zu Ende, und er könnte sich eigentlich entspannt zurücklehnen. "To Pimp a Butterfly" hat David Bowies Abschiedsalbum "Blackstar" inspiriert (wie Bowies Produzent Tony Visconti verriet). US-Präsident Barack Obama ließ wissen, Lamars Song "How Much a Dollar Cost" sei sein Lieblingssong des Jahres 2015. Und vorige Woche bekam Lamar von der Bürgermeisterin seiner Heimatstadt den Stadtschlüssel überreicht, als Ehrung für sein soziales Engagement im von Drogenkrieg und Armut gebeutelten Compton.

Doch Lamar wäre nicht Lamar - und nicht der "Evangelist der Black Power" (New York Times) -, wenn er die Grammy-Verleihung nicht auch genutzt hätte um, wie man so sagt, den Finger in die Wunde zu legen: Sein Stück "The Blacker the Berry" rappte er in einer Gefängnis-Kulisse, angekettet, als wolle er darauf hinweisen, dass sich die Versklavung schwarzer Amerikaner von den Plantagen bis in die heutige Gefängnisindustrie fortsetzt.

Die Black-Lives-Matter-Bewegung mit ihrem Protest gegen Polizeigewalt und Schikanen bekommt im Popgeschäft gerade Schwung. Als Beyoncé am vorvergangenen Wochenende beim Super Bowl in Kalifornien ihren Song "Formation" sang, enthielt die Choreografie Referenzen an Malcolm X und die Black-Panther-Bewegung. Man diskutierte danach in den USA, ob die Sängerin zu weit gegangen sei. Immer wieder wurde betont, wie "controversial" und "unapologetically black" der Auftritt gewesen sei - übersetzt: wie unmissverständlich schwarz, noch genauer: schwarz, ohne sich dafür zu entschuldigen. Und das im achten Regierungsjahr von Obama.

Das künstlerische Genie von Lamar liegt darin, dass er das Schwarzsein nicht allein an der Hautfarbe festmacht, sondern an geteilter Erfahrung und Geschichte. So wie sein Grammy-Auftritt eine Linie von Afrika in die Gefängnisse Amerikas zog, so verbindet er in seiner Musik ein Bewusstsein für die Probleme in den amerikanischen Ghettos (Drogen, Armut, Rassismus) mit einem fundiertem Wissen über die Geschichte schwarzer Musik: Free-Jazz, Funk, Spoken-Word-Poetry. Solch eine inhaltliche Tiefe hat sein großer Förderer, Andre Romelle Young alias Dr. Dre, der erste Rap-Milliardär, nie erreicht. JazzSaxofon und afrikanische Stammestänze live zur Primetime, wann hat es das im amerikanischen Fernsehen zuletzt gegeben? Kendrick Lamar könnte sich jetzt also mal zufrieden ausruhen - für einen Tag oder eine Woche.