Profil Arne Gabius

Schnellster Deutscher über 42,195 Kilometer - nach 27 Jahren.

Von Johannes Knuth

Mit Ambitionen im Spitzensport ist es ja so: Wenn man sich zu niedrige Ziele setzt, läuft man Gefahr, sie zu erreichen. Und dann geht einem womöglich der Treibstoff auf dem Weg zu noch größeren Meriten aus. Arne Gabius setzt sich deshalb gerne Ziele, die ein wenig zu hoch sind: Er habe keine Grenzen im Kopf, sagt der Marathonläufer. Beim großen Rennen am vergangenen Sonntag in Frankfurt am Main hat diese Philosophie ganz gut funktioniert.

Arne Gabius, 34, hat die 42,195 Kilometer in 2:08:33 Stunden absolviert. Er ist jetzt Deutscher Meister, er hat sich für die Olympischen Spiele im kommenden Jahr in Rio qualifiziert. Vor allem aber hält Gabius nun den deutschen Rekord, nach 27 Jahren hat er die Marke von Jörg Peter unterboten. Gabius erhielt für seine rund zweistündige Schicht rund 100 000 Euro an Prämien, ein hübsches Schmerzensgeld für die Leiden. Zudem bewies er, dass auch Ausdauerkönner aus Deutschland, die der Weltspitze lange hinterhergelaufen waren, in die Elite der besten Marathonläufer vorstoßen können. Schneller als Gabius war in diesem Jahr zumindest noch kein europäischer Läufer unterwegs.

Gabius und der Marathon, das ist eines der wohl spannendsten Projekte der Laufszene. Der gebürtige Hamburger hatte lange so seine Probleme damit, sein Medizinstudium mit dem Hochleistungssport zu kombinieren. Erst 2011, nach der Approbation, ging es aufwärts. Gabius trennte sich von seinem damaligen Trainer Dieter Baumann, dem 5000-Meter-Olympiasieger von 1992. Er zog als selbständiger Läufer durchs Land, ohne festen Trainer. Der Italiener Renato Canova schrieb die Trainingspläne, Gabius studierte die Ernährungslehre des schwedischen Physiologen Bengt Saltin; er trainierte seinen Körper darauf, weniger Energie zu verbrauchen, damit selbst kurz vor dem Ziel noch etwas davon übrig ist.

Gabius gibt sich gläsern, auf seiner Homepage hat er seine Blutwerte veröffentlicht. Er müsste das nicht tun, aber Gabius weiß, dass er sich in einer Szene bewegt, in der Doping zu oft vertuscht wurde, als dass die Öffentlichkeit den Sportlern noch vertraut. Er macht aus seinem Beruf fast eine Wissenschaft, jeder kurze Mittagsschlaf ist Teil eines größeren Plans, womit er an die Triathleten Jan Frodeno und Sebastian Kienle erinnert. Kienle gewann vor einem Jahr in Hawaii den achtstündigen Ausdauerdreikampf aus Schwimmen, Radfahren und Laufen, Frodeno schaffte das vor wenigen Wochen. Gabius, Kienle, Frodeno: Die drei einen ihr Fleiß und ihr Wille, die Schmerzen ihres Berufs nicht zu meiden, sondern bewusst zu suchen.

Am Sonntag ging Gabius durch ein großes Meer an Schmerzen. "Ich weiß jetzt, was Marathon bedeutet", sagte er danach. Er will demnächst noch ein wenig schneller laufen, zwei, drei Minuten. Marathon ist ein Sport des langen Atems, und nach diesen Maßstäben ist Gabius mit seinen 34 Jahren noch ein vielversprechendes Talent.