Probleme beim Pflege-TÜV Gute Deko ersetzt gutes Essen

Woran der Pflege-TÜV krankt: Es darf nicht sein, dass die Heime bei ihrer Benotung mitreden dürfen.

Ein Kommentar von Charlotte Frank

Man stelle sich einmal eine Schulklasse vor, die so beharrlich das Schreiben einer Mathematikarbeit verweigert, bis der Lehrer einlenkt und seiner Klasse erlaubt, die Rechenaufgaben mit ihm gemeinsam zu entwickeln. Alle, selbst der schlechteste Schüler, hätten Mitspracherecht. Von so einer Klassenarbeit ist zweierlei anzunehmen: Zum einen dürfte sie sehr harmlos ausfallen. Zum anderen würde niemand das Ergebnis besonders ernst nehmen. Bei der Benotung von Schülern käme deshalb keiner auf ein so absurdes Vorgehen - bei der Benotung von Pflegeheimen schon.

Das ist das Grundproblem des Pflege- TÜV, mit dem seit 2009 alle Heime und ambulanten Dienste bewertet werden: An der Ausarbeitung der Prüfkriterien waren die Pflegeanbieter beteiligt, bis heute geht keine Veränderung an ihnen vorbei. Das machte die Noten nicht nur von Anfang an unglaubwürdig, es sorgte auch dafür, dass am Mittwoch zwei kleine Verbände eine schärfere Prüfung verhindern konnten. Diese Verbände vertreten nicht einmal fünf Prozent aller Pflegeanbieter - aber mit ihrem verantwortungslosen Boykott werfen sie ein schlechtes Licht auf die ganze Branche.

Die Weiterentwicklung der Pflegenoten hätte zumindest ihre zweite große Schwäche verbessern können: Bisher fließen 64 Einzelnoten in die Bewertung ein, alle mit gleichem Gewicht. So kann ein "sehr gut" auf die Frage "Gibt es eine saisonale Dekoration der Räume" ein "mangelhaft" bei der Flüssigkeitsversorgung aufwiegen. Es ist, als könnte ein Schüler mit einer Eins in Sport eine Sechs in Deutsch ungeschehen machen - nur, dass es hier statt um schlecht geschriebene Diktate um schlecht gepflegte Heimbewohner geht. Eine Sechs bei der würdevollen Behandlung alter Menschen aber ist durch nichts auszugleichen. Deshalb war geplant, zentrale medizinisch-pflegerische Kriterien stärker zu gewichten.

Wer sich diesem Ansinnen verweigert, muss sich die Frage gefallen lassen, ob er etwas zu verbergen hat. Niemand hat Unmögliches von den Heimen verlangt. Es sollte lediglich viel stärker als bisher auf den Ernährungszustand der Bewohner und auf ihre zureichende Versorgung mit Flüssigkeit geachtet werden; und die Vorsorge vor dem Wundliegen sollte verbessert werden. Bestleistungen in diesen Bereichen müssten eigentlich ein Gebot der Menschlichkeit sein. Wenn sich hier die Pfegeanbieter einer Überprüfung verweigern, dann müssen sie sich nicht wundern, wenn aus Vorurteilen gegen Heime und die dortige Pflege Urteile werden.

Die geplatzten Verhandlungen kann nun nur noch der Gesetzgeber wieder in Schwung bringen: Etwa indem er vorschreibt, dass das Bewertungssystem künftig nicht mehr einstimmig, sondern mit Mehrheitsbeschluss verändert werden kann oder indem er eine Schiedsstelle schafft. Das alles wären aber nur kosmetische Änderungen an einem grundlegend falschen System. Es krankt daran, dass die Benoteten überhaupt bei ihrer Benotung mitreden dürfen.