Fast niemand glaubt noch daran, dass Hillary Clinton bei den Vorwahlen in Texas und Ohio das Blatt zu ihren Gunsten wenden kann. Das könnte sich als ihr größter Vorteil erweisen.
Irgendwie erinnert die Stimmung derzeit an den November 2007. Damals war die geballte Medienmacht sich einig, dass kaum etwas an einer demokratischen Kandidatin Hillary Clinton vorbeiführen würde. Sogar von einer Präsidentin wurde bereits orakelt, weil die Republikaner sich höchstwahrscheinlich bis zum Nominierungsparteitag auf keinen Kandidaten einigen könnten. Barack Obama war damals wenig mehr als ein interessanter und charismatischer Außenseiter.
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Nun ist es genau andersherum: Republikaner John McCain spaziert gemächlich und ungefährdet seiner Kandidatur entgegen, während auf Hillary Clinton nach elf verlorenen Vorwahlen der Druck wächst, sich aus dem Rennen zu verabschieden, sollte sie auch in Ohio und Texas keinen Sieg einfahren. Barack Obamas Stern hingegen könnte nicht strahlender leuchten.
Die Amerikaner lieben eben Underdogs, die gewinnen. Der demokratische Wahlkampf ist eine dramatische Abfolge von Siegen und Niederlagen geworden, spannend wie eine Telenovela, wenn bei jeder Folge das Ende erwartet wird und sich stattdessen die Handlung nur ein weiteres Mal dreht und mit einem Cliffhanger endet.
Auch dass die Vorwahlen in Ohio und Texas nun endlich die Entscheidung bringen, ist keineswegs sicher, selbst wenn Obama sie gewinnt. Eine rechnerische Entscheidung ist wegen der proportionalen Verteilung der Stimmen sehr unwahrscheinlich und die Clintons sind stur.
Mit gut hundert Delegierten liegt Obama derzeit zwar vorne (1378 gegenüber 1269 Delegierte für Clinton, nach einer Zählung von CNN) und auch die meisten Umfragen sehen ihn auf der Siegerstraße. Doch jetzt einen Durchmarsch zu vermuten, ist eine Milchmädchenrechnung. Da werden Trends, Erwartungen und das viel gerühmte Momentum einfach addiert - doch dass sich diese Phänomene in Stimmen umwandeln, ist nicht gesagt. Hundert Delegierte sind ein kleiner Vorsprung, bedenkt man, dass es um insgesamt 4049 Delegierte geht, wobei 2025 Stimmen für einen Sieg nötig sind.
Beide Kandidaten brauchen für einen Sieg also auch Stimmen der Superdelegierten. Superdelegierte sind Mitglieder des Parteiestablishments, die qua Amt beim Nominierungsparteitag stimmberechtigt sind. Die demokratische Partei hat davon 796 und sie stehen mehrheitlich auf Hillary Clintons Seite. Es sind Mitglieder des Parteiestablishments, Leute, die Hillary Clinton seit Jahren kennen und die sich eher von sachlichen Gerichtspunkten leiten lassen als von emotionalen Parolen. Beim Kampf um die Superdelegierten geht es um Kompetenz und Beziehungen statt um Charisma und Jubelschreie - Vorteil Clinton.
Wacklige Umfragen
Zudem ist es nicht gewiss, dass Obama die nächsten Vorwahlen gewinnt. Noch vor ein paar Wochen hatte Clinton Texas und Ohio laut Umfragen mit bis zu 20 Prozent Vorsprung sicher. Nun ist Obama ihr in Umfragen sehr nah gekommen, hat sie in einigen überholt und liegt in der aktuellsten mit der New Yorker Senatorin gleichauf beziehungsweise drei Prozent hinter ihr. Bei Unterschieden dieser Größe - oder besser, Winzigkeit - sind Umfragen aber zu rein gar nichts zu gebrauchen. Bereits die statistische Fehlerquote liegt bei einigen Prozentpunkten, womit die Ergebnisse wertlos sind.
Darüber hinaus sind die amerikanischen Umfrageinstitute bei vergangenen Wahlen schon öfter um weit mehr als die Fehlerquote daneben gelegen. Vermutlich liegt das daran, dass viele Befragte jegliche Auskunft über ihre Wahlabsicht verweigern. Dazu kommt eine ebenso signifikante Anzahl unentschlossener Wähler.
Gemeinsam können die beiden Gruppen die Hälfte der Befragten stellen. In ihren Ergebnissen jedoch stellen das die wenigsten Umfrageinstitute dar. Stattdessen tun sie so, als würden die Antwortverweigerer und die Unentschlossenen genauso wählen wie die anderen. Wer sagt, dass das stimmt?
Eine große Anzahl der Wähler in Ohio und Texas sind noch immer unentschlossen, was sich als Vorteil für Clinton herausstellen können. Denn sind Menschen unsicher, steigt der Einfluss der soziodemografischen Milieus. Die sind in Ohio und Texas klassisches Clinton-Klientel: Arbeiter und Latinos.
Zwei Drittel der texanischen Latinos unterstützen die New Yorker Senatorin, weshalb Hillary stark darauf hoffen muss, dass sie zur Urne gehen. Bisher glänzte diese Wählergruppe nämlich vor allem durch besonders niedrige Wahlbeteiligungen. Ebenso stark muss Hillary auf die Arbeiter in Ohio setzen. Die blue collar workers des Industriestaates verbinden Gutes mit dem Namen Clinton, ihre Erinnerung an die neunziger Jahre ist eine positive. Sie glauben, wenn sie Hillary wählen, kriegen sie Bill zurück und träumen von ihren - inzwischen ins Ausland abgewanderten - sicheren Stellen.
Eine Illusion, sicher, das weiß auch Clinton, trotzdem setzt und hofft sie auf die Stimmen der Arbeiter. Sie darf hoffen: Denn die Amerikaner lieben Underdogs. Ein Umstand, der diesmal der ehemaligen Favoritin helfen könnte.
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(sueddeutsche.de/gba)
Documenta-Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev
Ich hatte dden Artikel gestern schon gelesen und war auch der Ansicht das mann Frau Clinton noch lange nicht abschreiben kann. Ich freue mich jetzt umso mehr über die Ergebnisse von heute Nacht.
Frau Vorsammer ist also nicht nur hübsch sondern auch weitsichtig und smart. Weiter so.
Für den aus der Distanz beobachtenden Leser ist es schwierig zu erkennen, was nun Show und was seriöse Berichterstattung ist. Dennoch ist es plausibel, wenn die Frage aufgeworfen wird, ob bei einem fast marginalen Abstand zwischen Clinton und Obama eine qualifizierte Prognose möglich ist. Auch hier scheint mir vieles der Show geschuldet zu sein. Interessant ist weiterhin die Stellung der Superdelegierten: Sie entscheiden nach Kompetenz und Einfluss. Ich glaube eher, dass Einfluss und Macht wesentliche Triebfedern für das eigene Ego und Konto eine ganz gewichtige Rolle spielen. Das gilt selbstverständlich auch für Obama. Also muss man abwarten. Alles andere ist Spekulation!
Huhu ... pfeift da jemand im Wald und versucht Zuversicht zu verbreiten angesichts der Reihe von, naja, beeindruckenden Niederlagen der ehemaligen First Lady? Der Artikel jedenfalls liest sich genau so...