Von Ivo Marusczyk

Die Behauptung, mit einem Sieg in Texas und Ohio könnte Hillary Clinton das Ruder noch herumreißen, ist ein Mythos. Tatsächlich ist das Rennen schon gelaufen.

Hillary Clinton klammert sich an einen Strohhalm. Wenn die bittere Erkenntnis der Niederlage sich in ihr Gemüt schleicht, dann beruhigen ihre Anhänger und Wahlkampfstrategen sich seit Wochen, indem sie ein Mantra wiederholen: "Texas und Ohio, Texas und Ohio...."

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Die demokratischen Kontrahenten bei der letzten Fernsehdebatte in Ohio am 27. Februar. (© Foto: dpa)

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Dann holen sie den Rechenschieber heraus und erklären, warum sie noch an einen Sieg ihrer Präsidentschaftskandidatin bei den Vorwahlen glauben: Erst in diesen bevölkerungsreichen Staaten werden die entscheidenden Kuchenstücke verteilt.

Das mag rechnerisch stimmen. Und wird doch nichts an der Niederlage ändern. Nach dem Super Tuesday stand es noch unentschieden zwischen Hillary Clinton und Barack Obama, doch seitdem sind der früheren First Lady die Felle so rasch davongeschwommen, dass nur noch ein mittelgroßes Wunder ihre Kandidatur retten kann. Er hat seit dem 5. Februar jede einzelne Wahl gewonnen, elf Mal am Stück.

Mit jedem Wahltag ist er dabei tiefer in ihr Revier eingedrungen und hat dort gewildert. Zuletzt setzte er sich in Wisconsin mit 58 Prozent gegen sie durch, also mit weitem Vorsprung.

Eine Welle der Begeisterung für ihn schwappt durch das Land und sie hat die Dämme bersten lassen, die die Wählergruppen bislang trennte. Und je mehr Wahlen Obama gewinnt, desto mehr Unentschlossene und Zweifelnde wenden sich von Clinton ab. Selbst bei Farmern und Gewerkschaftern, bei älteren Demokraten und den Frauen, die als Hillarys treueste Fans galten, hat sich Obama inzwischen durchgesetzt.

Ein Sieg in Texas und Ohio genügt inzwischen nicht mehr, um Hillary zu retten. Es müsste ein großartiger, überwältigender Sieg sein. Obama könnte dagegen sogar mit einer knappen Niederlage in den beiden Staaten recht gut leben. Doch Erdrutsch-Siege hat es im Lauf dieser Vorwahlen noch nie gegeben. Und das texanische Vorwahl-System ist noch komplizierter, als in den übrigen Staaten. Das heißt, es läuft auf ein knappes Ergebnis hinaus, bei dem wieder einmal beide Seiten Teilsiege verbuchen können. Für Obama kein Problem, für Clinton ist das aber zu wenig.

Sie wirbt damit, dass sie Lösungsvorschläge auf der Hand hat. Sie kann aus dem Stegreif eine fundierte Vorlesung über die Zukunft der Krankenversicherung halten. Doch das wollen die Wähler nicht hören. Nach den bleiernen Bush-Jahren sehnen die Demokraten sich nach einer mitreißenden Leitfigur, die ihnen Hoffnung gibt. Und genau das macht Obama, der Aufsteiger, der Underdog, der sich selbst nach oben gearbeitet hat.

Das Rennen ist gelaufen. Hillary verschwendet nicht nur jede Menge Geld, wenn sie ihren mittlerweile sinnlosen Kampf fortsetzt. Außerdem gefährdet sie das gemeinsame Ziel, die Republikaner aus dem Weißen Haus zu verdrängen.

Sollte es weiterer Indizien bedürfen: Der Republikaner John McCain, der die Nominierung schon in der Tasche hat, schießt sich schon seit den Wahlen in Wisconsin auf Obama als Gegner ein. "Ich werde jeden Augenblick an jedem Tag in diesem Wahlkampf darum kämpfen, sicherzustellen, dass die Amerikaner nicht von einem eloquenten, aber inhaltsleeren Aufruf zum Wandel getäuscht werden."

Selbst die beiden First Ladies in spe haben schon angefangen, sich zu beharken. Michelle Obama und Cindy McCain lieferten sich einen Kleinkrieg über Nationalstolz. Und die Republikaner haben schon allzu offensichtlich begonnen, Munition gegen Obama zu sammeln: Seit Wochen geistert ein Foto von ihm in kenianischer Tracht durch die Medien und die konservativen Talkshow-Moderatoren freuen sich über Obamas Mittelnamen Hussein.

Trotzdem wird Clinton ihren Kampf wahrscheinlich fortsetzen - denn auf den bunten Grafiken, die die Zahl der Delegierten vergleichen, ist ihre Säule nur ein kleines Stück mickriger, als die Obamas.

Doch diese Grafiken sind falsch. Denn sie zählen die meisten "Superdelegierten" noch immer zum Lager Clintons. Bei vielen beruht die Zählung nur auf der Einschätzung der Medien, zu welchem Lager sie tendieren dürften.

Aber im Gegensatz zu den gewählten Delegierten sind die "Superdelegierten" nicht festgelegt. Sie können ihre Meinung noch ändern. Es wäre erstaunlich, wenn die Obama-Welle nicht auch den einen oder anderen von ihnen zum Nachdenken oder zum Umschwenken bringt. Schließlich setzt jeder gern auf das Siegerpferd.

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(sueddeutsche.de/bavo)