Eine Außenansicht von Ludwig Mödl

Ein unentweger Zuhörer sein - das ist die Aufgabe eines Priesters. Das Zölibat soll ihm dabei helfen, diese Funktion zu erfüllen.

Katholische Priester müssen ehelos leben. Diese verpflichtende Ehelosigkeit, der Zölibat, ist wieder ins Gerede gekommen. Manche meinten, die Missbrauchsfälle könnten damit im Zusammenhang stehen. Diese Vermutung wird allein schon dadurch widerlegt, dass die große Mehrheit der Täter Menschen sind, die eben nicht zölibatär leben; Familienangehörige, Nachbarn, Lehrer und so weiter. Doch allein die Äußerung dieser Vermutung hat die Diskussion um die Sinnhaftigkeit eines zölibatären Lebens neu entfacht.

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Der Zölibat soll katholischen Priestern ermöglichen, sich voll und ganz ihrem Glauben zu widmen. (© Foto: ddp)

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Was dabei am meisten verwundert: Auch viele Katholiken, die fest zur Kirche stehen, sehen keine Notwendigkeit mehr, von den Weltpriestern eine solche Lebensweise zu fordern. Sie meinen, es sei an der Zeit, die Pflicht zum Zölibat abzuschaffen und den Priestern eine Ehe zu ermöglichen.

Plausible Begründung

Vielfach weisen sie auf das Faktum hin, dass in den mit Rom vereinten Ostkirchen durchaus verheiratete Priester Dienst tun. So zeigt sich die Pflicht zum Zölibat als eine kirchenrechtliche Regelung, die grundsätzlich verändert werden könnte. In diesem Kontext fällt es nicht leicht, Gründe für den Zölibat des Weltpriesters zu finden, die heute noch einigermaßen plausibel erscheinen.

Das Neue Testament überliefert Jesu Wertschätzung eines ehelosen Lebens: "Denn es ist so: Manche sind von Geburt an zur Ehe unfähig, manche sind von den Menschen dazu gemacht, und manche haben sich selbst dazu gemacht um des Himmelreiches willen", heißt es im Matthäus-Evangelium, Kapitel 19, Vers 12.

Der Grund dafür, dass es in der Kirche grundsätzlich zölibatär lebende Menschen geben muss, liegt also auf der Hand: Es soll bewusst bleiben, dass das Gottesreich nahe ist. In jeder Generation, so interpretiert es die Kirche, muss es Menschen geben, denen Gebet, geistlicher Dienst und Einsatz im Sinne des nahen Gottesreiches so wichtig sind, dass sie nicht heiraten und die ansonst für eine Ehe und Familie einzusetzenden Kräfte in den Dienst Gottes stellen - sei es in Gebet, sei es in diakonischen Werken.

In Zeiten, in welchen Ehe und Sexualität in erster Linie aus ihrer Ausrichtung auf Nachkommen verstanden wurden, war dies ein signifikantes Zeichen dafür, dass jemand für sich und sein Handeln nicht eine irdische Zukunft sichert, sondern ganz auf die jenseitige vertraut.

Muss dies aber vom Weltpriester heute noch gefordert werden? Ordensleute mögen ehelos leben, so die allgemeine Meinung. Bei ihnen gibt es feste Strukturen für diese Lebensweise: Sie leben in Gemeinschaft, kennen eine Klausur, haben feste Gebetszeiten und arbeiten weithin in klar umrissenen Bereichen.

Die Weltpriester aber sind so sehr ins bürgerliche Leben eingebunden, dass es vielen Menschen schwer fällt, in der zölibatären Lebensweise einen Vorteil zu erkennen; zumal die einzelnen oft in dem Bemühen allein gelassen werden, sich konkret zu organisieren. Die alten Modelle der Haushaltsführung und der gesellschaftlichen Einbindung gibt es kaum noch: Früher führte oft eine Schwester oder eine Tante dem Priester den Haushalt; heute aber gibt es kaum noch unverheiratete Schwestern, die für diese Stellung in Frage kämen.

Gewandelter gesellschaftlicher Kontext

Auch sieht man am Beispiel der evangelischen Amtsträger, dass sich ein theologischer Beruf durchaus mit einer Familie verbinden lässt. Das evangelische Pfarrhaus war lange ein Ort hoher Kultur und beispielhafter Frömmigkeit - in der nachreformatorischen Zeit hat es gar, wie manche sagen, das Kloster als Modell christlicher Frömmigkeit abgelöst.

Zudem herrscht heute eine andere Sicht von Ehe und Sexualität vor. Es geht nicht mehr allein um Nachkommen. Partnerschaft zum einen und Sexualität zum anderen gelten als vorzügliche intime, individuelle Lebens- und Glücksquellen, welche einen Großteil der Lebensqualität ausmachen. Vielen ist dies so wichtig, dass sie sogar die Dauerhaftigkeit einer Beziehung für sich vom Gelingen beider Bereiche abhängig machen.

Beziehung und Sexualität sind so persönlich und betreffen nur die beiden (beziehungsweise jeden von beiden), dass sich die Gesellschaft nicht darum zu kümmern hat. Partnerschaft und Sexualität gehören in den absolut privaten Bereich und sind vom Dienst im Beruf abzukoppeln.

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