Ein Interview von Oliver Das Gupta

In Deutschland hatte 2003 nur noch etwa jede zweite Pfarrei einen eigenen Priester, 3000 bis 4000 Geistliche schieden aus dem Dienst, weil sie ihr Gelübde nicht länger einhalten konnten oder wollten. Einer von ihnen ist Peter Schmieder.

sueddeutsche.de: Sie sind Priester, Ehemann und Vater. Wie kam das?

Junge Männer bei der Priesterweihe in Freiburg

Junge Männer bei der Priesterweihe in Freiburg (© Foto: dpa)

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Peter Schmieder: Ich bin 1996 zum katholischen Priester geweiht worden und war anschließend sechs Jahre lang Kaplan in Straubing und Regensburg. Im Jahre 2002 wurde ich auf eigenen Wunsch aus dem priesterlichen Dienst entbunden. Ende des Jahres habe ich meine Frau geheiratet. Inzwischen haben wir ein Kind bekommen, die Emma. Heute bin ich selbstständiger Wirtschaftsmediator und bin Dozent an der FH Deggendorf.

sueddeutsche.de: Wie war es, sich zwischen einer Frau und der Kirche entscheiden zu müssen?

Schmieder: Ich habe das Priesteramt sehr geliebt, ich bin darin aufgegangen. Es war keine Entscheidung gegen das Priesteramt, sondern für meine Frau. Irgendwelche Zwischenlösungen wie verborgene Liebe und Haushälterinnenmodell kamen für mich nicht in Frage. Und so war ich gezwungen, diesen Weg in einem einjährigen Entscheidungsprozess zu gehen. Ich selber habe im Alter von 26 den Zölibat versprochen und wusste, worauf ich mich einlasse. Und als ich bemerkte, dass ich es nicht mehr halten kann, blieb mir nur diese Konsequenz.

sueddeutsche.de: Wie ging die Kirche mit ihnen um, nachdem sie ihre Heiratspläne offenbart hatten?

Schmieder: Es war ein ungewöhnlich kollegiales, faires, fast freundschaftliches Gespräch - mit großem Verständnis. Das Gerücht, dass die Kirche ihre Priester fallen lässt, wie eine heiße Kartoffel, ist Unfug. Im Rahmen ihrer Möglichkeiten lässt die Kirche einen "Abtrünnigen" alles angedeihen, damit er auf die Füße kommt. Auch finanzieller Natur, über mehrere Jahre hinweg.

sueddeutsche.de: Andere Priester in ähnlicher Situation haben weniger Glück mit ihren Kirchenoberen als Sie.

Schmieder: Die Diözese Regensburg steht ja nicht gerade im Ruf, mordsliberal zu sein. Es war vielleicht auch eine Frage des gegenseitigen Umgangs: Als ich aufhörte, riefen einige Privatsender an und wollten mich in Talkshows laden - ich habe natürlich abgelehnt.

sueddeutsche.de: Was halten Sie eigentlich vom Zölibat?

Schmieder: Zölibat ist eine Lebensform die lebbar und durchaus bereichernd sein kann. Ich halte den Zölibat heute nicht mehr für zeitgemäß. Er hindert den Priester einen wesentlichen Teil seiner Berufung - dem Menschen zu dienen und nahe zu kommen - zu erfüllen. Das ist für mich der eigentliche Grund, weshalb man über den Zölibat sprechen sollte. Nicht, damit es mehr Priester gibt, das wär' Blödsinn. Sondern damit die Priester ihren Dienst näher an der Gesellschaft leisten können.

sueddeutsche.de: Der Papst widmete seine erste Enzyklika der Liebe und nannte sie göttlich - Sexualität inklusive. Eine Ouvertüre Benedikts zu tiefgreifenden Reformen in diesem Bereich?

Schmieder: Ich würde es hoffen! Die Kirche steht in dem Ruf, ungeheuer leibfeindlich zu sein, was sie der Lehre Christi nach gar nicht ist. Trotzdem ist der Zölibat ein Monolith, der die Leibfeindlichkeit der Kirche bestätigt. Ich glaube, man sollte damit ein für alle mal aufräumen. Die Kraft der Liebe ist ja, dass der Mensch dort erst richtig Mensch wird.

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