In der Türkei ist von einem "Gegner" die Rede, in anderen Ländern wird über den "Nobody" gespottet: In der internationalen Presse kommt der künftige EU-Ratspräsident Van Rompuy schlecht weg.

Als schlechte Nachricht für Ankara haben türkische Medien am Freitag die Entscheidung für den belgischen Ministerpräsidenten Herman Van Rompuy als EU-Ratspräsidenten gewertet. Künftig stehe ein "Gegner der Türkei" an der Spitze der Europäischen Union, berichteten mehrere Zeitungen und Fernseher gleichlautend. Van Rompuy habe sich in der Vergangenheit klar gegen eine Aufnahme der Türkei ausgesprochen, hieß es.

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Das Führungsduo der EU: Herman Van Rompuy und Catherine Ashton. (© Foto: dpa)

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Einige Medien hoben jedoch auch hervor, Van Rompuy habe nach seiner Ernennung am Donnerstagabend betont, dass er sich trotz seiner persönlichen Meinung zur türkischen Bewerbung an den EU-Beschluss zur Führung von Beitrittsverhandlungen mit Ankara halten werde. Die vor vier Jahren begonnenen Beitrittsverhandlungen mit der Türkei kommen nur schleppend voran.

"Herman Van wer?"

Auch in anderen Ländern schnitt der neue EU-Ratspräsident in der Presse schlecht ab. Die schwedische Zeitung Aftonbladet schreibt am Freitag: "Herman Van Wer? Nein, von dem hat im Prinzip außerhalb Belgiens noch niemand etwas gehört."

Mit seiner Benennung habe die EU ein historische Chance verpasst. "Europa will weiter nur mit sich selber reden, statt gehört zu werden", kommentiert das Blatt aus Stockholm.

Die linksliberale spanische Tageszeitung El País schreibt, Van Rompuy und die neue EU-Außenministerin Catherine Ashton seien "graue und unbekannte Figuren". Nach ihrer Nominierung würden die Bürger noch stärker auf Distanz zu den EU-Institutionen gehen. Von Van Rompuy dürfe man keine Führungsrolle und keine internationale Ausstrahlungskraft erwarten.

"Ohne Steuermann"

Die rechtsliberale spanische Zeitung El Mundo kommentiert, mit der Besetzung seien die schlimmsten Befürchtungen in Erfüllung gegangen: "Die EU ist ohne Steuermann und ohne Kurs. Den Posten des EU-Außenministers erhielt eine britische Baronin ohne jede Erfahrung, nur damit die Frauenquote erfüllt ist. Dies ist eine Beleidigung, insbesondere für Frauen."

Die Schweizer Basler Zeitung warnt vor der Gefahr, dass Van Rompuy zur Marionette der EU-Regierungschefs wird. Noch deutlichere Worte findet der Mailänder Corriere della Sera: "Europa ist es gelungen, einen Herr und eine Frau Niemand mit den beiden EU-Topjobs zu betrauen. Es ist eine Kapitulationserklärung Europas. So hat Europa einen Schritt - genauer: zwei - in Richtung Bedeutungslosigkeit gemacht."

Die polnische Zeitung Dziennik Gazeta Prawna schreibt: "Es hat sich gezeigt, dass die Gemeinschaft (...) keinen starken Präsidenten braucht, sondern einen, der bei der Verwirklichung eigener Interessen (einzelner Staaten) nicht stört."

"Heimlichtuerische Art"

Von einem "abgekarteten Spiel" zwischen Frankreich und Deutschland zugunsten eines "unbedeutenden Belgiers" spricht die britische Tageszeitung The Independent: "Zwar war da kein weißer Rauch, aber die heimlichtuerische Art, wie 27 stolze Demokratien zu der Entscheidung gekommen sind, lassen den Vatikan fast transparent erscheinen."

Die Turiner Tageszeitung La Stampa meint: "Das neue Europa ist schlecht gestartet und - bei allem Respekt vor Rompuy und Ashton - mit zwei Unbekannten in den Schlüsselrollen." Pure Parteitaktik, nationaler Egoismus und Chauvi-Manieren hätten die Auswahl bestimmt, kommentiert Der Standard aus Wien.

Vollkommen unbekannt

Die französische Zeitung Le Parisien meint zu Van Rompuy: "Er sieht aus wie ein Durchschnittslehrer, ein paar weiße Haare, starke Brille: Der neue EU-Präsident ist vollkommen unbekannt. Eine Figur aus den Kulissen, die die großen Länder nicht weiter stören wird."

Die politischen Tugenden Van Rompuys seien nicht ausschlaggebend für seine Wahl gewesen, unkt die linksliberale Budapester Tageszeitung Nepszabadsag: "Der geheime Deal der Staats- und Regierungschefs beruhte (...) vielmehr darauf, dass ihn keiner kennt. In seiner kurzen Zeit als Regierungschef vermochte er sich weder Feinde noch Freunde zu machen."

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(AFP/dpa/mikö/bica)