"Zwei Ostdeutsche ganz oben in der Republik, das ist fast ein politisches Wunder": Wie die Präsidenten-Personalie kommentiert wird - und die Gauck-Wende der Kanzlerin, durch die am Ende endlich einmal die FDP gewann.

ZDF: "Stimmt, man hätte diesen Mann schon 2010 haben können, Merkel hat das damals verhindert. Auch wenn es zwei Jahre dauerte: Gauck hat sich gegen kleinliche Parteitaktiererei durchgesetzt. Er kann das Amt des Bundespräsidenten mit seiner Persönlichkeit retten. Diese Kehrtwende der Kanzlerin ist aller Ehren wert. Zwei Ostdeutsche ganz oben in der Republik - das ist fast ein politisches Wunder."

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Wohl das künftige Staatsoberhaupt der Bundesrepublik Deutschland: Joachim Gauck (© dapd)

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Bild-Zeitung: "Die Mehrheit der Deutschen wollte Joachim Gauck als Bundespräsidenten. Die SPD ­wollte ihn. Die FDP wollte ihn. Und sogar im CDU-Präsidium gab es eine lange schweigende Mehrheit für ihn. Nur eine wollte Gauck lange nicht: Angela Merkel. Der Himmel weiß warum. Im letzten Moment hat sie ihre Meinung geändert. Schon beim letzten Mal tat sie alles, um Gauck zu verhindern. Das Resultat ist bekannt. Noch einmal wollte sie dieses Risiko nicht eingehen.

Augsburger Allgemeine: "Es mag sein, dass Merkel Gauck schon vorher auf der Rechnung hatte. Aber erst der Vorstoß der FDP für den Favoriten von SPD und Grünen mitsamt der Gefahr eines Koalitionsbruchs hat Merkel bewogen, über ihren Schatten zu springen und Gauck zu akzeptieren. Sie gibt damit offiziell zu Protokoll, 2010 falsch entschieden zu haben. Das mag peinlich sein und wirkt wie eine Niederlage. Aber es ist doch auch ein Zeichen von Größe, das Merkel nicht zum Nachteil gereichen wird."

Nordsee-Zeitung(Bremerhaven): "Der FDP muss man zugestehen, sie hat hoch gepokert und gewonnen. Der Schwanz hat ausnahmsweise mal mit dem Hund gewedelt. Auch um den Preis der Koalition. Angela Merkel ist am Ende eingeknickt, nicht nur vor den Liberalen und dem immensen Druck, den auch die Opposition ausgeübt hat. Sondern hoffentlich auch vor den eigenen Ansprüchen. Dabei hat Angela Merkel als Kanzlerin Schaden genommen. Und die Koalition? Sie steht nun schlechter da denn je. Nicht wegen Gauck."

Frankfurter Allgemeine Zeitung: "CDU, CSU und FDP trieb das Schauspiel an den Rand des Koalitionsbruchs. Der FDP konnte weder an einem Großkoalitionär noch an einem schwarz-grünen Signal gelegen sein. (...) Die SPD stellte Bedingungen, und Sigmar Gabriel ließ die Katze am Wochenende vollends aus dem Sack: Gauck sollte es sein. Da war der Name schon zur Waffe der FDP geworden, die den Koalitionsspieß einfach umdrehte und die Frage aufwarf, ob es für sie noch Gründe gebe, auf CDU und CSU Rücksicht zu nehmen. Denn Gauck ist jemand, der CDU und CSU aus Sicht der Opposition vor Augen führen soll, wie gründlich die Kanzlerin gescheitert ist, weil sie ihren Parteimann Wulff in einer Hauruckwahl gegen den quasi-plebiszitär inszenierten Kandidaten Gauck durchgeboxt hatte."

Badische Neueste Nachrichten (Karlsruhe): "Einen bemerkenswerten Fall von Korrektur hat die Bundeskanzlerin vollbracht. Der Schwenk zu Joachim Gauck am gestrigen späten Abend ist der Union aus taktischen Gründen alles andere als leicht gefallen. Dass sie ihn dennoch vollzogen hat, könnte die seltsame Folge haben, dass diese Kandidatenkür fast nur Sieger hervorbringt: SPD und Grüne, weil sie schon vor zwei Jahren auf Gauck setzten. Die FDP, weil sie gestern hoch und erfolgreich gepokert hat. Und die CDU, die bald merken könnte, dass dieser Präsident viel besser zu ihr passt, als sie je gedacht hat."

Stuttgarter Nachrichten: "Gaucks Nominierung hat für Angela Merkel einen hohen Preis und bedeutet de facto das Ende des schwarz-gelben Regierungsbündnisses. Die Kanzlerin hat sich von den von allen guten Koalitionsgeistern, von einfallslosem Populismus getriebenen Liberalen demütigen lassen müssen. Angesichts der Euro-Krise glaubt Merkel, einen Bruch der Koalition nicht riskieren zu dürfen. Die FDP hat das ausgenutzt - und SPD und Grüne damit den Beweis noch nie so einfach führen lassen, wie ausgelaugt und von gegenseitigem Unbehagen unterhöhlt diese Bundesregierung mittlerweile agiert. Schwarz-Gelb ist angegauckt."

Delmenhorster Kreisblatt: Gewonnen hat diese Wahl bislang nur eine einzige Person: Angela Merkel. Sie - die oft als machtversessen Gescholtene - hat gestern wieder einmal ihren Sinn für Pragmatismus bewiesen. Joachim Gauck als Bundespräsidenten erneut abzulehnen, wäre für den Alternativkandidaten oder die Alternativkandidatin eine starke Belastung geworden. Denn er oder sie wäre ständig an der Beliebtheit Gaucks gemessen worden. Und ganz nebenbei hat die Kanzlerin auch noch eine drohende Koalitionskrise mit der FDP abgewendet."

Westfälische Nachrichten (Münster): "Die Kanzlerin musste in die ungeliebte Personalie Gauck einwilligen, weil sie zum einen ihre Regierung nicht aufs Spiel setzen wollte, zum anderen keine überzeugende personelle Alternative aufzubieten vermochte. Denn ihrer großen Geste vom Freitag, nach dem Scheitern des präsidialen Parteibuch-Surfens nun einen unabhängigen Nachfolger zu suchen jenseits von durchsichtigem Posten-Geschacher, war wie zu erwarten verpufft im Getriebe der kleinkarierten und allzu parteiischen Berliner Farbenlehre."

Rheinische Post (Düsseldorf): "Wenn Integrität die wichtigste Eignung für den neuen Präsidenten ist, kommt man an dem mutigen Streiter für Demokratie und Freiheit in der DDR einfach nicht vorbei. Damit ist noch nicht gesagt, ob er auch ein guter Bundespräsident wird. Er hat aber alle Chancen dafür."

General-Anzeiger (Bonn): "Die Mehrheitsverhältnisse haben die Kanzlerin zur Korrektur gebracht. Mit einem paradoxen Ergebnis: Deutschland bekommt einen Bundespräsidenten, mit dem diese Gesellschaft sehr gut wird leben können. Dass er wie Angela Merkel evangelisch und vom Osten geprägt ist, wird nur für Freunde des Proporzes von Nachteil sein. Und Angela Merkel? Die Krisenkanzlerin ist angeschlagen und muss sich - das ist das Mindeste - 2013 eine neue Koalition suchen. Was aber auch kein Nachteil ist."

Schwäbische Zeitung (Leutkirch): "Warum ist Joachim Gauck so beliebt? Weil Überparteilichkeit hoch im Kurs der Wähler steht, weil Überparteilichkeit längst zum Markenzeichen geworden ist. Das ist kein Wunder, aber ein dramatisches Zeichen für eine Demokratie, die auf dem Parteiwesen aufgebaut ist. Die Wähler hatten die Nase vom parteitaktischen Hickhack voll. Doch leider gab es gestern erst einmal eine pralle Fortsetzung davon."

Lausitzer Rundschau (Cottbus): "Der ehemalige Bürgerrechtler ist jetzt genau der richtige Mann, der wie einst Johannes Rau versöhnen statt spalten kann. Das wird zunächst Gaucks wichtigste Aufgabe werden. Denn nicht nur das Amt des Staatsoberhauptes ist durch die Wulff-Affäre massiv ramponiert worden. Durch Deutschland zieht sich seit zwei Monaten ein geistig-moralischer Riss, was die Bewertung der Wulff-Affäre angeht. Und - viel schlimmer - ob der Bundespräsident überhaupt noch gebraucht wird. Gauck muss daher nach dem Wulff-Drama das Vertrauen in das Amt wiederherstellen und für einen neuen, gesellschaftlichen Frieden in dieser Frage sorgen. Der FDP muss man zugestehen, sie hat hoch gepokert und gewonnen. Der Schwanz hat ausnahmsweise mal mit dem Hund gewedelt."  

Westdeutsche Zeitung(Düsseldorf): "Der schwer angeschlagene FDP-Parteichef Philipp Rösler setzte alles auf eine Karte - und gewann. Weil er an Gauck festhielt und gegenüber der Kanzlerin ungewohnte Stärke zeigte, kann er sich nun als Präsidentenmacher fühlen. Ob sich das jedoch für die Liberalen bei der wichtigen Landtagswahl in Schleswig-Holstein in Stimmen auszahlen wird, ist längst nicht ausgemacht."

Nordwest-Zeitung(Oldenburg): "Es spricht für Angela Merkel, ihren Widerstand gegen den "Präsidenten der Herzen" aufgegeben zu haben. Das verdient Respekt. Sie hat damit, wenn auch nach anfänglichem Zögern, wahr gemacht, was sie angekündigt hatte. Sie ging bei der Suche nach einem neuen Präsidenten auf die Opposition ein und stimmte einem Vorschlag zu, dem eine breite Mehrheit in der Bundesversammlung gewiss ist. Schön ist, dass Joachim Gauck zudem auch die Zustimmung einer großen Bevölkerungsmehrheit sicher ist. Er verkörpert, was zuletzt so sehr vermisst wurde."

Junge Welt (Berlin): "Der erste Amtsinhaber Theodor Heuss hatte im Frühjahr 1933 ohne Not für das Ermächtigungsgesetz gestimmt, das - um einen Satz des Philosophen Karl Jaspers aufzugreifen - aus einem Staat in der Hand von Verbrechern einen Verbrecherstaat machte. Sein Nachfolger Heinrich Lübke hatte, wie sich unlängst herausstellte, weit intensiver am Bau von Konzentrationslagern und Zwangsarbeiterstätten mitgewirkt, als die DDR seinerzeit wusste. (...) Nun taucht als Wunschkandidat von SPD, Grünen und FDP Joachim Gauck erneut auf. Er ist prädestiniert. Wer dem SPD-Mitglied Thilo Sarrazin wegen dessen rassistischem Machwerk 'Mut' attestiert und meint, die 'politische Klasse' könne aus dem Erfolg des Buches lernen, ist amtswürdig."

Neue Osnabrücker Zeitung: "Nun also doch: Mit Joachim Gauck steht ein respektabler Kandidat für das Amt des Präsidenten bereit. Vorausgegangen war seiner Kür am Wochenende ein abschreckendes Schauspiel, das vorübergehend wie eine Nachfolgersuche für Wetten, dass..? wirkte. Das Ergebnis bedeutet einen Gesichtsverlust für Angela Merkel, die den einstigen Gegenkandidaten zu Christian Wulff verhindern wollte."

New York Times (USA): "Frau Merkel hat gesagt, sie wolle einen Kandidaten nominieren, der sich der Unterstützung aller Parteien gewiss sein kann. Bei den Verhandlungen mit anderen Parteichefs am Sonntag fühlte sie sich schließlich isoliert, nachdem sich ihr Koalitionspartner auch für Gauck ausgesprochen hatte. Im Vorfeld der nächsten Verhandlungsrunde zur europäischen Finanzkrise am Montag akzeptierte sie die Unumgänglichkeit der Entscheidung schließlich und willigte ein."

Telegraph (Großbritannien): "Wulffs Rücktritt war ein Nackenschlag für Angela Merkel, die seine Bewerbung 2010 trotz Gaucks Popularität durchgedrückt hatte, um ihre Regierung zu stärken. Aufgrund der jetzigen Unterstützung für Gauck könnte Merkel vorgeworfen werden, dass sie sich mit ihrer Wahl vor zwei Jahren geirrt habe."

Le Figaro (Frankreich): "Nach dem Rücktritt von Christian Wulff musste das neue deutsche Staatsoberhaupt über jeden Verdacht der Unehrlichkeit erhaben sein. Das Paradox Merkel schürt weiter die Eifersucht anderer Staats- und Regierungschefs. Die Bundeskanzlerin verlor einen starken Mann nach dem anderen. Es begann mit Horst Köhler, der 2010 zurückgetreten war, ging weiter mit Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, der mit Plagiatsvorwürfen konfrontiert war, und endete mit Christian Wulff. Trotzdem hat Merkels Popularität niemals gelitten."

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(Süddeutsche.de/odg)