Dünnbrettbohren oder historische Rede? Superstar oder ein Mann der Bescheidenheit? Obamas Auftritt in Berlin hinterlässt ein höchst uneinheitliches Bild in den Medien.
Die Rede, die Barack Obama vor der Siegessäule in Berlin gehalten hat, begeisterte zwar die Menschen auf der Fanmeile. Bei den Kommentatoren der Medien löste sie jedoch unterschiedliche Reaktionen aus.
Barack Obama hat vor der Siegessäule in Berlin eine Rede gehalten - Hunderttausende jubelten ihm zu. (© Foto: Reuters)
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Der Berliner Tageszeitung beispielsweise schlägt kritische Töne an: "Ist Obama nach der Rede in Berlin irdischer geworden? Ja, und das ist auch gut so. Zum einen, weil man auch die Schwäche seiner Rhetorik merkte. Mit dem Loblied auf die tapfere Frontstadt Berlin knüpfte er an Kennedy und Reagan an. Aber die Licht-und-Finsternis-Metaphorik, die in den USA so viele begeistert, wirkte hier seltsam ausgeliehen."
Ebenso die Stuttgarter Nachrichten: "Hat irgendwer mehr erwartet von Barack Obama in Berlin? Es war doch klar, dass der demokratische Bewerber um die US-Präsidentschaftskandidatur übers politische Dünnbrettbohren kaum hinauskommen würde - alles andere wäre ja wahlkampfunüblich."
Ebenfalls wenig Euphorie hat Obama bei der Thüringer Allgemeinen ausgelöst: "Ich bin Barak Obama. Viel mehr Botschaft hatte der Senator und Wahlkämpfer gestern Abend nicht zu bieten."
Und der Münchner Merkur spricht gar von "eiskalter Propaganda": "Mit den Bildern, die seine potentiellen Wähler jenseits des Atlantiks aus dem alten Europa erreichten, darf Barack Obama zufrieden sein. (...) Wer nun hierzulande allerdings in Euphorie verfallen möchte, sei gewarnt. Obamas Auftritt in Berlin war eine eiskalt kalkulierte Propagandaübung mit dem Ziel, jene Amerikaner zu überzeugen, die noch schwanken, wem sie am 4. November ihre Stimme geben sollen."
Bei der Abendzeitung , die ebenfalls in München erscheint, zeigt man sich hingegen von dem US-Senator angetan: "Obamas Auftritt war die kurze, nüchterne und entschlossene Predigt, die alles streifte. Eine Rede, die nicht in politische Details ging und dennoch die Herzen der Berliner und der Deutschen erreichte. Das ist lange keinem deutschen Politiker mehr gelungen."
Die Aachener Zeitung schreibt: "Selbst wenn es nur Wahlkampf war! Ja und! Nichts ist dagegen zu sagen, wenn demokratische Politiker in befreundeten Ländern ihre Ideen der Öffentlichkeit vorstellen. Solch ein demokratischer Austausch kann nur guttun".
Mit der Obamamania setzt sich die Rheinische Post aus Düsseldorf auseinander: "Nun ist er wieder weg. Der 'Superstar', 'Supermann' oder geschmacklos 'Erlöser', wie ihn manche Medien in vorauseilender Begeisterung getauft haben. Ist man Spaßverderber oder Realist, wenn man auf gut Berlinerisch fragen möchte: Habense et nich ne Nummer kleener?"
Die Wetzlarer Neue Zeitung kommentiert dagegen: "Auch wenn Obama gestern Abend nichts Konkretes gesagt, sondern bloß Stimmung hüben wie drüben gemacht hat: Dass er nur knapp 30 Minuten gesprochen hat statt der geplanten 45, birgt auch so eine Hoffnung: Kommt da mal endlich einer, der sich nicht so wichtig nimmt?"
Die Westdeutsche Allgemeine Zeitung aus Essen schreibt: "Dass Obama in Berlin verstärkte Anstrengungen der Staatengemeinschaft im Anti-Terror-Kampf fordert, lässt ahnen, dass auch nach Bush der ewige Weltfriede nicht ausbrechen wird. Amerika bleibt eine Weltmacht, die sich im Zweifelsfall wenig um die Interessen anderer Länder schert. Auch nicht unter einem möglichen Präsidenten Barack Obama, der so schön lächeln und so gut reden kann."
Die Financial Times Deutschland findet: "Die USA sehen nicht ein, dass sie sich im Kampf gegen die Taliban aufreiben, während die Deutschen die netten Aufbauhelfer geben. Während die Regierung bereits weiß, was auf sie zukommt, könnten die Wähler der großen Parteien bald ein böses Erwachen erleben, wenn sie sehen, dass auch Obamas neues Amerika die alten Ziele verfolgt."
Auch in den USA wurde der Berliner Auftritt des 46-jährigen Senators überwiegend aufmerksam beobachtet. Die ersten Kommentare fielen ähnlich unterschiedlich aus wie in Deutschland.
Die Online-Ausgabe des San Francisco Chronicle jubelt: "Barack Obama (...) hat eine historische Rede an ein weltweites Publikum gehalten."In die Lobeshymne stimmte auch der TV-Sender MSNBC ein und befand: "Er hat es sehr gut gemacht. Von den Bildern her war sein Auftritt erstaunlich."
Die Online-Ausgabe der New York Times war hingegen etwas skeptisch: "Hat es das schon jemals gegeben, dass ein Amerikaner, der kein Präsident ist, nach Europa reist und ein anderes Land um dessen Truppen bittet? Das erscheint uns extrem ungewöhnlich."
Lapidar behandelt der Kolumnist der Boston Herald (Online) das Thema: "Offenbar hat Barack Obama gestern eine seiner typischen Reden in Berlin gehalten. Aber dieses 'Ich bin ein Obama' war Kleinkram verglichen mit den ominösen roten und gelben Flecken, die über den Fernsehschirm krochen. Die lokalen Fernsehnachrichten drehten sich fast ausschließlich um Tornados."
(sueddeutsche.de/beu/bica)
Bundespräsident Gauck
was von den letzten obama-auftritten in den usa und europa bleibt, ist die hoffnung, dass der inzwischen sehr von seinen guten ideen abgerückte präsidentschafts-
kandidat nach dem evtl. sieg wieder zu dem zurückfindet, was ihn nach oben gepusht hat. und zu denen, die ihm zugejubelt und ihn nach oben gebracht haben: den jungen amerikanern.
niemand hat diese wählergruppe in den vergangenen jahrzehnten so für politik und politiker begeistern können wie dieser smarte "jung"-politiker. niemand hat ihnen so viel hoffnung auf ein anderes, besseres amerika ("we can change") gemacht. sie haben ihm geglaubt - und tun das immer noch. was wird passieren, wenn die jungen amerikaner nach einem wahlsieg obamas eventuell feststellen müssen, dass "ihr" präsident nicht einen hauch besser ist als die anderen?!
Achja, da sind wir alle (und vor allem unsere Pressorgane) derart verwöhnt von unseren heimischen Politikern, die konkret die Probleme benennen, die nicht nur hohle Phrasen dreschen, die den Populismus scheuen wie der Teufel das Weihwasser, die lieber Politik in der Sache als Wahlkampf mit den Worten betreiben und die nicht ständig versuchen tolle Bilder zu erhaschen, dass man diesen aufgeblasenen Windbeutel aus den USA direkt abfrühstücken kann!
Ein Glück, dass wenigstens ganz vereinzelte Presseerzeugnisse sich mutig trauen aus der Einheitsfront der, in "vorauseilender Begeisterung" gelähmten deutschen Medienwelt ausbrechen und in zaghaften Worten völlig Berechtigte Bedenken äußern.
...
"Sag ma' gehts noch?" Ich weiß ja nicht, ob die Beteiligten Medienvertreter eine politische Abhandlung der aktuellen Weltgeschehnisse auf universitätsniveau erwartet haben oder ob da nicht einfach mangelnde Englischkenntnisse im Spiel waren.. Jedenfalls ist diese mediale Auswertung in einer Art und Weise unangemessen, die eigentlich nur noch die Bewertung als Klatsch zulässt. Für jeden verständigen Menschen gingen seine Worte, spätestens zwischen den Zeilen, über das hinaus, was man von einer politischen Rede an Prägnanz erwarten darf. Auch wenn man zugehört hat, kennt man noch nicht seine politische Agenda. Wer die aber nach einer 30min Rede vermisst, hat einfach keinen Schimmer von Politik.
Stimmt!
Außerdem kann es abträglich sein zu sehr ins Detail zu gehen. Den einen stört dann die Keinigkeit, den anderen das. Und am Ende wird man wegen Unwesentlichem nicht gewählt, obwohl die eigentliche Richtung stimmt. Demokratie ist die beste Staatsform, aber eben auch nicht ganz perfekt.
Sein Change find ich gut. Keine Konfrontation mehr wie Bush sondern Kommunikation. Bush handelte nach dem Motto wer nicht für mich ist, ist gegen mich. Obama scheint eher den Ausgleich zu suchen. Bleibt zu hoffen, das er die Wahl gewinnt und das auch umsetzt.
... kann man die transatlantischen Beziehungen und seine Einstellung dazu natürlich nicht im Detail durchkauen. Man kann wohl dem Hörer die Grundrichtung, eine Idee, sozusagen nur ein Gefühl geben. Und ich denke das hat er ganz gut gemacht.
Dass er sich auf diesem Terrain im Detail festlegt, hat im Wahlkampf wohl niemand ernsthaft erwartet. Das hat er ja nicht mal beim Thema Irak-Rückzug getan, mit Hinweis auf eine "Resttruppe".
Historisch war die Rede damit nicht, aber gut allemal.
Substanzlose Reden im Ausland zu halten ist eine Sache (und wen kuemmert Obama wirklich bevor er ein offizielles global wirksames Amt bekleidet?) - dafuer aber ein jubelndes Publikum von 200.000 Menschen in einem aufgeklaerten, intelektuell starken Staat wie Deutschland zu finden, ist erstaunlich. Dass dies moeglich ist, hat mich wirklich erstaunt und enttaeuscht. Dies beweist jedoch wie sehr wir bereits von der amerikansichen medialen Vortaeuschkultur beeinflusst sind und wie wenig Menschen ueber Inhalte reflektieren, wenn die Verpackung und die Praesentation gut inszeniert sind. Eigentlich sollten wir es besser wissen und vernuenftiger agieren. Man wird ja ohnehin sehen ob Obama die Wahl gewinnen kann, einen positiven Einfluss auf die amerikanische Politik entwickelt und/oder seine mangelnde Erfahrung und den Mangel an substantiellem politischen Hintergrund durch aussergewoehnliche Lernfaehigkeit ausgleichen kann. Bis dahin gilt - in dubio pro re - die extremen Vorschussloorbeeren sind jedoch mehr als unangebracht - speziell ausserhalb der USA!
Paging