Die Regierungskrise in Italien zeigt die tiefe Spaltung, die durch das Land geht. Entweder ist man für Prodi und verdammt Ex-Justizminister Mastella. Oder man wittert jetzt die Chance, den "Professore" Prodi loszuwerden.
Die großen Zeitungen des Landes haben Diskussionsforen geschaltet. Und im Wesentlichen lassen sich zwei Positionen finden: Die einen klagen über die politische System, in dem eine Partei mit 1,4 Prozent der Wählerstimmen die Regierung stürzen kann - und rufen Prodi zum Durchhalten auf. Die anderen sehen Prodi am Ende und werfen ihm vor, am Sessel zu kleben, statt umgehend auf Neuwahlen hinzuarbeiten.
Bild vergrößern
Ministerpräsident Romano Prodi im Parlament, nachdem er angekündigt hat, die Vertrauensfrage zu stellen. (© Foto: Reuters)
Anzeige
Die erste Position findet sich naturgemäß häufiger in den links-liberalen Medien. Im Forum der auflagenstärksten Zeitung La Repubblica fordern viele Leser Prodi zum Durchhalten auf. Für seine Taktik, die Entscheidung zu suchen und im Parlament die Vertrauensfrage zu stellen, wird ihm überwiegend Respekt gezollt.
Die meisten Leser schießen sich auf Ex-Justizminister Mastella ein. "Che Schifo! - So ein Dreck, dass jetzt ein ganzes Land für Mastella und seine Frau bezahlen muss. So ein Dreck, dass wir so fragil sind," schreibt ein Leser. Mastella war zurückgetreten, als die Justiz seine Frau wegen Korruptionsermittlungen unter Hausarrest gestellt hatte.
Allerdings finden sich auch viele Kommentare, die das gesamte politische System des Landes als verdorben, korrupt oder peinlich verdammen.
"Land der Anomalie"
In dieselbe Richtung geht auch der Kommentar in La Repubblica: Die Krise zeige, dass Italien noch immer kein normales Land sei, sondern "das Land der Anomalie".
"In jedem anderen Land Europas stürzt eine Mehrheit im Parlament durch einen politischen Bruch, den die Wähler verstehen und dessen Hintergründe sie kennen. Nur in Italien kann der Chef einer kleinen Partei das Ende einer Koalition in einer Pressekonferenz ankündigen, ohne zuvor dem Parlament seine Gründe dafür mitzuteilen," beklagt Kommentator Massimo Giannini.
Der liberale Corriere della Sera wirft die Frage auf, was Mastella mit seinem Austritt aus der Regierung Prodi bezweckt. "Wir müssen erst noch verstehen, ob sein Ziel wirklich Neuwahlen sind oder aber eine andere Regierung." Die Zeitung gibt Prodi fast, aber noch noch nicht ganz verloren. "Es wird der letzte Versuch des Professore, vor einem immer skeptischeren und ernüchterten Publikum noch einen Zaubertrick vorzuführen."
Beide Lager gescheitert
Im Leserforum überwiegt der Pessimismus. Viele Beiträge sehen sowohl das linke als auch das rechte Lager als gescheitert an. Weder von Neuwahlen noch von einer Übergangsregierung erwarten sie sich Reformen oder eine Veränderung des politischen Stils in Rom.
Nach Ansicht der Zeitung Il Giornale, die von Silvio Berlusconis Bruder Paolo herausgegeben wird, ist jetzt "die Endstation erreicht". Naturgemäß sind hier auch im Forum die Prodi-Gegner stärker vertreten. Die Leser werfen ihm vor, Italien binnen zwei Jahren auf die Knie gezwungen zu haben und immer noch am Sessel zu kleben: Die Linke "ist schockiert, aber sie ergibt sich nicht," fasst ein Leser zusammen.
(sueddeutsche.de/www.repubblica.it/www.corriere.it/www.ilgiornale.it/maru/bica)