Prantls Blick Der Einstein des Sex

Magnus Hirschfeld (1868-1935), deutscher Nervenarzt und Sexualforscher.

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)

Magnus Hirschfeld war einer der Pioniere der Sexualwissenschaft. Er schrieb schon über Homosexuelle, als Deutschland noch einen Kaiser hatte. Für die Nazis war er der "Apostel der Unzucht". Zum 150. Geburtstag eines großen Aufklärers.

Die politische Wochenvorschau von Heribert Prantl

Jeden Sonntag beschäftigt sich Heribert Prantl, Mitglied der Chefredaktion und Ressortleiter Meinung der SZ, mit einem Thema, das in der kommenden Woche - und manchmal auch darüber hinaus - relevant ist. Hier können Sie "Prantls Blick" auch als wöchentlichen Newsletter bestellen - exklusiv mit seinen persönlichen Leseempfehlungen.

Er schrieb über Homosexuelle. Er schrieb schon über sie, als Deutschland noch einen Kaiser hatte. Er beschrieb "Das Dritte Geschlecht" - nicht Mann, nicht Frau, sondern irgendetwas dazwischen; forschte über "sexuelle Zwischenstufen". Er berichtete auch über Männer in Frauenkleidung, was damals so unbekannt war, dass er selbst den Begriff dafür erfinden musste - Transvestiten. "Eine Untersuchung über den erotischen Verkleidungstrieb" heißt seine bahnbrechende Forschungsarbeit aus dem Jahr 1910.

Pionier der Sexualwissenschaft

Magnus Hirschfeld war Arzt, er war Jude, er war der Sohn des Kolberger Arztes Hermann Hirschfeld, der für seine Verdienste im Sanitätsdienst während des deutsch-französischen Krieges zum Sanitätsrat ernannt worden war. Er war einer der Pioniere der Sexualwissenschaft. Im Jahr 1897, mit 29 Jahren, gründete er das wissenschaftlich-humanitäre Komitee. Es war die weltweit erste Organisation, die sich zum Ziel setzte, sexuelle Handlungen zwischen Männern zu entkriminalisieren. 1919 gründete er das "Institut für Sexualwissenschaft" und warb für einen liberalen Umgang mit Nicht-Heterosexuellen: mit Wissenschaft zur Gerechtigkeit, das war sein Motto.

"Es sind", schrieb er, "keine Übeltäter, keine Verbrecher an der Person, keine Verbrecher am Eigentum. Unglückliche, Entrechtete, die den Fluch eines geheimnisvollen Rätsels der Natur durch ihr einsames Leben schleppen. Menschen, die sich im Kampf des Tages ihre geachtete Stellung erobert haben. Redlich Arbeitende, deren Ehrenhaftigkeit niemand anzweifelt, deren Wort und Name seine gute Geltung hat; und die sich doch unter dem Druck eines mittelalterlich grausamen Gesetzesparagrafen scheu und heimlich zusammenfinden müssen....". So steht es in seinem Buch über das Dritte Geschlecht aus dem Jahr 1904. Der Kampf für die Abschaffung des Strafparagrafen 175 gegen Homosexuelle hatte aber erst sechzig Jahre nach Hirschfeld Erfolg.

Ein Sonderling? Ein Aufklärer!

Der "175": Mit diesem Paragrafen haben das deutsche Kaiserreich und die Weimarer Republik die Homosexuellen verfolgt. Mit diesem Paragrafen haben die Nazis die Schwulen ins KZ geprügelt und ihnen den "Rosa Winkel" angenäht. Mit diesem Paragrafen hat die Bundesrepublik mehr als fünfzigtausend Männer verurteilt.

Warum ich Ihnen das heute schreibe? Weil dieser Magnus Hirschfeld am morgigen Montag, am 14. Mai, vor 150 Jahren geboren wurde. Wenn man seinen Namen heute überhaupt noch kennt, dann gilt er oft als Sonderling. Hirschfeld aber war kein Sonderling, er war ein großer Aufklärer. Zu seinen Ehren gibt es am Montagabend einen Festakt in Berlin, im Haus der Kulturen der Welt - dort wo einst Hirschfelds Institut stand. Die Nazis haben es am 6. Mai 1933 zerstört. Im Rathaus Charlottenburg gibt es zum Geburtstag eine kleine Ausstellung; sie ist bis zum 13. Juni zu besichtigen.

Anders als die Andern

Magnus Hirschfeld wollte Homosexuelle vor dem "Verlies Ehe" bewahren. "Lebenslügen", so sagte er, hätten viele seiner Patienten in den Selbstmord getrieben. 1919 war er Berater und Mitwirkender im ersten Schwulenfilm der Filmgeschichte - "Anders als die Andern" von Richard Oswald. Er handelt von einer Erpressungsgeschichte mit tödlichem Ausgang. Hirschfeld spielt darin sich selbst, einen Arzt, der darlegt, dass Homosexualität keine Krankheit ist. Das Nazi-Hetzblatt "Stürmer" beschimpfte ihn als den "Apostel der Unzucht", obwohl nicht wenige Nazis Patienten und Ratsuchende in seiner Praxis waren. 1920, nach einem Vortrag in München, lauerten ihm rechtsradikale Schläger auf. Zeitungen meldeten bereits Hirschfelds Tod. Der Arzt überlebte und gehörte zu denen, die Nachrufe auf sich selbst lesen konnten.

Magnus Hirschfelds Bücher wurden 1933 verbrannt. Das ist in diesen Maitagen 85 Jahre her. Den Kopf einer zerschlagenen Büste von Magnus Hirschfeld spießten die Nazis auf eine lange Stange auf und trugen ihn auf dem Weg zur Bücherverbrennung mit. Diese Bücherverbrennung war der Höhepunkt der sogenannten "Aktion wider undeutschen Geist", mit der nach der Machtübernahme der Nazis im März 1933 die systematische Verfolgung der jüdischen, pazifistischen, marxistischen oder sonst unliebsamen Schriftsteller begann.

Eine begehbare Böschung

Rosa von Praunheim hat 1999 einen Film über Magnus Hirschfeld gemacht; der Film trägt den Titel: "Der Einstein des Sex". An der Spree in Berlin, zwischen Moltke- und Lutherbrücke, wurde ein kleiner Uferstreifen nach Magnus Hirschfeld benannt. Der Wissenschaftler Hirschfeld habe "mehr als eine begehbare Böschung" verdient, befand zu Recht schon vor zehn Jahren der Kollege Jan Feddersen in der Tageszeitung taz. Er hat die Verdienste von Hirschfeld bündig beschrieben: "Der Arzt und Politiker, selbst homosexuell, war seit Beginn des vorigen Jahrhunderts für ein Ende von Denunziation, Psychiatrisierung und Bloßstellung aller Menschen, die nicht der heterosexuellen Norm entsprachen."

Es gehört zu den Schandtaten der jungen Bundesrepublik, dass sie die NS-Verfolgung der Homosexuellen mit rasendem Eifer fortgesetzt hat. Die von den Nazis verschärften Strafvorschriften blieben fast 25 Jahre so scharf, wie die Nazis sie gemacht hatten. Und die Homosexuellen, die die Konzentrationslager überlebt hatten und von den Alliierten befreit worden waren, wurden von den Gerichten der Bundesrepublik "zur Fortsetzung der Strafverbüßung" wieder eingesperrt. "Ein Mann, der mit einem anderen Mann ..." - dieser Mann wurde behandelt wie ein gefährlicher Staatsfeind. Keine andere Gruppe ist in der Bundesrepublik vom Staat so systematisch und ausdauernd verfolgt worden wie die Homosexuellen.

Der elende Paragraf 175

Der Homosexuellen-Verfolgungsparagraf 175 Strafgesetzbuch existierte vom 1. Januar 1872 bis zum 11. Juni 1994. Bundesjustizminister Gustav Heinemann (SPD), der spätere Bundespräsident, begann bei der großen Strafrechtsreform von 1969 damit, den "175" zu schleifen; es dauerte dann noch weitere lange 25 Jahre, bis der Paragraf ganz weggeräumt war. Aber auch dann versank die rigide Straferei der damals sogenannten "männlichen Unzucht" noch nicht im Plusquamperfekt. Denn die alten Strafurteile - sie galten nach wie vor. Es dauerte noch einmal 22 Jahre, bis der Bundestag die Rehabilitierung der Schwulen beschloss und die Bestrafung von Homosexuellen nach Paragraf 175 rückgängig machte.

Magnus Hirschfeld - Ein Mann für den Ruhmestempel

Hirschfeld ist in jüngerer Zeit vorgehalten worden, er habe biologistisch gedacht; und er habe sich vom Jargon der Zeit nicht immer gelöst. Selbst wenn es so ist - das mindert seine Verdienste nicht. Seine Büste sollte dort aufgestellt werden, wo die Büsten verdienter Deutscher stehen: In der Ruhmeshalle Walhalla, hoch über der Donau, bei Regensburg.Begraben ist Magnus Hirschfeld in Nizza. Dort starb er 1935, auf der Flucht vor den Nazis, an seinem 67. Geburtstag. Auf dem Grabstein steht sein Lebensmotto: "Per scientiam ad iustitiam"; auf Deutsch: durch Wissenschaft zur Gerechtigkeit. Es ist an der Zeit, dass das Wirken Magnus Hirschfelds Gerechtigkeit erfährt.

Die Spucke im Gesicht Gottes

Die Gemeinheit der Amtsträger in den Missbrauchsskandalen entehrt die katholische Kirche. Es ist wieder Zeit für eine Reformation. Die politische Wochenvorschau von Heribert Prantl mehr...