Prantls Blick zum Katholikentag Die Spucke im Gesicht Gottes

Das System Kirche lässt sich nicht mit Beten ändern.

(Foto: dpa)

Die Gemeinheit der Amtsträger in den Missbrauchsskandalen entehrt die katholische Kirche. Es ist wieder Zeit für eine Reformation.

Die politische Wochenvorschau von Heribert Prantl

Jeden Sonntag beschäftigt sich Heribert Prantl, Mitglied der Chefredaktion und Ressortleiter Meinung der SZ, mit einem Thema, das in der kommenden Woche - und manchmal auch darüber hinaus - relevant ist. Hier können Sie "Prantls Blick" auch als wöchentlichen Newsletter bestellen - exklusiv mit seinen persönlichen Leseempfehlungen.

Am Mittwoch beginnt in Münster der Deutsche Katholikentag; er dauert bis Sonntag und ist das größte Laientreffen der katholischen Kirche. Aus diesem Anlass möchte ich mir in diesem Newsletter Gedanken machen über den Zustand dieser Kirche und über die Zukunft der Religionen.

Ich bin sehr katholisch aufgewachsen, war Ministrant in einer Zeit, in der man den Pfarrer noch mit "Hochwürden" anredete. Dieser Titel "Hochwürden" stammt aus einer Epoche, in der die Würde des geistlichen Amtes den Herrn, der dieses Amt bekleidete, emporhob, heiligte und unantastbar machte - und zwar auch dann, wenn dieser Herr ein unangenehmer Mensch, ein grässlicher Sünder oder ein unwürdiger Widerling war; er galt trotzdem als Hochwürden.

Der nicht endende Karfreitag

Diese Zeit ist vorbei. Seit den sogenannten Missbrauchsskandalen ist es sogar umgekehrt: Die Unwürdigkeit der Person erfasst das Amt, die Gemeinheit des Amtsträgers entehrt die katholische Kirche. Erstens, weil es so viele Amtsträger sind, die als unwürdig entlarvt werden. Zweitens, weil die Amtskirche so lange weggeschaut hat, und drittens, weil lügnerische Figuren das Wort Hierarchie zu einem Synonym für Heuchelei machen. Und so sind zahllose untadelige, hochengagierte Seelsorger und Jugenderzieher unter Generalverdacht geraten. Und das ist nichts, was evangelische Christen klammheimlich freuen kann; denn dieser Generalverdacht infiziert alles Kirchliche. Es gibt hier längst die oft herbeigebetete Gemeinschaft der Kirchen, eine Art Ökumene im Negativen.

Anklage gegen Kardinal Pell

Vor ein paar Tagen kam aus Australien die Nachricht, dass die Voruntersuchungen gegen Kardinal Pell abgeschlossen sind. Ihr Ergebnis: Die Anklage wegen sexuellen Missbrauchs wurde in entscheidenden Punkten zugelassen. Kardinal Pell, früherer Erzbischof von Melbourne, dann von Papst Franziskus 2014 zum Finanzminister des Vatikans befördert, kommt in Australien vor den Richter - er muss sich auf die Anklagebank des Geschworenengerichts setzen. Es ist also kein Ende abzusehen im Skandal um den sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen in der katholischen Kirche. Vor 16 Jahren hat die Aufdeckung der Ungeheuerlichkeiten begonnen, erst in den USA. Vor acht Jahren in Deutschland. Anfangs wurde geleugnet. Es wurde so lange geleugnet, bis es nicht mehr ging.

Für das Ansehen des Kardinals und für das Ansehen der katholischen Kirche war und ist das alles niederschmetternd. Pell war die Nummer drei in der Hierarchie des Vatikan, seine Ämter ruhen. Aber das Leiden an der Kirche ruht nicht. Gewiss: für Kardinal Pell gilt die Unschuldsvermutung. Für die katholische Kirche gilt sie nicht, jedenfalls nicht mehr. Sie hat so lange weggeschaut - und ihre Strukturen haben den sexuellen Missbrauch begünstigt.

Abgründe, in die der Zölibat führen kann

In Australien hat dies ein staatlicher Untersuchungsbericht gegeißelt. Viele Missbrauchsfälle haben, so hieß es da, mit kirchlichen Schweigestrukturen zu tun. Und sie haben zu tun mit den Abgründen, in die der Zölibat führen kann. Die katholische Kirche sollte, so der Bericht weiter, dringend über die Lebensform ihrer Priester nachdenken. Das empfiehlt der Bericht der australischen Kommission. Australien ist weit weg, aber diese Forderung ist sehr nahe. Und sie ist richtig - auch wenn die katholische Kirche hierzulande es noch so sehr leugnet.

In der Politik gibt es die Vertrauensfrage: Wenn das Vertrauen in die Regierung wankt, dann stellt sie im Parlament die Vertrauensfrage, um sich auf diese Weise wieder zu stabilisieren. In der Kirche gibt es keine Vertrauensfrage. Gäbe es sie, die katholische Kirche würde ein Desaster erleben. Weit mehr als die Parteien, die Wirtschaft und Politik, weit mehr als jeder andere Beruf und jede andere Einrichtung lebt die Kirche vom Vertrauen der Menschen zu den Personen, die sie ihnen als Vertrauenspersonen vorstellt: Priester, Menschen also, die im Namen Gottes aufgetreten sind, haben dieses Vertrauen missbraucht. Der Missbrauch ist ein doppelter: Die Priester missbrauchen ihre Opfer und sie missbrauchen die Aura des Vertrauens, die ihnen gegeben ist.

Die Dornen in der Dornenkrone

Sexueller Missbrauch ist Marter, sexueller Missbrauch ist Schändung. Die Missbrauchsskandale sind der nicht mehr endende Karfreitag der katholischen Kirche. Die Missbrauchsskandale sind die Dornen in der Dornenkrone. Sie sind die Spucke im Angesicht dessen, den die Christen als Gott verehren. Die Kirche muss mit sich selbst ins Gericht gehen - und sich dann aus der Schuld zu befreien versuchen.

Wie? Damit sind wir wieder bei Vorschlägen, die die staatliche Untersuchungskommission in Australien gemacht hat. Die katholische Kirche muss ihre Strukturen ändern, sie muss den Zölibat hinterfragen. Es hat sich gezeigt, dass viele Priester, die Minderjährige missbrauchen, in ihrer sexuellen Entwicklung auf der Stufe eines 13-Jährigen stehengeblieben sind. Das lässt sich nicht mit Beten ändern. Das verlangt Änderungen im System Kirche. Das muss Thema auf dem Katholikentag zu Münster sein.

Entweihung der Hierarchie

Es hat ein Prozess der Entweihung der Hierarchie eingesetzt, den die katholische Kirche nur mit Demut beenden und wieder umkehren kann. Diese könnte ein Gewinn sein für die Ökumene; denn bisher hat der Hochmut der katholischen Kirche ein wirkliches Miteinander mit den lutherischen Kirchen verhindert. Die katholische Kirche steckt in der tiefsten Vertrauenskrise seit 500 Jahren, seit der Reformation - und der evangelischen Kirche geht es auch nicht sehr berauschend. Wenn in dieser neuen Krise eine Chance steckt, dann die: Die alte, fünfhundertjährige Spaltung zu überwinden. Es ist ja nicht simpel so, dass einfach ein Mönch aus Wittenberg die Kirche, die eine, heilige, gespalten hätte. Sie wurde gespalten auch von der Hybris des römischen Katholizismus, von ihrem dogmatischen Stolz und von ihrem feierlichen Anspruch, die einzig wahre Kirche zu sein. Bis heute lehrt der Vatikan, die evangelischen Kirchen seien überhaupt keine Kirchen im eigentlichen Sinn. Sie allein, die römisch-katholische Kirche, sei die eigentliche Kirche. Daraus wiederum leiten viele evangelische Christen ihr eigenes Profil und ihr Selbstverständnis, ihr Eigentliches ab: in der Anti-Papst-Haltung.

Die Reformation, die noch bevorsteht

Und so rührt die Kirchenspaltung nach einem halben Jahrtausend daher, weil in der Konkurrenz der Kirchen der Blick auf das wirklich Eigentliche verlorengegangen ist: Die Kirche soll der Ort sein, an dem der Himmel offen ist - nicht nur für die, die sich in der angeblich richtigen und wahren Kirche wähnen, sondern für alle, die an Gott glauben, und für alle, denen der offene Himmel lebenswichtig ist. Das Himmel-offen-Halten ist aber keine exklusive Veranstaltung der Katholiken und der Protestanten, also der Christen. Den Himmel-offen-Halten: das machen auch die Juden, das machen auch die Muslime. Das zu lernen - das ist eine Reformation, die den Religionsgemeinschaften noch bevorsteht.

Warum es der katholischen Kirche so schwerfällt, Missbrauch einzugestehen

Aufarbeitung und Verdrängung liegen in der Organisation nahe beieinander. Ein Ende der Enthüllungen um weitere Missbrauchsfälle ist nicht in Sicht. Von Matthias Drobinski mehr...