Prantls Blick Feiertage als Widerstandstage

Eine historische Lutherbibel im Roemer- und Pelizaeus-Museum in Hildesheim.

(Foto: dpa)

Ein Plädoyer für die Wiedereinführung des Buß- und Bettages

Die politische Wochenvorschau von Heribert Prantl

Jeden Sonntag beschäftigt sich Heribert Prantl, Mitglied der Chefredaktion und Ressortleiter Innenpolitik der SZ, mit einem Thema, das in der kommenden Woche - und manchmal auch darüber hinaus - relevant ist. Hier können Sie "Prantls Blick" auch als wöchentlichen Newsletter bestellen - exklusiv mit seinen persönlichen Leseempfehlungen.

Die Evangelische Kirche hat in paar Tagen fünfhundertsten Geburtstag. Luthers Thesenanschlag, der am kommenden Dienstag gefeiert wird, war die Geburt des Protestantismus. Der Staat hat der Evangelischen Kirche aus diesem großen Anlass ein kleines Geschenk gemacht: Der Reformationstag, der sonst nur in einigen Bundesländern ein gesetzlicher Feiertag ist, ist es diesmal einmalig in allen Bundesländern. Das ist nett, aber so billig sollte man sich zum Halbjahrtausendjubiläum doch nicht abspeisen lassen.

Die Protestanten sollten sich, das gehört sich zu runden Geburtstagen, etwas Gescheites wünschen dürfen - am besten etwas, von dem nicht nur sie, sondern alle Bürgerinnen und Bürger etwas haben. Was wäre so etwas Gescheites? Am Gescheitesten wäre die Korrektur einer peinlichen Fehlentscheidung: Die Evangelische Kirche hat sich vor 23 Jahren von Staat, Wirtschaft und der neoliberalen CDU/CSU-FDP-Regierung des Kanzlers Helmut Kohl einen traditionsreichen Fest- und Feiertag abschwatzen und abpressen lassen - den Buß- und Bettag als gesetzlichen Feiertag. Seit 1995 ist dieser Tag in Deutschland kein arbeitsfreier Tag mehr, Sachsen ausgenommen. 1994, ausgerechnet zu Zeiten einer CDU/CSU-geführten Regierung, wurde dieser Feiertag gestrichen. Er wurde den Arbeitgebern zur Finanzierung der neu eingeführten Pflegeversicherung als Geschenk dargebracht, um, wie es hieß, die Mehrbelastung für die Arbeitgeber durch die Beiträge zur eingeführten Pflegeversicherung auf diese Weise auszugleichen. Dass der Staat für die Streichung des Feiertags die Sicherstellung der Pflege, also ein christliches Grundanliegen, als Grund vorschob - das war absolut perfide.

Verdampft wie ein Tropfen auf heißem Stein

Die Evangelische Kirche, damals neoliberal infiziert, beugte sich diesem frivolen Ansinnen, jedenfalls war der Widerstand nicht widerständig genug. Man entschuldigte sich dann so: Auf diese Weise solle halt die Pflegeversicherung stabil finanziert und gesichert werden. Aus heutiger Sicht und nach zahlreichen Beitragserhöhungen kann man da nur bitter lachen. Ein guter Feiertag, von der Verfassung geschützt als "Tag der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung", verdampfte wie ein Tropfen auf dem heißen Stein. Genau genommen müsste der Feiertag schon aus rechtlichen Gründen wieder eingeführt werden: Der gewünschte Effekt, die stabile Finanzierung der Pflegeversicherung, war nämlich, anders als die Abschaffung des Feiertags, nicht von Dauer; es wurden, wie gesagt, immer wieder die Beiträge erhöht. Man kann also durchaus der Meinung sein, dass die Geschäftsgrundlage für die Streichung des Feiertags entfallen ist.

Im Übrigen wären gerade die Industrie und ihre Manager, die den Buß-und Bettag vertilgt haben, dieses Tages besonders bedürftig: Buße bedeutet nämlich Umkehr, also die kritische Überprüfung der Realitäten und die Bereitschaft, sich zu erneuern; das freilich muten Wirtschaftsfunktionäre gern exklusiv den Arbeitnehmern zu, die mit mickrigen befristeten Arbeitsverträgen und auch prekären Beschäftigungsbedingungen traktiert werden.

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Plädoyer für die Wiedereinführung des Buß- und Bettags

Dieser Brief ist also ein Plädoyer für die Wiedereinführung des Buß- und Bettags als gesetzlicher Feiertag. Und man möge bitte nicht so tun, als gefährdeten die paar Feiertage, die es in Deutschland noch gibt, die Wirtschaft; dort wird einem gern vorgerechnet, was so ein Feiertag kostet (zumal Brückentage, oh Gott!, für Urlaub genutzt werden) und wie das angeblich die Wirtschaft lähmt und würgt. Zwei Milliarden Euro spare die Wirtschaft, so hat seinerzeit der Bundesfinanzminister Hans Eichel einmal ausgerechnet, als die Regierung Schröder die Feier des Tag der Deutschen Einheit vom 3. Oktober ablösen und auf den nachfolgenden Sonntag verschieben wollte. Besonders glaubwürdig sind diese Rechnungen nicht; Bayern hat die meisten Feiertage in Deutschland, ist aber bekanntlich nicht Schlusslicht in der wirtschaftlichen Entwicklung.

Wer seine Geschichte und seine Traditionen aufgibt, dem sind sie nichts wert. Geburtstag feiert man am Geburtstag, Weihnachten am 24. Dezember und den 3. Oktober am 3. Oktober. Die Franzosen feiern den Tag des Sturms auf die Bastille an diesem Tag und nicht am Sonntag nach dem 14. Juli. Wer mit ökonomistischen Argumenten Feiertage streicht oder auf einen Sonntag verschiebt, begeht Geschichts- und Traditionsverrat. Feiertage sind Erinnerungstage, Gedenktage, Traditionstage, Heimattage und Identitätstage - sie sind auch Widerstandstage gegen die Rundum-Ökonomisierung des Alltags. Die Rundum-Ökonomisierung könnte gewiss auf den Maifeiertag verzichten: "Mehr Arbeit für mehr Arbeitsplätze" - mit so einem Motto ließe sich der Feiertag am 1. Mai streichen. Oder "Himmelfahrt für den Aufschwung" - so könnte man den kirchlichen Feiertag vierzig Tage nach Ostern gegen Ein-Zehntel-Prozent Bruttosozialprodukt eintauschen. Indes, dies lehrt das Schicksal des Buß- und Bettages: Ein Feiertag, der so aufgegeben wird, verschwindet spurlos. Und mit ihm verschwinden die Traditionen, die sich mit ihm verbinden.

Die Entankerung der Feiertage

Es sind ohnehin nur wenige Feiertage übrig geblieben: Aus dem großen deutschen Festtags-Kalender ist in den vergangenen dreihundert Jahren unendlich viel herausgerissen worden; was übrig blieb, verdient den Namen Festtags-Kalender kaum noch. Mit den vielen Apostel-, Marien- und Heiligenfesten sind die Traditionen dieser Tage verschwunden, ist kulturelle Identität verloren gegangen. Die allgemeinen Feiertage wurden abgelöst vom individuellen Urlaubsanspruch - und je mehr individuelle Urlaubstage gesetzlich verankert wurden, umso mehr allgemeine Festtage wurden entankert, das heißt: Ihr Schutz als staatlicher Feiertag wurde ihnen genommen.

Die vor uns liegende Woche ist deswegen eine besonders schöne Woche, weil sie noch zwei Feiertage hat: am Dienstag ist der Reformationstag, am Mittwoch Allerheiligen (ein Feiertag in Bayern, Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und im Saarland). So hat die nächste Woche also eine lange Atempause.

Allerheiligen und der Wert der Trauer

Der Allerheiligentag eröffnet den Totenmonat November und steht, zusammen mit "Allerseelen" am Tag darauf, im Katholizismus für eine gute Kultur des Trauerns. Trauer ist der Widertand gegen das Verschwinden; Friedhöfe sind Orte des Widerstands gegen den Tod. Sie bewahren das Leben des Toten. Wie? Indem dort seiner gedacht wird. Zugleich sind Friedhöfe auch Symbole dafür, dass der Tod zum Leben und ins Leben gehört. Das Leben lässt sich nicht stören durch den Tod und seine Präsenz. Das bestimmte lange Zeit auch die Dialektik des Trauerns: Widerstand und schmerzhaftes Einverständnis.

Daran hat sich in der letzten Zeit einiges geändert. Vielleicht ist das, was ich den Widerstand gegen den Tod nenne, schwächer geworden, seitdem die Friedhöfe nicht mehr so sichtbar sind, weil sie aus der Mitte der Städte verschwunden, weil die alten Friedhöfe zu Freilichtmuseen geworden sind und die neueren Friedhöfe an den Peripherien liegen - und die neuen Friedhöfe gar nicht mehr als solche erkennbar sind: es handelt sich um Friedwälder; an den Menschen, der dort sein Wurzelgrab hat, erinnert, wenn überhaupt, nur noch ein Holztäfelchen am Baum. Ist damit der Widerstand gegen das Verschwinden des Toten kleiner geworden? Und wenn es so wäre - hat das dann womöglich damit zu tun, dass die Menschen länger leben und deshalb die Trauer kürzer wird? Vielleicht ist die anonyme Bestattung ja auch das finale Symbol einer Migrationsgesellschaft, die im Tod ihre Wurzeln sucht: die der Bäume.

Heimat ist da, wo das Grab ist

Für mich war und ist der Allerheiligentag ein wichtiger Tag: In der Kindheit war das der Tag, an dem sich die riesige Verwandtschaft traf, an den Gräbern der Vorfahren. Es wird ja derzeit viel über Heimat geredet. Vielleicht ist Heimat auch und vor allem da, wo das Grab ist - das Grab der Eltern, das Grab der Menschen, die einem lieb waren und lieb sind. In meiner Kindheit war die Zahl der Angehörigen, die an unseren Gräbern auf dem Friedhof von Nittenau standen, so groß, dass die Tante Sophie nicht bis zum Grab vordringen konnte. Sie verrichtete deshalb ihr Trauerwerk, das im Benetzen des Grabes mit Weihwasser bestand, auf pfiffige Weise: Sie hatte das Weihwasser in eine leere Spülmittel-Flasche gefüllt, spritze dann damit das geweihte Wasser in hohem Bogen über die Köpfe der Vorstehenden hinweg aufs Grab des Großvaters. Auch solche Erinnerungen verbinden sich mit einem Feiertag. Und auch die Erinnerungen ans große Verwandtschaftsessen mit einem speziell für diesen Tag hergestellten Gebäck aus Hefeteig, das sich "Allerheiligen-Spitzl" nannte.

Wem an solchen Erinnerungen, auch wenn sie so klein sind, nichts liegt, der kann sich ja dafür einsetzen, dass die Jamaika-Koalition ein "Zentralfeiertagsgesetz" im Bundestag einbringt, mit einer Formulierung wie folgt: "Zur Intensivierung und Konzentrierung des nationalen und religiösen Gedenkens sowie zur Förderung von Wirtschaft und Aufschwung werden alle deutschen Feiertage auf den ersten Sonntag im Mai zusammengelegt." Ich möchte so etwas nicht.

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