Prantls Blick Bedenke, Mensch

Wo sich die Krankenpflege ökonomischen Zwängen unterwirft, bleibt die Menschenwürde auf der Strecke.

(Foto: picture alliance / Daniel Reinha)

Was der Aschermittwoch nicht nur der Politik zu sagen hat.

Die politische Wochenvorschau von Heribert Prantl

Jeden Sonntag beschäftigt sich Heribert Prantl, Mitglied der Chefredaktion und Ressortleiter Meinung der SZ, mit einem Thema, das in der kommenden Woche - und manchmal auch darüber hinaus - relevant ist. Hier können Sie "Prantls Blick" auch als wöchentlichen Newsletter bestellen - exklusiv mit seinen persönlichen Leseempfehlungen.

Es gibt eine Geschichte über den famosen Papst Franziskus, die ich besonders gern mag; sie geht so: Als der Zeremonienmeister den neuen Pontifex gleich nach dessen Wahl prunkvoll einkleiden und ihm so schöne rotlederne Schuhe anziehen will, wie sie der Vorgänger so gerne getragen hat, da erklärt der neue Pontifex abwehrend und grinsend: "Der Fasching ist vorbei." Bald fünf Jahre ist das her und es ist dies ein Satz, der wunderbar in die kommende Woche passt - der Aschermittwoch steht bevor und die Fastenzeit beginnt. Der Fasching ist vorbei.

Fastenzeit - für wen?

Und "Fastenzeit" - das ist nach der vergangenen politischen Woche ein Wort, das allerlei Assoziationen lockt. Fastenzeit für Merkel? Für die CDU? Für Gabriel? Für Schulz? Für die SPD? In der katholischen Kirche wird einem am Aschermittwoch ein Kreuz aus Asche auf die Stirn gezeichnet; und der Priester sagt dazu den berühmten Memento-Satz: "Bedenke Mensch, dass du Staub bist und wieder zum Staub zurückkehren wirst!" Das ist ein hammerharter Satz, noch viel härter als die Leitartikel, die in den vergangenen Tagen über den bisherigen SPD-Vorsitzenden und seine tollpatschigen Schachzüge geschrieben wurden; härter auch als all die Sprüche, die man an den politischen Aschermittwochs-Veranstaltungen in Passau,Vilshofen und sonstwo hören wird.

Mein vorgezogener Aschermittwoch

Aber nicht davon möchte ich Ihnen heute erzählen, sondern erst einmal von meinem ganz persönlichen, quasi vorgezogenen Aschermittwoch, der nun schon wieder fast eine Woche her ist. Ich musste mich am Montagmorgen letzter Woche in die Notaufnahme einer Münchner Klinik begeben - und dann, weil allerlei Infusionen notwendig waren, fünf Tage auf der Station bleiben. Dagegen hatte ich nichts, weil mein Gesicht so aussah, dass man es nicht so gern herzeigt: es war verschwollen und das Auge war so dick wie nach einem Boxkampf; es war aber nicht die Folge eines Boxkampfes, sondern einer Infektion. Der Stationsarzt, der die medizinisch notwendigen Maßnahmen anordnete, wollte eigentlich so eine Art Body-Painting in meinem Gesicht veranstalten - dicke Linien um die Entzündungen malen, um dann Tag für Tag festzustellen, ob und wie schnell sie verschwinden. Ich lehnte die Malerei ab und dachte dabei an den schönen Spruch des Papstes: Der Fasching ist vorbei. Und es begann für mich eine vorgezogene politische Fastenzeit, weil ich die Koalitions- und SPD-Spektakel nur als Patient verfolgen konnte. Aber die Passagen des Koalitionsvertrages zur Gesundheitspolitik las ich natürlich mit besonderem, nun auch erfahrungsangereichertem Interesse. Im Krankenhaus, Gesundheitszentrum heißt das neuerdings, hat man viel Zeit zum Sinnieren.

Die Medizin ist, das wird einem in so einem Großbetrieb schnell wieder bewusst, einer der größten Wirtschaftsfaktoren in Deutschland; aber die Medizin ist keine Wirtschaftsbranche wie jede andere. Stetiges Wachstum bedeutet in anderen Branchen Prosperität. Stetiges Wachstum in der Medizin, so hat es der Kollege Werner Bartens, ein promovierter Mediziner, einmal anschaulich formuliert, ist ein Zeichen von Krebs. Kaufleute und Betriebswirtschaftler haben aus der Medizin eine Industrie gemacht; sie haben die Krankenbehandlung ökonomisiert. Das bekommt den Ärztinnen und Ärzten nicht, den Pflegerinnen und Pflegern nicht, den Patienten auch nicht. Für Kranke sind Faktoren wichtig, die in betriebswirtschaftlichen Programmen keine oder kaum eine Rolle spielen: Zeit, Geborgenheit - und, ja manchmal, auch wenn es altmodisch klingt: Barmherzigkeit. Von einem Oberarzt habe ich den Satz gehört: "In dem Augenblick, in dem ärztliche Fürsorge vorrangig dem Profit dient, egal ob dem eigenen oder einem fremden, hat er die wahre Fürsorge verraten." Ich denke, er hat recht.

Die Ökonomisierung der Medizin

Es heißt bisweilen, das Gesundheitswesen leide an einem zu eingeschränkten Wettbewerb. Leidet es nicht eher daran, dass es ein Markt ist, an dem zu allererst verdient werden will? Gesundheit hat ja nicht nur mit körperlicher Intaktheit zu tun, nicht nur mit Infusionen, Pillen und Skalpell, sondern auch mit der Psyche; mit Vertrauen, mit Ängsten, mit Lebensunsicherheiten. Unser Gesundheitssystem krankt an vielem - auch am mangelnden "Sich kümmern", denn dies wird nicht bezahlt. Ein gut besetzter Nachtdienst auf der Krankenstation tut den Kranken gut und den Nachtschwestern und Nachtpflegern auch, aber er schadet der Kalkulation. Deshalb gibt es ihn nicht.

Ein heilungsorientiertes Gesundheitswesen ist eines, das aus anonymen Organisationsstrukturen ausbricht und eine sehr persönliche Betreuung in den Vordergrund stellt - nicht aber die Frage, in welche Krankenkasse ein Patient einbezahlt hat. Bei jeder Aufnahme ins Krankenhaus, selbst in der Notfall-Ambulanz, in einer Situation, in der ein Mensch Angst, Stress und Schmerzen hat und also in der Tat Aufnahme und Annahme im umfassenden Sinn braucht, steht ganz oben jedoch etwas anderes - die Frage nach der Versicherungskarte nämlich. Gesetze, die "Versorgungsstärkungsgesetze" heißen, haben schon den falschen Namen. Warum? Weil es nicht allein um Versorgung gehen muss, sondern letztlich immer darum, das Vertrauen zu stärken - das Vertrauen zwischen Arzt und Patient; dieses Vertrauen muss eine solide wirtschaftliche Grundlage haben. Zu warnen ist daher vor einem Gesundheitssystem, in dem das Geld nicht mehr ein Mittel zum Zweck der Versorgung von Kranken ist, sondern die Versorgung von Kranken ein Mittel ist zum Zweck der Gewinnerzielung. Ein solches System ist krank. Es gehört radikal umgekehrt.

Die Würde des Menschen ist unantastbar: Das gilt in besonderer Weise für den kranken Menschen. Das Krankenhaus ist ein wichtiger Ort, einer der wichtigsten Orte, an dem sich dieser Satz des Grundgesetzes bewähren muss. Die Würde des Menschen ist unantastbar. Das darf man hier auch einmal ganz körperlich, ganz leiblich verstehen. Wo sonst wird man so viel angetastet und abgetastet wie im Krankenhaus und der Arztpraxis? Bei diesen Vorgängen ist nicht nur der Mensch, sondern auch seine Würde antastbar.

Heilen und Trösten

Ich sage es noch einmal: Krankenhäuser und Arztpraxen sind Orte, an denen sich dieser Haupt- und Eingangssatz des Grundgesetzes bewähren muss. Das Gesundheitswesen darf keine Fabrik sein, in der das Wichtigste ist, dass dort Geld gemacht wird. Genau das ist jedoch passiert. Und das Trauerspiel ist, dass gerade diejenigen, die mit ihrer Arbeit heilen und helfen wollen, es oft nicht mehr aushalten, selbst krank werden oder, so sie die Gelegenheit haben, abwandern dahin, wo die Bedingungen besser sind. Es geht nicht um schnelle Nummern, es geht um Menschen. Das Krankenhaus wie die Arztpraxis muss ein Ort sein und bleiben, in dem geheilt wird. Die Würde des Menschen ist unantastbar. Um diese Würde geht es im Krankenhaus, um die Würde im Leben und im Sterben. Jede Gesundheitsreform muss sie achten und schützen.

Kaiser Joseph II., ein Sohn der Kaiserin Maria Theresia, hat im Foyer der im Jahr 1784 in Wien neu errichteten Frauenklinik eine Tafel mit folgender Aufschrift anbringen lassen: "In diesem Haus sollen die Patienten geheilt und getröstet werden." Wir brauchen viele solcher Tafeln. Die Gesundheitspolitik braucht den Geist und auch das Denken, das in dieser Aufschrift steckt. Das ist ein Memento nicht nur zum Aschermittwoch.

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