Präsidentschaftswahlen Kuomintang verliert Macht in Taiwan

Taiwans kommende Präsidentin Tsai Ing-wen bei der Stimmabgabe in Taipeh.

(Foto: Bloomberg)

Jahrzehnte herrschte die Kuomintang unangefochten über Taiwan, nun gewinnt die Opposition. Mit Tsai Ing-wen wird erstmals eine Frau Präsidentin des Inselstaates.

Taiwan erlebt die Wende. Die Kandidatin der oppositionellen Fortschrittspartei (DFP), Tsai Ing-wen, gewinnt die Präsidentenwahl mit deutlichem Vorsprung. Ihr Herausforderer Eric Chu von der bisher regierenden Kuomintang hat seine Niederlage eingestanden. Die Oppositionsführerin führt in der Auszählung mit mehr als 50 Prozent der Stimmen. Ihre Fortschrittspartei liegt auch bei der Auszählung der Stimmen für das Parlament vor der Kuomintang, die bisher immer die Mehrheit der Sitze inne gehabt hat. Endgültige Ergebnisse liegen noch nicht vor.

Die 59-jährige Juraprofessorin Tsai Ing-wen wird die erste Präsidentin der Inselrepublik. In seiner Rede hat Eric Chu seinen Rücktritt als Vorsitzender der Kuomintang angekündigt. "Es tut mir leid", sagte er vor teilweise weinenden Anhängern. Der bisherige Präsident Ma Ying-jeou von der Kuomintang durfte nach zwei Amtszeiten nicht mehr antreten.

Taiwan wird am Samstagabend ein anderes Land sein

Bei den Wahlen wird die Kuomintang-Partei, die seit 1949 fast ununterbrochen regiert, aller Voraussicht nach verlieren. Und eine Frau wird Präsidentin. Von Kai Strittmatter mehr ...

Das Wachstum der fünftgrößten asiatischen Volkswirtschaft lag 2015 unter einem Prozent. Die Realeinkommen sind seit mehr als zehn Jahren nicht gestiegen. Viele Taiwanesen beklagen, das die Früchte der stark gewachsenen wirtschaftlichen Kooperation mit Festlandchina nicht bei ihnen ankommen. Auch fürchten sie die wachsende Abhängigkeit von China und dessen Einfluss in Taiwan.

Der Wahlsieg der Vorsitzenden der Fortschrittspartei könnte Spannungen mit der Führung in Peking auslösen. Die DFP-Vorsitzende wird zwar als "berechenbar" und "versöhnlich" gegenüber China beschrieben, setzt aber stärker auf Eigenständigkeit der demokratischen Inselrepublik. Eines ihrer Vorbilder ist Kanzlerin Angela Merkel, die als Physikerin wie sie aus dem Universitätsbereich kommt: "Ihre Stärke ist nicht ihr Charisma in der Menge. Aber ihre Denkfähigkeit und Entschlossenheit sind es, die wir brauchen, um ein modernes Land zu regieren", sagt Tsai in einem Fernsehinterview bewundernd über Merkels Qualitäten.

Mitarbeiter beschreiben "Asiens Angela Merkel", wie es auf Plakaten hieß, als "gewissenhaft und intelligent". "Ihre Politik ist das Ergebnis vieler Diskussionen." Die frühere Juraprofessorin höre zu und bringe unterschiedliche Positionen zusammen. Unter ihrer Führung hat die Fortschrittspartei Abschied genommen von unrealistischen, radikalen Positionen gegenüber China. Nach der verheerenden Wahlniederlage 2008, als die achtjährige Präsidentschaft des konfrontativen Unabhängigkeitsbefürworters Chen Shui-bian von der DFP zu Ende ging, hat Tsai die Partei wieder aufgebaut und geeint.

Taiwan mit seinen 23 Millionen Einwohnern verwaltet sich politisch selbst. 1949 war der chinesische General Tschiang Kai-schek mit seinen Anhängern auf die Insel geflohen, nachdem die Kommunisten unter Mao Tsetung auf dem chinesischen Festland die Macht übernommen hatten. Die kommunistische Regierung der Volksrepublik äußerte sich nicht zu den Wahlen in Taiwan. Sie betrachtet Taiwan nicht als Staat, sonders als abtrünnige Provinz.