Von Rudolph Chimelli

Was Sahra Rahnaward bewegt: Nie zuvor ist die Frau eines Würdenträgers der Islamischen Republik in ähnlicher Weise hervorgetreten wie die von Ahmadinedschads Widersacher Mir Hussein Mussawi.

"Kennen Sie diese Frau?" So fragte Mahmud Ahmadinedschad im Fernsehen, vor den Augen der Nation, seinen Widersacher Mir Hussein Mussawi. Listig lächelnd zog der Präsident aus seinem Dossier ein Foto hervor und hielt es in die Höhe. "Sie zeigt sich mit Ihnen im Wahlkampf." Gelassen erwiderte Mussawi, "das ist meine Frau", und wies die Unterstellung Ahmadinedschads zurück, sie sei Dekanin eines Instituts für Politische Wissenschaften geworden, ohne ein dafür notwendiges Examen zu haben.

Sahra Rahnaward, Mir Hussein Mussawi, AP

Sahra Rahnaward und ihr Mann, der Präsidentschaftskandidat Mir Hussein Mussawi, bei einer Wahlkampfveranstaltung in Iran. (© Foto: AP)

Anzeige

Sahra Rahnaward selbst forderte dann den Präsidenten in ihrer nächsten Versammlung auf: "Halten Sie Ihre Dossiers besser in Ordnung!" Und sie drohte ihm mit einem Prozess, falls er sich nicht entschuldige. Rahnaward hat nämlich gleich mehrere Universitäts-Abschlüsse und war schon Präsidentin einer Universität, als erste Frau im Land.

Dies ist allerdings nicht so ungewöhnlich. An iranischen Hochschulen sind Studentinnen seit langem in der Mehrheit. Revolutionär ist, dass Sahra Rahnaward ihren Mann während seiner ganzen Kampagne aktiv unterstützte und ihn - Hand in Hand - begleitete. Nie zuvor ist die Frau eines Würdenträgers der Islamischen Republik in ähnlicher Weise hervorgetreten. Ahmadinedschads Frau leitet eine höhere Schule. Aber niemand weiß, wie sie aussieht.

Mit ihrer Kleidung rebelliert Mussawis Frau keineswegs gegen die islamische Sittsamkeit. Sie trägt einen schwarzen Tschador, aufgelockert durch ein farbig geblümtes Kopftuch. Vor der Revolution zeigte sie ihr Haar offen und trug westliche Kleidung. Sie ist auch als Malerin bekannt. In ihren Bildern mischen sich traditionelle Motive mit expressionistischen und abstrakten Elementen. Für ihre Skulpturen benutzt sie Stein, Holz und Metalle.

Ahmadinedschads missglückter Spott könnte sich als Eigentor erweisen, denn die Attacke sah wie ein Versuch aus, den Frauen generell eine öffentliche Rolle abzusprechen. Sein Vorstoß wirkte mobilisierend, sodass bei Mussawis Kundgebungen Frauen mit grünen Schals oder Kopftüchern bald optisch die Mehrheit bildeten. Ganz allgemein fühlte sich die Jugend von dem Bild der Gleichberechtigung angesprochen, das Mussawi und Sahra Rahnaward darstellten.

Bald darauf erklärte ein anderer Kandidat, Mehdi Karrubi, im Falle seines Wahlsiegs werde er die ehemalige Abgeordnete Dschamileh Kadiwar als Kultur- oder Erziehungsministerin in sein Kabinett aufnehmen. Sie ist derzeit Professorin für Politische Wissenschaften an der Frauen-Universität Al-Zahra, wo Rahnaward lange Präsidentin war. Der Mann von Dschamileh Kadiwar ist Ayatollah Mohadscherani, der Kulturminister des Reform-Präsidenten Mohammed Chatami. Dschamileh Kadiwar wäre die erste Frau, die in der Islamischen Republik Ministerrang erreichen würde.

Auch Mussawi wollte nicht zurückstehen. Er versprach ein Programm zur Revision aller Gesetze, die Frauen gegenüber unfair seien. Bisher gab es in Iran zwei Vizepräsidentinnen, jeweils zuständig für Umweltfragen unter Chatami und Ahmadinedschad.

Leser empfehlen 

(SZ vom 12.06.2009/af)