Präsidentschaftswahl in Frankreich Zehnkampf auf Französisch

TV-Duelle haben in Frankreich eine lange Tradition. Normalerweise treten die Präsidentschaftskandidaten vor der Stichwahl gegeneinander an - nun wollen aber alle bereits vor dem ersten Wahlgang einen Auftritt zur besten Sendezeit. Nach enttäuschenden Einzelinterviews möchte der Sender "France 2" dem nun nachkommen. Nur: Wie bekommt man eine TV-Debatte mit zehn Teilnehmern hin?

Von Lilith Volkert

Bei einem klassischen Duell stehen sich zwei Widersacher Auge in Auge gegenüber, sie schießen scharf und präzise. Treten zehn Kontrahenten gegeneinander an, ist eher eine wilde Ballerei mit einigen Querschlägern zu erwarten. Das ist bei einer verbalen Auseinandersetzung nicht anders.

Nicolas Sarkozy am Donnerstagabend im Kreuzverhör auf France 2. Kommenden Montag möchte der Sender eine Diskussion mit allen zehn Kandidaten der Präsidentschaftswahl ausstrahlen.

(Foto: AP)

Drei Kandidatinnen und sieben Kandidaten treten in einer Woche bei der Präsidentschaftswahl in Frankreich an, die beiden Erfolgreichsten machen die Sache in der Stichwahl am 6. Mai unter sich aus. Einige Tage vor dem Finale wird es ein Fernsehduell zwischen diesen beiden Kandidaten geben. Das ist Tradition, seit sich Valéry Giscard d'Estaing und François Mitterand 1974 im Fernsehen zur gepflegten Diskussion getroffen haben.

Doch mit jeder Wahl werden die Stimmen der anderen Kandidaten lauter, die ihre Ansichten auch zur besten Sendezeit loswerden möchten. Unter ihnen sind nicht nur bekannte Politiker wie François Bayrou vom Mouvement Démocratique oder die rechtsextreme Front National-Chefin Marine Le Pen, sondern auch solche, die sich freuen können, wenn sie am 22. April auf mehr als ein oder zwei Prozent kommen. Kandidaten wie etwa Philippe Poutou vom Nouveau Parti Anticapitaliste kennen viele Franzosen gar nicht.

Kreuzverhör statt Diskussion

Um der Forderung nach ausgewogener TV-Präsenz nachzukommen, hat der Sender France 2 an den vergangenen beiden Abenden jeweils fünf Kandidaten antreten lassen. Nicht zur Diskussion, sondern zum Kreuzverhör. Vier bekannte Journalisten befragten alle einzelnen Kandidaten genau 20 Minuten lang.

Der Sozialist François Hollande nutzte die Zeit, um einmal mehr gegen die Märkte zu wettern, Amtsinhaber Nicolas Sarkozy lehnte sich mit der Behauptung aus dem Fenster, Frankreich habe das Top-Rating AAA gar nicht verloren - schließlich habe nur eine Ratingagentur das Land herabgestuft. Die Rechtsextreme Marine Le Pen verteidigte ihre harte Haltung gegenüber Immigranten: Ginge es nach ihr, hätten Menschen wie der Toulouse-Attentäter Mohammed Merah niemals die französische Staatsbürgerschaft erhalten. Die Grüne Eva Joly beklagte, sie sei im Wahlkampf zwischen der verweichlichten und der verrückten Linken ("la gauche molle et la gauche folle") eingezwängt.

Die kleinen Kandidaten füllten ihre 20 Minuten Ruhm unter anderem mit der Forderung nach Gefängnisstrafen für Konzernchefs, die sich nicht an die Lohngleichheit halten (Nathalie Arthaud, Lutte Ouvrière), mit der Erklärung, warum ein Raumfahrtprogramm Frankreichs Wirtschaft nutzen würde (Jacques Cheminade, Solidarité et Progrès) und der Bitte, nicht als "kleiner Kandidat" bezeichnet zu werden (Nicolas Dupont-Aignan, Debout la République).

Wie organisiert man einen verbalen Zehnkampf im Fernsehen?

Für ein mediales Großereignis war die öffentliche Aufmerksamkeit eher enttäuschend. 3,5 bzw. 4,2 Millionen Franzosen (14,1 bzw. 17,2 Prozent Marktanteil) haben zugesehen. Allgemein ist das Interesse an der Wahl bisher gering, Demografen rechnen mit einer niedrigen Wahlbeteiligung. Denn auch wenn viele Franzosen von Nicolas Sarkozy die Nase voll haben, sein chancenreichster Herausforderer François Hollande begeistert nur wenige. Der erste Wahlgang liegt zudem in den Schulferien.

Auch um die Begeisterung der Franzosen zu entfachen, plant France 2 nun doch die große Konfrontation: Am kommenden Montag soll es einen verbalen Zehnkampf in einer Sonderausgabe der Sendung "mots croisés" geben, ein Fernsehduell aller Kandidaten. Ob es tatsächlich stattfindet, ist ungewiss. Es seien noch nicht alle Details geklärt, heißt es beim Sender. Normalerweise beginnt "mots croisés" um 22.50 Uhr und dauert 90 Minuten. Zählt man die Moderatoren nicht mit, wären das im Durchschnitt neun Minuten pro Kandidat. Und wie soll gewährleistet werden, dass jeder die gleiche Redezeit bekommt?

Außerdem hat der sozialistische Kandidat François Hollande schon ausrichten lassen, dass er nicht selbst auftreten möchte, sondern einen Stellvertreter schicken wird. Auch Amtsinhaber Sarkozy hat Medienberichten zufolge kein Interesse. François Bayrou, der in Umfragen bei knapp zehn Prozent liegt, vermutet dahinter eine geheime Absprache der beiden großen Kandidaten. Tatsächlich können sich Hollande und Sarkozy ziemlich sicher sein, dass sie ihr ganz privates Duell noch haben werden. Und so die wilde Ballerei getrost den anderen überlassen.