Von den Favoriten im Rennen um das höchste Staatsamt wurde er erst belächelt, jetzt fürchten sie ihn: François Bayrou holt stetig auf - weil er sich eine listige Strategie einfallen ließ.
Eine große persönliche Leistung liegt lange zurück. Als François Bayrou noch ein Junge in der tiefen Provinz des Béarn im Südwesten Frankreichs war, da nannten ihn seine Kumpels "Shakes", weil er "Shakespeare" nicht sagen konnte.
Will Präsident werden: François Bayrou (© Foto: AP)
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Er stotterte nämlich. Der junge François vertraute sich seinem Französischlehrer an und ließ sich von ihm trainieren. "Immer mit der Ruhe, nur nicht verhaspeln", pflegte der zu sagen, und eines Tages überraschte der Junge seine Freunde mit einer kleinen Rede, ganz ohne zu stocken. Das war ein großer Sieg.
Mitunter meint man noch einen Rest Unsicherheit, gar Schüchternheit zu spüren, wenn François Bayrou auftritt. Ihm sprudeln die Worte nicht, er ist kein Sprech-Automat, wirkt gar erstaunt, dass ihm nun alle zuhören, und er im Begriff ist, ganz oben mitzumischen.
Der Präsidentschaftskandidat Bayrou hat sich eine listige Strategie einfallen lassen, um die Macht zu erobern. Er propagiert den gesunden Menschenverstand. Zum Beispiel keine weitere Staatsverschuldung, das soll ein für alle Mal festgeschrieben werden. Um die Dauerkrise zu überwinden, kann er sich eine Große Koalition nach deutschem Vorbild vorstellen.
Der Aufsteiger im Großen Preis um den Elysée ist zu Beginn der Kampagne von den Favoriten teils belächelt, teils ignoriert worden, von Ségolène Royal wie Nicolas Sarkozy. Als er im Dezember vor der Kulisse der heimatlichen Pyrenäen in einem Kaff namens Serres-Castet seine Ambition anmeldete, Nachfolger Jacques Chiracs zu werden, lag er in Umfragen bei knapp sieben Prozent. So viel hatte er auch beim vorigen Mal, vor fünf Jahren, erreicht. Damals war er Vierter geworden, inzwischen gilt er als der dritte Mann. Der Außenseiter hat aufgeholt, die Favoriten belächeln ihn nicht länger.
Nicht links, nicht rechts
François Bayrou wird bald 56, ist seit zwei Jahrzehnten Abgeordneter für den Wahlkreis Pyrénées-Atlantique, war Erziehungsminister unter Édouard Balladur. Er steht der UDF vor, der Union pour la Démocratie Française, die einst Valéry Giscard d'Estaing gründete. Bayrou ist also hinreichend erfahren, doch ist es ihm gelungen, sich den Nimbus des Neuen zu geben, des Unverbrauchten, der alles anders machen will. Nicht links, nicht rechts, heißt seine Botschaft, er stilisiert sich als Radikaler der Mitte.
Es gab eine Phase, da würdigte Jacques Chirac ihn mit dem vertraulichen Du, die Zeit ist längst vorbei. Zu Beginn der Parlamentsperiode hatte sich Bayrou noch zur Regierungsmehrheit bekannt, seine Partei stellt sogar den Schulminister. Dieser Minister ist noch immer in der Regierung, aber Bayrou hat sich längst verabschiedet aus dem Bündnis.
"Der Traum meines Lebens", hat er einmal gesagt, wäre es, eine große Partei zu gründen, "denn ohne Partei kommt man nicht weiter." Europäisch, sozial und liberal sollte sie sein, wobei das liberal nicht wie im französischen Sprachgebrauch für kapitalistisch stehen soll. Daraus ist bislang nichts geworden, nach den vorigen Wahlen zog die UDF mit 30Abgeordneten ins Parlament ein, eine bescheidene Präsenz bei 577 Sitzen.
Diesmal, mit dem Rückenwind der Präsidentschaftswahlen soll es besser klappen. Wiederholt hat Bayrou erklärt, dass er sich eine Regierung vorstellen könnte, in der Linke und Rechte gleichermaßen vertreten seien, zum Beispiel mit Dominique Strauss-Kahn als Premierminister oder auch mit Jean-Louis Borloo. Während der Sozialdemokrat Strauss-Kahn sich indigniert abwendet, zeigt sich Chiracs Sozialminister Jean-Louis Borloo zurückhaltend. Er lässt sich kaum dazu herbei, seinen Kollegen Sarkozy öffentlich zu unterstützen.
Praktizierender Katholik
Bayrous Stärke ist, dass die Leute ihn nicht mit dem Pariser Politklüngel identifizieren. Er ist Vater von sechs Kindern, die inzwischen alle aus dem Hause sind. Mit seiner Frau Elisabeth, die nie auf dem Bildschirm zu sehen ist, ist er seit 1971 verheiratet. Er ist praktizierender Katholik und tritt gleichwohl entschieden für das laizistische Staatsprinzip ein. Beim Tode von Johannes Paul II. gehörte er zu den wenigen, die protestierten, dass die Flaggen auf halbmast wehten.
Anderen Politikern mag man eine gewisse Schlitzohrigkeit nachsehen, bei Bayrou sind die Menschen überzeugt, dass er vor allem ehrlich ist - eine seltene Tugend bei Politikern. Manche schummeln ein bisschen, etwa wenn es um die persönlichen Besitzverhältnisse geht, nach denen Kandidaten gern gefragt werden. Der Canard enchaîné, ein wunderbar freches Blatt, rechnet gerne nach.
So musste Sarkozy sich vorhalten lassen, mit welchem Gewinn er seine Wohnung im feinen Neuilly-sur-Seine verkauft hat, und dass ihm schon beim Erwerb allerlei Vergünstigungen gewährt wurden. Der Sozialistin Ségolène Royal und ihrem Partner ging es nicht besser: Ihre Immobilien haben sich gut entwickelt, und der Canard addierte die Wertsteigerungen, die sie gern beschwiegen hätten.
Das alles bewegt sich im Bereich der Wohlhabenheit, die Leute sind nicht reich, aber der Bauer und Pferdezüchter Bayrou, der auch seine Verhältnisse offengelegt hat, zahlt nicht einmal Vermögenssteuer.
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