Von Von Katajun Amirpur

Schirin Ebadi kämpft mit dem Koran gegen die Unterdrückung der Frauen und macht sich so viele Feinde.

(SZ vom 11.10.2003) — Schirin Ebadi ist fröhlich, aber bestimmt. Man merkt ihr an, dass sie einen langen Atem hat und vor allem Mut. "Rechte werden einem nicht gegeben, man muss sie sich nehmen", sagt sie. Und: "Wer in Iran für Menschenrechte kämpft, muss lernen, mit seiner Angst zu leben". Sie hat es gelernt. Ebadi wirkt nicht so, als hätte sie vor irgendjemandem oder irgendetwas Angst.

Anzeige

In ihrem Büro im untersten Stockwerk ihres Wohnhauses in Teheran ist sie Ansprechpartnerin für alle, die sich mit Menschenrechten in Iran beschäftigen.

Schirin Ebadi setzt sich vor Gericht für die Rechte von Frauen ein in einem Rechtssystem, das Frauen massiv benachteiligt: So werden Kinder nach einer Scheidung automatisch dem Vater zugesprochen. Außerdem kann sich eine Frau nur dann scheiden lassen, wenn der Mann einverstanden ist oder ihr vorher in einem Ehevertrag das Recht zur Scheidung übertragen hat.

In zahlreichen Prozessen hat die Juristin Ebadi gegen diese Ungerechtigkeit gekämpft, aber auch, indem sie den iranischen Frauentag ausrichtete und in Kundgebungen gegen das iranische Familienrecht protestierte. Ihrer Kampagne ist zu verdanken, dass Männer sich nicht mehr scheiden lassen können, ohne eine Abfindung zu zahlen.

Der Kampf vom Schreibtisch aus

Vor einigen Jahren gründete Ebadi außerdem eine Organisation zum Schutze von Kindern. Zudem kämpft sie vom Schreibtisch aus: Die Liste ihrer Publikationen ist lang und vor allem schreibt sie regelmäßig in der viel gelesenen Frauenzeitschrift Zanan (Frauen).

Bei alldem kämpft Ebadi mit einer besondere Waffe: Sie benutzt islamische Argumente, wenn sie mehr Rechte für die Frauen fordert und legt dar, dass nicht der Koran die Verbesserung der Situation der Frauen in Iran verhindert, sondern ein patriarchalisches Gewohnheitsrecht. Der Koran an sich sei so frauenfreundlich oder -feindlich wie jede andere Offenbarungsschrift auch.

Es komme einzig darauf an, wie man ihn interpretiere. Ebadi weiß, dass sie mit dieser Aussage bei westlichen Journalisten auf Unglauben stößt: Im Koran stehe schließlich ganz klar, dass die Aussage eines männlichen Zeugen das Gewicht von zwei weiblichen habe, wird ihr oft entgegengehalten.

Ebadi lacht dann und sagt: Viele, die meisten rechtlichen Ungerechtigkeiten würden nicht mit dem Koran zusammenhängen. Oft könne man sogar beweisen, dass der Koran nicht meine, was die iranischen Gesetzgeber verstanden hätten. "Wo steht beispielsweise im Koran, dass Frauen nicht ohne Erlaubnis ihrer Männer das Land verlassen dürfen?", fragt sie.

Auch in einer Debatte, die in jüngster Zeit die Gemüter in Iran bewegte, hat sich Ebadi als wichtige Anwältin der iranischen Frauen hervorgetan: Im August beschloss das Parlament in Teheran, einer UN-Konvention beizutreten, die jede Art der Diskriminierung von Frauen ächtet. Doch der so genannte Wächterrat legte sein Veto ein. Er wird von konservativen Geistlichen dominiert, die jedes Gesetz, das vom Parlament verabschiedet wird, auf seine Vereinbarkeit mit dem Islam prüfen.

Die Konvention verstoße gegen das islamische Erbrecht und das Sorgerecht, befand das Gremium. Sie gründe auf Liberalismus, Laizismus und dem westlichen Materialismus. Der Konvention zuzustimmen, käme einem Verzicht auf die göttlichen Gesetze gleich.

Der Islam als Vorwand

Ebadi hält das alles für Unsinn: Die Ablehnung der UN-Konvention könne nicht mit dem Hinweis auf den Islam begründet werden. "Es ist die herrschende patriarchale Kultur, die eine Gleichberechtigung von Frauen und Männern verhindert. Der Islam ist nur ein Vorwand", sagt sie. "Die Hälfte der iranischen Bevölkerung sind Frauen. Frauen machen 63 Prozent unserer Studentenschaft aus. Warum soll also etwa das Blutgeld, die Entschädigungssumme an die Familie eines Ermordeten, für eine Frau halb so hoch sein wie für einen Mann? Und warum kann ein Mann seine Frau ohne jegliche Begründung verstoßen, wann immer er will?"

All dies habe mit dem Islam nichts zu tun, sagt Ebadi. Der Islam sei die Religion der Gleichberechtigung. Die Juristin setzt sich aber nicht nur für die Rechte von Frauen ein. Sie war auch die Anwältin von Parastou Foruhar, die seit Jahren für die endgültige Aufklärung des Mordes an ihren Eltern kämpft.

Diese fielen im Herbst 1998 zusammen mit anderen Intellektuellen und Oppositionspolitikern einer Mordserie zum Opfer, den so genannten Kettenmorden. Wie sich später herausstellte, waren sie von einer Abteilung im Geheimdienst verübt worden, die dem reformorientierten Präsidenten Mohammad Chatami schaden wollte. Der hatte im Wahlkampf mit dem Versprechen für sich geworben, in Iran Rechtssicherheit herzustellen.

Zwar wurde bekannt, dass die Täter aus dem Geheimdienst stammten, die Hintermänner der Tat wurden jedoch nie zur Rechenschaft gezogen. Außerdem verteidigte Ebadi die beiden Frauenrechtlerinnen Mehrangiz Kar und Shahla Lahiji. Ihnen wurde vorgeworfen, einen Umsturz geplant zu haben, weil sie an einer Konferenz der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin teilgenommen hatten, bei der es unter anderem um die Menschenrechtssituation in Iran ging.

Unmut der Konservativen

Den Unmut der Konservativen hat Schirin Ebadi wegen dieser Aktivitäten schon zu spüren bekommen. Weil sie die öffentliche Meinung "beschmutzt" habe, wurde sie im Jahre 2000 zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Anlass war ein Video, das Ebadi verbreitet hatte. Darauf berichtete ein Mitglied des berüchtigten Schlägertrupps "Ansar-e Hisbollah" über seine Tätigkeiten und gab zu, dass ranghohe Persönlichkeiten der iranischen Gesellschaft hinter der Gruppe stünden und sie vor rechtlicher Verfolgung schützten. Möglicherweise bewahrt der Nobelpreis und die damit verbundene Bekanntheit im Ausland Ebadi in Zukunft vor dem Gefängnis.

Es hätten sicher auch andere iranische Intellektuelle und Frauenrechtlerinnen ausgezeichnet werden können. Viele, die in Iran für Reformen kämpfen, sind Ebadi ebenbürtig was ihr Engagement und ihren Mut anbelangt. Aber indem das Komitee Ebadi ehrt, zollt es der gesamten Bewegung Achtung und Respekt. Schirin Ebadi wird den Preis stellvertretend für alle anderen annehmen.

Leser empfehlen