Von Henning Klüver

Italien diskutiert schon, was nach einer Abwahl des Regierungschefs geschieht. Die Mitläufer sind längst umgeschwenkt.

Ein Gespenst geht um in Italien. Es ist bleich, ungeschminkt und benutzt keine Schuhe mit hohen Absätzen.

Ein Spieler, der seine Asse selber druckt - Berlusconi-Kartenspiel aus dem italienischen Wahlkampf. Von links: "Er hat hart gearbeitet, um den Italienern gegenüber all seine Verpflichtungen zu erfüllen." - "Die Linke sagt, alles sei schlecht. Lassen wir sie verlieren." - "Zurück zu Prodis Steuern? Nein danke!" - "Andiamo avanti!" (© Foto: Reuters)

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Es trägt die Züge eines Mannes, dem man seine knapp 70 Jahre ansieht. Es ist das Gespenst eines geschlagenen Berlusconi.

Während der wirkliche Ministerpräsident, geliftet, künstlich gebräunt, mit gefärbten, transplantierten Haaren um sein Überleben kämpft. Er wirft mit Schimpfwörtern um sich und appelliert an die niedrigsten Instinkte seiner Wähler.

Doch je lauter er seine Gegner beleidigt, desto größer wächst hinter ihm das Gespenst der Niederlage. Ciao bello?

Es fing vor zwei Jahren an, mit der Inschrift auf einer Mailänder Straßenmauer: "Berlusconi sa di tappo", er schmecke wie ein schlechter Wein nach Korken.

Damals gingen die ersten Regionalwahlen verloren, und die ersten Mitläufer wie Vittorio Sgarbi, der lauteste Schreihals unter den Kunsthistorikern Europas, sprangen ab.

Es folgte der Staatsrechtler Domenico Fisichella, Kulturminister der ersten Berlusconi-Regierung, der die Alleanza Nazionale verließ und inzwischen in den Vorzimmern der links-christlichen Zentrumspartei "Margherita" gesichtet wurde.

Auf den politischen Flohmärkten brach lebhafter Handel aus: tausche zwei Forza-Italia-Ausweise gegen einen Anteil bei Panellas Die-Rose-in-der-Faust-Partei.

Auch in Berlusconis Fernsehimperium änderte sich die Stimmung. Immer mehr Redakteure, die früher mit Berlusconis Postille Il Giornale unter dem Arm zur RAI-Konferenz liefen, trifft man jetzt mit dem Corriere della Sera (der sich in einem Leitartikel für die Abwahl Berlusconis ausgesprochen hat) oder sogar mit der Unità in den verwinkelten Fluren des römischen Palazzo an.

Sogar im Mailänder Foglio, dem Intellektuellenblatt der Rechten, hat das Gespenst Einzug gehalten. Sicherheitshalber erklärte der Chefredakteur Giuliano Ferrara seinen Chef zum "König unserer Epoche".

Ganz egal ob er die Wahlen verliere oder nicht, Berlusconi habe Italien verändert wie kein anderer Politiker vor ihm. Und tagelang diskutierte man im Foglio auch darüber, was man tun solle, wenn nach einem Wahlsieg die böse Linke dem guten Silvio am Zeug flicken und ihm seine Fernsehsender wegnehmen wolle.

Giorgio Bocca, ehemaliger Widerstandskämpfer und großer alter Mann des italienischen Journalismus, bescheinigte dagegen im Wochenmagazin L'espresso dem "kleinen Regime" Berlusconis einen kläglichen Abgang.

In Internet-Blogs fragt man sich derweil, was man mit Berlusconi und seinen Mitläufern tun soll. Hier melden sich viele Rechtswähler zu Wort, die die Roten davor warnen, Rache zu üben, "wie es in der blutigen linken Tradition ja immer üblich war".

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(SZ vom 7.4.2006)