Post aus der NS-Zeit Grauen im Kleinformat

"Postverkehr z. Z. eingestellt". Ein Brief wird am 31. August 1943 von Prag zurück nach Rom geschickt.

(Foto: Verlag Hentrich&Hentrich)

Historiker Heinz Wewer dokumentiert Postkarten und Briefe, die während der Hitler-Diktatur verschickt wurden: vom Hotel, das mit Judenhass warb, bis zum letzten Gruß eines berühmten Dichters.

Rezension von Christiane Schlötzer

Eine Ansichtskarte in Rosa und Blau, das "Hotel zum Strande" in Borkum druckte sie zu Werbezwecken, die Aufschrift: "Juden werden hier nicht geduldet!". Im Jahr 1903. Ein Frankfurter Hotel ließ schon 1898 auf einer Bildpostkarte wissen: "Juden ist der Eintritt verboten."

Auf eine Postkarte passt nicht mehr, als Menschen heute in Whatsapp-Nachrichten unterbringen, Karten aber schreiben sie meist gar nicht mehr. Die waren einst ein billiges Medium, die Post in Deutschland beförderte um 1900 pro Jahr 240 bis 290 Millionen Stück.

Die NS-Diktatur nutzte die Massenware dann gezielt für Propagandazwecke: mit Bildpostkarten von der Bücherverbrennung, vom ausgebrannten Reichstag.

Der Berliner Historiker Heinz Wewer hat dieses furchtbare Kapitel deutscher Kartenkunst erforscht - ein Kaleidoskop des Grauens im Kleinformat. Zu sehen ist Anschauungsmaterial der Diktatur im Alltag, bestehend aus scheinbar Nebensächlichem, aus Klebezetteln ("Kauft nicht bei Juden, und nicht in ihren Warenhäusern"), Stürmer-Vignetten und Hakenkreuz-Stempeln.

Auch aus Konzentrationslagern wurden noch Karten geschrieben, da gab es aber nichts mehr, was den Verwaltern der Vernichtung darstellenswert erschien, dafür druckte die Lagerleitung in Dachau auf die Vorderseite den Hinweis: "Entlassungsgesuche aus der Schutzhaft an die Lagerleitung sind zwecklos."

Bürokratisch penible Stempelwut der Deutschen Reichspost erhielt wiederum den Anschein von Normalität aufrecht: Karten an Menschen, die unter ihrer bisherigen Adresse nicht mehr auffindbar, weil längst ins Gas geschickt waren, sandte sie an die Absender im Ausland zurück, versehen mit zweisprachigen Aufklebern: "Abgereist, ohne Angabe der Adresse/parti, sans laisser d'adresse").

Es ist diese erschreckende Gleichzeitigkeit von Grauen und Gewöhnlichkeit, die an den Zeugnissen der postalischen Zeitgeschichte haftet. Wewer bettet die Dokumente in die historischen Zusammenhänge ein, und er erzählt die Geschichten einzelner Fundstücke. Sie stammen aus Archiven, Museen und von Privatleuten, wobei der 2017 mit 93 Jahren verstorbene Sammler Wolfgang Haney zu Recht hervorgehoben wird.

Er war 1990 eher zufällig auf KZ-Post gestoßen, bei einem Münzhändler. Haney war sensibilisiert, seine Mutter, eine Jüdin, hatte in der NS-Zeit in der Nähe Berlins in einer Waldhütte überlebt, von Freunden versorgt. Der Sammler fand antisemitische Postkarten im Antiquitätenhandel später unter "Judaica", die Verkäufer wussten offenbar nicht, was sie da hatten.

Auch Geschichten von Emigration und Flucht erzählen die Karten, wie die von Ernst Toller, der im April 1919 die Münchner Räterepublik ausgerufen hatte und als Linker und Jude besonders gefährdet war. Er floh nach London.

Mühsam wurde von der SS ermordet, Ehefrau Zenzl geriet in Stalins Fänge

Erich Mühsam, Schriftsteller und ebenfalls Münchner Revolutionär, konnte nicht mehr fliehen, er schrieb 1934 auf seiner letzten Karte an seine Frau Zenzl aus dem KZ Oranienburg: "Ich muss Dir leider schreiben, dass über mich für vier Wochen Besuchs- und Briefsperre verhängt ist."

Bald danach wurde Mühsam von der SS-Wachmannschaft ermordet. Die Karte trägt einen russischen Archivstempel, Zenzl gelang die Flucht, in Moskau aber geriet sie in die Mühlen der stalinistischen Säuberungen, in der DDR musste sie später darüber schweigen.

All das ist nachzulesen in diesem ungewöhnlichen Geschichtsbuch, das Sammlerfleiß und Aufklärungsinteresse auf anschauliche Weise verbindet.

Heinz Wewer: „Abgereist, ohne Angabe der Adresse“. Postalische Zeugnisse zu Verfolgung und Terror im Nationalsozialismus. Verlag Hentrich&Hentrich, Berlin 2017, 336 Seiten, 346 Abbildungen, 39 Euro.

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