Wer ihn in seinem Büro besucht, spürt schnell, wie sehr der Staatsbeamte de Maizière, Sohn des ersten Generalinspekteurs der Bundeswehr, das Politikmachen inzwischen genießt. Seine Nachtschichten mögen noch immer lang sein, seine Augen gerötet und klein - er empfängt einen nicht mehr hastig, mit Blick auf die Uhr, sprungbereit, um der Chefin zu dienen. Heute begrüßt er mit offenen Armen, zeigt seinen Blick aus dem Fenster und die Bilder zweier Leipziger Künstler, die seine Bürowände zieren. Die Last der Verantwortung ist der Lust am Entscheiden gewichen. Wahrscheinlich hätte er Ministerpräsident in Sachsen werden können. Er hat Berlin vorgezogen - und wirkt sehr glücklich.
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Kanzleramtsminister Thomas de Maizière (© Foto: AP)
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Macht und Selbstbewusstsein waren auch bei der jüngsten Krise zu studieren. Der Krise um den Bundesnachrichtendienst und die Bespitzelung eines afghanischen Ministers sowie einer deutschen Journalistin. De Maizière hätte mit einer Entlassung des BND-Präsidenten öffentlich leicht punkten können. Für ihn aber wäre es nicht nur billig, sondern auch unklug gewesen. Gesagt hat er dazu so gut wie nichts, durchdacht hat er alles.
Was hätte eine Entlassung bedeutet? Wie würden die Mitarbeiter des BND das lesen? Wie Querulanten? Welche Folgen hätte eine Entlassung für die Union, für die SPD, für die Koalition? Immerhin wird BND-Präsident Ernst Uhrlau der SPD zugerechnet. Er hat abgewogen und als Kanzleramtschef entschieden: für einen Rüffel, eine letzte Chance, gegen eine Entlassung. "Fehlerfrei arbeitet niemand."
Was für ein Satz für einen, dessen Hauptaufgabe es ist, Fehler zu vermeiden. Wie hält einer das aus, ohne politisch Lohn zu ernten? De Maizière hält es aus, indem er manchmal die Bühne wechselt. Ein Ausflug nach Bonn. Der Minister ist an seine alte Schule gekommen, das Aloisius-Kolleg. Es ist ein ziemlich elitäres katholisches Gymnasium, teils Internat, teils Tageseinrichtung. Seine Eltern schickten ihn her, weil er, wie er selbst sagt, "ziemlich gut, aber auch ziemlich frech war als Schüler."
Der Besuch gefällt dem Minister. Mit den Händen in den Hosentaschen stürmt er durch das alte Gebäude aus den Anfängen des vergangenen Jahrhunderts, inspiziert alte Klassenzimmer, fühlt sich zuhause. Hier ist er der "Chef des Kanzleramts", der aus dem Zentrum der Macht. Hier wird er plötzlich das, was er in Berlin nicht so recht sein darf: etwas ganz Besonderes.
Die Abiturklassen haben sich in der Aula versammelt, es folgen zwei Stunden Fragen und Antworten - mit einem Thomas de Maizière, der die Kanzlerin, die Politik in Berlin und die Welt erklärt. Der bei jedem Thema - ob China, BND oder Gesundheit - die Interessenkonflikte, die Kompromisssuche, die "kommunikativen Missverständnisse" erläutert. Sie glauben ihm, sie hängen an seinen Lippen. Es gibt sehr viel Beifall. Er macht derlei Ausflüge immer wieder.
Zurück an seinem Schreibtisch. Vor dem großen Fenster hat sich die Nacht ausgebreitet. Der Stapel an Akten ist über den Tag riesig geworden. "Schauen Sie sich das an", ruft er. "So sieht das fast jeden Tag aus." Er schmunzelt, es ist ein bisschen halbherzig. Seine Lust ist begrenzt. "Kommt eigentlich Fußball im Fernsehen?" Er hätte so gerne ein bisschen sportliche Begleitung. Aber er hat Pech, das Spiel wird nicht übertragen.
Vielleicht ein Glück. Er weiß, dass sich in so einem Stapel immer Gefahren verbergen, er hat erlebt, wie schlitzohrige Beamte ihm auch mal ohne Vorwarnung einen Hammer dazwischen schieben. Er wird also wieder die Fallen suchen und die Fehler vermeiden wollen. "Die Kanzlerin macht keine Fehler. Wenn jemand Fehler macht, bin ich das. Das ist Teil meines Gehalts, das muss man wissen."
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(SZ vom 3./4. Mai 2008/mati)
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