Populismus Größter Gegner der Protestparteien sind ihre Mitglieder

Ihr Erfolg scheint unaufhaltsam - bis sie echte politische Arbeit machen müssen. Dann stolpern Protestparteien wie Ukip mit Nigel Farage oder die AfD über allerlei schräge Vögel in den eigenen Reihen.

Kommentar von Christian Zaschke

Alles könnte so einfach sein für Nigel Farage, wenn seine Partei nicht wäre. Der Chef der EU-feindlichen UK Independence Party (Ukip) kann sich gute Hoffnungen darauf machen, bei der britischen Unterhauswahl im Mai erstmals ins Parlament in Westminster einzuziehen. Farages Popularitätswerte sind konstant hoch, und wenn er in jedem der 650 Wahlkreise persönlich antreten könnte, würde die Ukip vermutlich eine ernstzunehmende Fraktion werden.

Zu Farages Verdruss vergeht jedoch kaum ein Monat, in dem nicht ein Parteimitglied durch dämliche, rassistische oder sexistische Bemerkungen auffällt - oder, wie jüngst, durch finanzielle Unregelmäßigkeiten.

Die Mitarbeiterin einer Ukip-Europa-Abgeordneten ließ sich eine dreifach überhöhte Restaurant-Rechnung über mehr als 3000 Pfund ausstellen, um diese in Brüssel als Spesen geltend zu machen. Sie sagte, so repatriiere man britische EU-Beiträge. Farage gab sich am Freitag demütig und sagte, was er immer in solchen Fällen sagt: Man werde den Fall untersuchen und daraus Konsequenzen ziehen.

Nachdem die Ukip Ende vergangenen Jahres bei Nachwahlen ihre ersten beiden Sitze im Parlament gewonnen hatte, schien die Partei unaufhaltsam zu sein. Ihre Hauptanliegen - Austritt aus der EU, strengere Einwanderungsgesetze - kamen gut an bei den Wählern. Diese erkennen jedoch mittlerweile, dass die Partei nicht nur aus Farage besteht, sondern auch aus allerlei schrägen Vögeln und fragwürdigen Figuren. Überspitzt ließe sich sagen: Der größte Gegner der Ukip sind ihre Mitglieder. Nun sinken die Umfragewerte, die Euphorie ist verflogen. Es erscheint durchaus möglich, dass die Partei im Mai lediglich ein, zwei Mandate in Westminster gewinnt und bedeutungslos wird.

Damit ginge die Ukip einen Weg, den viele populistische Parteien vor ihr eingeschlagen haben. Die Anziehungskraft dieser Gruppierungen rührt daher, dass sie sich als Gegenentwurf zu den etablierten Parteien definieren, als weniger formell, als ehrlich und gradlinig. Doch was ihre Stärke ist, wird zur Schwäche, wenn es ernst wird im politischen Betrieb. In Deutschland gibt es dafür viele Beispiele. Die Republikaner schienen in den Neunzigerjahren eine politische Kraft zu werden und sind heute bedeutungslos. Die Schill-Partei war Anfang der 2000er-Jahre in Hamburg an der Regierung beteiligt. Heute gibt es sie nicht mehr. Aktuell ist die AfD dabei, sich selbst zu demontieren.

Die Gründe für das Scheitern mögen im Detail vielfältig sein. Gemeinsam ist vielen populistischen Parteien jedoch, dass in ihrem Gründungsmythos, nämlich eine Anti-Parteien-Partei sein zu wollen, ein Paradoxon steckt. Zum Problem wird das in dem Moment, den sie herbeisehnen: Wenn sich Erfolg einstellt und sie am politischen Betrieb mitwirken müssen. Dazu braucht es Struktur, zumindest eine gewisse Einigkeit und erfahrenes, fähiges Personal. Dass es den populistischen Gruppierungen daran oft fehlt, ist in ihrer Herkunft als schnell wachsende Bewegung angelegt; am Übergang von der Bewegung zur ernst zu nehmenden Partei scheitern sie. Gelingt er doch, liegen meist außergewöhnliche Umstände vor wie beim Erfolg der Linkspartei Syriza im hoch verschuldeten Griechenland oder in Frankreich, wo der Front National als Familienbetrieb geführt wird.

Zur "people´s army" stilisiert Farage die Ukip, zur Armee des Volkes. Zu seinem Problem könnte werden, dass in Großbritannien wie in Deutschland das Volk die Geschicke des Landes bei allem gelegentlichen Politikverdruss letzten Endes doch lieber in den Händen von Profis weiß.