Als "Abwärtsspirale, bei der sich die Realität des Betroffenen nur noch um den Kampf ums Recht dreht", beschreibt das Wolfgang Grenz von der Menschenrechtsorganisation Amnesty International. Er hat dieses Phänomen schon bei vielen Opfern staatlicher Gewalt beobachtet, auch in Deutschland. "Fälle wie der von Herrn Hoss kommen öfter vor als man denkt", sagt er. Nur treffe es selten so etablierte Menschen, die sich wehren und denen man glaubt. "In Deutschland können sich viele nicht vorstellen, dass die Polizei so etwas tut", meint Grenz.

Anzeige

Bei Amnesty im Jahresbericht

Auch deshalb hat Amnesty 2005 den Fall Hoss in den Jahresbericht aufgenommen, bis heute verfolgt Grenz ihn kritisch. "Dass ein so labiler Mann jetzt noch durch die juristischen Instanzen gejagt wird, zeigt, dass die Beklagten die Tragweite ihrer Tat gar nicht verstehen", sagt er. Ein Vorwurf, zu dem sich die Sprecher im Düsseldorfer Innenministerium, bei der Kölner und der Siegburger Polizei allesamt nicht äußern wollen.

"Es geht eben um viel Geld", gibt Hoss' Anwalt Martin Reinboth zu bedenken. Nach seiner Einschätzung müsste das Land Hoss neben dem Schmerzensgeld auch alle weiteren Schäden, insbesondere den Verdienstausfall von mehr als 30.000 Euro jährlich ersetzen - und zwar bald, denn sein Mandant sei auch finanziell am Ende.

Hoss und seine vierköpfige Familie leben inzwischen nur noch vom Kellnergehalt seiner Frau. Der Erlös aus dem Verkauf seiner Villa - 320.000 Euro statt der verlangten 750.000 - ist längst ausgegeben, für Prozesskosten, Arztrechnungen und den Umzug in ein neues, bescheidenes Haus in der Eifel.

"Es fehlt an allen Enden", sagt der 56-Jährige. Weil seine Fliesenleger-GmbH nur ruht und nicht offiziell geschlossen ist, stehen ihm als Geschäftsführer kaum Sozialleistungen zu. Immer wenn es wieder besonders eng wird, muss er alte Möbel zu Geld machen, seine Uhr, seine Teppiche.

Aber das reicht immer nur für das Nötigste. Solange Hoss nicht entschädigt ist, kann er vom Rest nur träumen. Er würde gerne wieder mit der Familie Urlaub machen oder seiner Frau Opernkarten schenken oder den Kindern eine Fahrt zum Nürburgring. Sich selbst würde er Tickets für einen Boxkampf kaufen, das hat er früher oft gemacht: live in der Arena sitzen, wenn zwei Gegner aufeinander losgehen. Gleichstarke Gegner.

Sie sind jetzt auf Seite 3 von 3

  1. Ein Gerücht zerstört ein Leben
  2. Ein Gerücht zerstört ein Leben
  3. Sie lesen jetzt Ein Gerücht zerstört ein Leben
Leser empfehlen 

(SZ vom 18.7.2008/vw)