Politische Philosophie Vom Kern der Freiheit

Judith Shklars Aufsätze aus den 80er-Jahren über den "Liberalismus der Rechte" sind aktueller denn je.

Von Isabell Trommer

"Warum halten Amerikaner Rechte für so wichtig?", fragt Judith Shklar Mitte der Achtzigerjahre in einem der Aufsätze, die Hannes Bajohr jüngst unter dem Titel "Liberalismus der Rechte" herausgegeben hat. Natürlich spielen Rechte in den meisten Denktraditionen eine bedeutende Rolle. Doch gerade für die politische Kultur der Vereinigten Staaten sind sie zentral, nicht nur historisch, denkt man etwa an die Bill of Rights, sondern auch in einer Gegenwart, in der Bürgerinnen und Bürger immer noch beharrlich um sie kämpfen und streiten, ob es nun um den Waffenbesitz, Religionsfreiheit, Minderheitenrechte oder um freie Meinungsäußerung geht. Auch wenn sich der politische Diskurs oft um die Idee einer starken Nation dreht, behalten individuelle Rechte gegenüber dem Gemeinwohl die Oberhand.

Shklar war seit je mit Theorien des Liberalismus befasst, wandte sich dem politischen Denken der Vereinigten Staaten aber erst spät zu. Zuvor hatte sie sich mit Philosophen wie Hegel, Montesquieu und Rousseau beschäftigt. In der englischsprachigen Welt wurde sie nicht zuletzt mit ihrem minimalistischen Konzept eines "Liberalismus der Furcht" (1989) berühmt. Dabei stellt Shklar die Verhinderung von Grausamkeit und Furcht ins Zentrum ihrer Überlegungen, schließlich mache "systematische Furcht ... Freiheit unmöglich". Sie denkt die Freiheit von ihren Gefährdungen her. Grausamkeit sei das Schlimmste, was Menschen sich gegenseitig antun könnten. Ein skeptizistisches Konzept, schlicht und ohne Pathos, das unter anderem von den Erfahrungen des Totalitarismus und des Kalten Krieges geleitet war.

Recht zum Protest: Aktivisten von Amnesty International, im Look der Freiheitsstatue, demonstrieren vor der US-Botschaft in London gegen Trump.

(Foto: Nikla Halle'n/AFP)

Im Alter von neun Jahren hatte die lettische Jüdin 1939 mit ihren Eltern und ihrer Schwester aus Europa fliehen müssen. Anfang der Fünfzigerjahre ging Shklar, nachdem Kanada sie aufgenommen hatten, an die Harvard University, wo sie nach ihrem Doktorstudium blieb und als Politikwissenschaftlerin lehrte. Shklar ist eine der bedeutendsten Theoretikerinnen des politischen Liberalismus. In ihren Arbeiten kommen historisches Bewusstsein und politische Theorie, präzise Analyse und realistische Klarheit auf eindrucksvolle Weise zusammen. Mit beträchtlicher Verzögerung wird ihr nun endlich auch in Deutschland mehr Aufmerksamkeit zuteil. Der jüngste Band kommt nun genau zur rechten Zeit.

Was meint Shklar mit jenem "Liberalismus der Rechte", den sie in Amerika identifiziert? "Die amerikanische Staatstheorie hat von jeher die Verwirklichung individueller Rechte als das Ziel aller legitimen Institutionen betrachtet." Shklar erzählt die Geschichte der Vereinigten Staaten als eine nie abgeschlossene Geschichte des Kampfes um Rechte. Dieses Denken gehe unter anderem auf Thomas Jefferson zurück, der seinerseits von der Naturrechtslehre - die von einem natürlichen Recht auf Leben, Freiheit und Eigentum ausgeht - John Lockes inspiriert war. Dass die Amerikaner Rechte und das Primat der Judikative so stark betonen, erläutert Shklar als Ideengeschichtlerin historisch. Im revolutionären Kampf gegen Großbritannien haben sie sich auf das Naturrecht berufen, enthielten die gewonnen Rechte dann aber einem großen Teil der Bevölkerung vor. Erst der stetige, weitere Kampf um Rechte, zum Beispiel im Kontext der Bürgerrechtsbewegung, habe dazu geführt, dass die Versprechen der Unabhängigkeitserklärung für alle Amerikanerinnen und Amerikanern Wirklichkeit wurden. Dies habe den Liberalismus der Rechte erst etabliert, denn nun war die Freiheit nicht mehr nur die Freiheit der Sklavenhalter. Im Liberalismus der Rechte sind negative Freiheit, also die Freiheit von Zwang oder staatlichen Übergriffen, und positive Freiheit, die Freiheit zur Selbstbestimmung, untrennbar miteinander verbunden.

Judith N. Shklar: Der Liberalismus der Rechte. Aus dem Amerikanischen von Dirk Höfer und Hannes Bajohr. Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2017, 203 Seiten. 16 Euro.

Im Kern herrschte in Amerika seit je ein Misstrauen gegenüber Regierungsvertretern, vor denen man sich schützen müsse - ein Misstrauen gegenüber den Reichen und der Elite, das wir auch aus dem Amerika der Gegenwart kennen. So schreibt Shklar den wohl immer noch gültigen Satz: "Tag und Nacht beten sie herunter, dass die 'beste Regierung diejenige ist, die am wenigsten regiert' und nichts kostet." Dass Shklar diese Tradition auch kritisch sieht, ist klar, denn dem Begriff der Rechte wohne "eine sehr radikale sowie eine tief konservative Tendenz inne". Rechte ermöglichen und bewahren. Insbesondere drei Einwände gegen den Liberalismus der Rechte diskutiert Shklar: Das Insistieren auf Rechten könne zu einer Ausweitung der Staatsmacht führen, die dann "zu einer Bedrohung der Freiheit" werden könne. Setze man zudem Rechte an die erste Stelle, würden möglicherweise nicht länger auf das Gemeinwohl bedachte Gesetze erlassen. Schließlich sei unklar, wie Rechte im Zweifelsfall gewichtet werden sollen. Der Liberalismus der Rechte verfüge über keine Prinzipien, um Konflikte zwischen einzelnen Rechten aufzulösen. Wo beginnt die Religionsfreiheit des einen, wo endet die Meinungsfreiheit des anderen?

"Wenn man sich also wundert", schreibt Shklar in einem der Essays in dem gerade erschienen Band, "warum sich amerikanische Politik im Zeitalter des Wohlfahrtsstaates und globaler Kriege immer noch um Rechte dreht, dann sollte man in Erinnerung behalten, was schließlich vollkommen offensichtlich ist - dass das multiethnische und ungleiche Amerika sein Ziel nicht erreicht hatte, als es als Nation gegründet wurde. Es liegt immer noch viel 'unvollendete Arbeit' vor uns." An dieser Diagnose hat sich seit 1992, dem Jahr, in dem Judith Shklar in Boston starb, nichts geändert. Der Kampf um Rechte hat sich gerade erst noch einmal heftig verschärft.

Isabell Trommer ist Politikwissenschaftlerin.