Bundespräsidentenwahl Ein tiefer Riss geht durch Österreich

Hofer oder Van der Bellen? Österreich ist sich uneins. Fest steht schon jetzt: Das künftige Staatsoberhaupt muss die Spaltung einer politisch frustrierten Republik aufhalten.

Analyse von Cathrin Kahlweit

Dass es letztlich Spitz auf Knopf stehen würde, das hatten einige Wahlforscher schon ein paar Tage vor dem Abend der Entscheidung gemutmaßt, aber nicht laut zu sagen gewagt. Umfragen waren vor der Stichwahl um das Bundespräsidentenamt ohnehin kaum noch veröffentlicht worden; zu schief hatten die Meinungsforschungsinstitute in der ersten Runde gelegen, zu peinlich war es gewesen, dass niemand den hohen Sieg von FPÖ-Mann Norbert Hofer vorausgesagt hatte. Dieses Mal hatte sich kein Experte so recht aus der Reserve gewagt, aber hinter vorgehaltener Hand hatte es geheißen: Das wird enger, als Hofer denkt, und enger, als Alexander Van der Bellen befürchtet.

So ist es gekommen: kein klares Ergebnis nach den ersten Prognosen und Hochrechnungen, ein spannender Wahlabend nicht nur für Österreich. Das ist eigentlich schon ein Erfolg für den grünen - offiziell als Unabhängiger kandidierenden - Van der Bellen, den alle Welt nur Sascha oder VdB nennt. Denn das Hofer-Lager hatte sich zuletzt siegesgewiss gezeigt, der erste Wahlgang war ja schließlich mit 35 Prozent mehr als gut für den Rechtspopulisten gelaufen, das galt als schwer einholbar. Und dann das: Eine Art Patt am Wahlabend und die Aussicht, dass vermutlich erst die 900 000 Brief-Wähler entscheiden werden, wer das nächste Staatsoberhaupt wird.

Österreich politisch in einem Ausnahmezustand

Andererseits war ja der Sonntag kein normaler Wahltag. Nichts daran war normal - so wenig, wie es normal war, dass sich das Land nach der Schließung der Wahllokale um 17 Uhr in der Schwebe befand, quasi aufgespalten in zwei Lager: Rechte und Wutbürger gegen Linke, Mitte, Besorgte, Enttäuschte. Also starrte das ganze Land auf die Hochrechnungen und auf die Briefwahlstimmen, damit diese Ungewissheit ein Ende haben möge. Österreich ist politisch schon zu lange in einem seltsamen Ausnahmezustand.

Auch wenn die Lagerbildung vor der Stichwahl nicht so deutlich und emotional verlief wie noch bei der Wien-Wahl vor einem halben Jahr, als der FPÖ-Kandidat und Parteichef Heinz-Christian Strache die rote Hauptstadt einnehmen wollte, so hatte es doch zuletzt eine spürbare Entfremdung gegeben, viel Bitterkeit und Wut. Van der Bellen hatte die Intellektuellen auf seiner Seite, die Künstler, die SPÖ und die liberale Partei Neos. Zuletzt bekannte sich auch Irmgard Griss zu ihm. Die Juristin war im ersten Wahlgang als unabhängige Kandidatin angetreten und hatte den dritten Platz, knapp hinter Van der Bellen, belegt. Sie zierte sich lange, aber auch sie gab schließlich eine Wahlempfehlung ab. Nur in der ÖVP, in der sich die Parteispitze eine Koalition mit der FPÖ im Falle von Neuwahlen offenhält, mochte sich kaum jemand positionieren.

In einem spektakulären Fernsehduell waren die Kontrahenten ohne Moderator aufeinandergetroffen. Dort hatte sich FPÖ-Kandidat Hofer mit der Behauptung in die Brust geworfen, Van der Bellen habe nur die Unterstützung der "Schickeria", er dagegen die "der Menschen". Ein fassungsloser Van der Bellen wollte wissen, ob Künstler und Politiker keine Menschen seien und warum sich kein Europäer von Rang für den Rechtspopulisten ausgesprochen habe. Er sei eben "authentisch und gradlinig", erklärte Hofer, während "die Menschen" Van der Bellen nichts glaubten.