Politische Geschichte Radikal, links, jüdisch - drei Revoluzzer in Paris

Eine Kollektivbiografie über Frankreich im Jahr 1968 - dort kreuzen sich Lebenswege, die man fast atemlos nachliest.

Von Claus Leggewie

Unter den vielen Demonstrationszügen des Mai 1968 in Paris fand am 22. des Monats einer unter dem bemerkenswerten Slogan statt: "Wir sind alle deutsche Juden" (Nous sommes tous des juifs allemands). Die Demonstranten protestierten damit gegen die Ausweisung Daniel Cohn-Bendits aus Frankreich, der als Dany le Rouge zum Idol und Staatsfeind geworden war. Der Aufstand hatte schon die Arbeiter- und Angestellten-Gewerkschaften ergriffen, die politische Macht verkroch sich im Élysée, Frankreich wankte. Auch die Kommunisten, die sich als Ordnungsmacht gegen die Anarchisten profilierten, erklärten den deutschen Juden zum "indésiderable", zur unerwünschten Person. Das stand unausgesprochen für: Jude.

Am 22. Mai verwoben sich, das zeigt Sebastian Voigts vorbildliche Kollektivbiografie, drei Lebensgeschichten vor dem Hintergrund diverser zeitlicher und räumlicher Lagen der Geschichte Europas im 19. und 20. Jahrhundert. Im Sinne Dan Diners, der das Vorhaben am Leipziger Simon-Dubnow-Institut inspiriert hat, rekonstruiert Voigt die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen und verbindet dabei weit entfernte Orte der untergegangenen jüdischen Welt.

Zuvor muss er ein zählebiges antisemitisches Missverständnis ausräumen, das besagt: Juden = Bolschewisten. Die jüdische Präsenz in linksrevolutionären Bewegungen ergab sich aus der halbherzigen Judenemanzipation. Doch um 1968 löste sich die im Kampf gegen Hitler noch einmal verstärkte Bindung an den Parteikommunismus. 1968 war es mit dessen kultureller Hegemonie vorbei.

Lebendig und detailreich erzählt der am Institut für Zeitgeschichte tätige Autor drei ebenso exemplarische wie einzigartige Familien-Biografien und verknüpft sie intelligent miteinander. Am bekanntesten (allerdings unter Abzug der jüdischen Anteile) ist die des Europa-Abgeordneten i.R. Daniel Cohn-Bendit (geboren 1945 im südfranzösischen Montauban), dessen Eltern vor ihrer Flucht in Berlin gelebt hatten, dort unter anderem mit Hannah Arendt bekannt waren und nach 1945 als getrenntes Paar in Paris und Frankfurt lebten.

Wie der "neue Philosoph" André Glucksmann wurde, was er ist, wissen immerhin einige, wobei seine völlig berechtigte Kritik an der totalitären Linken hierzulande bis zur Karikatur verzerrt wurde. Rot gleich braun zu sagen, wäre auch dem Dritten nicht in den Sinn gekommen: Pierre Goldman (1944 bis 1979). In Deutschland fast unbekannt, ist er in Frankreich ein Mythos. Der Spruch vom 22. Mai war ihm zuwider, er sah darin eine unverschämte Anmaßung der Gojim.

Goldmans romanhafter Lebensweg, oft in der Illegalität, war von dramatischen Widersprüchen gekennzeichnet, sein Tod nach dem Anschlag eines Rechtsradikalen der grauenhafte Schlusspunkt. Der Sohn polnischer Juden leitete sein radikales Engagement vehement aus seiner partikularen jüdischen Herkunft ab - und aus Drancy, von wo französische Juden in Richtung Auschwitz geschickt wurden, ein Schicksal, dem seine Eltern entkommen waren.

Staatenlosigkeit und Paria-Existenz sind, wie die (erst 1978 zurückgenommene) Ausweisung Cohn-Bendits aus dem Land der universalen Menschenrechte belegt, den drei Protagonisten gemeinsam, ebenso wie die Abkehr von der Kommunistischen Partei. Goldman überholte sie links. Cohn-Bendit ironisierte Lenin: Der Linksradikalismus sei eine Gewaltkur gegen die Alterskrankheit des Parteikommunismus. Und Glucksmanns vermeintliches Renegatentum führte das eigentlich Selbstverständliche vor, dass sich der ungebrochene Bezug auf eine antifaschistische Widerstandstradition im Blick auf den Gulag verbot.

Für Glucksmann, dessen Familie aus dem Habsburgerreich (Czernowitz, Prag, Wien) stammte, erzwangen die (nicht erst) von Alexander Solschenizyn ans Licht gebrachten Verbrechen Stalins den Generationsbruch - und das Heraustreten aus der Schlachtordnung des Kalten Kriegs, die auch ihn zunächst zum fellow traveller der KP prädestiniert hatte.

Daniel Cohn-Bendit, bekannt als Dany le Rouge, bezeichnete sich selbst als "Jude aus Zufall"

Zum Bruch gehörte die späte Anerkennung der Kollaboration von Millionen Franzosen mit den Nazis, was die aktive Mitwirkung am Holocaust beinhaltete, und die ebenso schonungslose Kritik der Kommunistischen Partei Frankreichs, die sich Stalin untergeordnet hatte und Winkelzüge wie den Pakt mit Hitler 1939 und in den 1950er-Jahren die Repression in den Kolonien gestützt hatte.

Nach dem fatalen Umweg über den Maoismus, dessen Verbrechen nicht minder schwer wogen, bekräftigten die "Neuen Philosophen" die universalen Menschenrechte und setzten sich für die Dissidenten, Vertriebenen, Flüchtlinge, Staatenlosen und Parias von heute ein.

Das Jüdische blieb vor allem bei Cohn-Bendit im Hintergrund, aus Aversion gegen dessen religiöse Anteile; er bezeichnet sich als "Jude aus Zufall", der weder Franzose noch Deutscher sei, aber eben auch als "Jude ohne Nationalität", der auch in Israel keine Heimat finden kann.

In Paris kreuzten sich diese Lebenswege, die man fast atemlos nachliest. Doch sind das keine Geschichten allein für Franzosen. Den meisten deutschen Linken ist die Signifikanz dieses Kreuzungspunktes niemals bewusst geworden; nicht zuletzt deswegen haben sie anhaltende Probleme mit der "jüdischen Frage", manche frönen weiter einer dem Kalten Krieg entsprungenen Russophilie. Voigts Buch, das leider sehr teuer ist, könnte auch diesbezüglich Abhilfe schaffen.

Claus Leggewie ist Direktor des Kulturwissenschaftlichen Instituts in Essen, zuletzt erschienen seine Erinnerungen "Politische Zeiten. Beobachtungen von der Seitenlinie" bei C. Bertelsmann.