Politik und Klimawandel Wie die Klimaerhitzung Terror und Gewalt fördert

Spuren des Terrors von Boko Haram im Tschad.

(Foto: dpa)

Der Klimawandel wird die Menschen nicht nur mit Wetterextremen belasten. Auch bewaffnete Gruppen und Terroristen wie Boko Haram werden gestärkt, warnt eine Studie für das Auswärtige Amt.

Von Markus C. Schulte von Drach

Die Klimaerhitzung wird der Menschheit in Zukunft nicht nur Wetterextreme wie schwere Stürme und Dürren bescheren. Sie wird auch dazu führen, dass Terrororganisationen wie Boko Haram, der sogenannte Islamische Staat oder andere "nicht-staatliche bewaffnete Gruppen" an Macht und Mitgliedern gewinnen. Davor warnt eine Studie des Thinktanks adelphi in Berlin, die das Auswärtige Amt in Auftrag gegeben hat.

Schon der UN-Weltklimarat IPCC hatte in seinem Bericht 2014 darauf hingewiesen, dass der Klimawandel eine Bedrohung für Frieden und Sicherheit darstellt. Die EU und die G7-Staaten teilen diese Einschätzung. So kann es zu einer wachsenden Konkurrenz um abnehmende Ressourcen wie Wasser kommen, Menschen fliehen aus unbewohnbar gewordenen Gebieten, es drohen Spannungen zwischen und innerhalb von Staaten. Vor allem dort, wo Menschen bereits durch Krisen schwer belastet sind, könnte der Klimawandel die Risiken für gewaltsame Konflikte verstärken.

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Wie die Wissenschaftler nun berichten, werden Menschen, deren Lebensgrundlage durch Extremwetter beschädigt oder zerstört wird, auch anfälliger für die Rekrutierung durch bewaffnete Gruppen wie Terrororganisationen, aber auch Drogenbanden. Diese nutzen die verzweifelte Lage der Menschen aus, um sie mit der Aussicht auf ein besseres Leben anzuwerben.

Darüber hinaus können solche Gruppen versuchen, etwa bei Wasser- und Nahrungsmittelknappheit, die Ressourcen - und damit die Bevölkerung - zu kontrollieren. Oder sie terrorisieren die Menschen, indem sie ihnen den Zugang zu Wasser und Nahrung verwehren. Wo die Regierung wenig Autorität hat oder bei der Versorgung der Menschen scheitert, könnten die bewaffneten Gruppen an ihre Stelle treten.

Ein Beispiel, an dem sich diese Entwicklung bereits beobachten lässt, ist den Wissenschaftlern zufolge die Terrororganisation Boko Haram, die vor allem in Teilen von Niger, Nigeria, Tschad und Kamerun, der Region um den Tschadsee, aktiv ist. Hier leidet die schnell wachsende Bevölkerung unter einer ganzen Reihe von Belastungen: Arbeitslosigkeit, Armut, Gewalt. Zugleich wird mehr Wasser verbraucht, als die Natur nachliefern kann. Schwere Dürren infolge des Klimawandels haben außerdem den See extrem zurückgehen lassen. All das hat zu Spannungen zwischen den Gruppen geführt, die auf das Wasser angewiesen sind: Ackerbauern, Viehhalter und Fischer.

Der Tschadsee in Afrika 2007. Das Wasser geht zurück und konzentriert sich zunehmend auf den südlichen Teil. Im Nordwesten liegt Niger, im Osten der Tschad, im Südwesten Nigeria, im Süden Kamerun.

(Foto: Nasa)

Die Region leidet schon länger unter gewaltsamen Aufständen und Bürgerkriegen zwischen verschiedenen Ethnien. Die Regierungen der Staaten am Tschadsee haben Probleme, die Region zu kontrollieren. Vor diesem Hintergrund ist es den Extremisten von Boko Haram, deren Ziel ein islamischer Staat ist, gelungen, teilweise die Kontrolle zu übernehmen.

Weitere Beispiele für einen Zusammenhang zwischen Klimaerhitzung und Gewalt sind den Forschern zufolge Syrien und Afghanistan. In Syrien gilt eine vermutlich durch die Klimaerhitzung verstärkte außergewöhnliche Trockenheit als eine der Ursachen der Spannungen in der Bevölkerung, die schließlich zum Bürgerkrieg und zur Entstehung des sogenannten Islamischen Staates geführt haben. Die vom Klimawandel verstärkten Probleme führten außerdem dazu, dass sich manche Syrer dem IS angeschlossen haben, der ihnen Arbeit und Versorgung versprochen hat.

Für Afghanistan rechnen Experten der Vereinten Nationen für die Zukunft mit längeren Trockenzeiten. Es wird befürchtet, dass die Wasserversorgung pro Kopf bis 2040 um die Hälfte zurückgeht. Die dadurch zunehmende Wüstenbildung, Mängel bei der Versorgung und zunehmende Armut erhöhen den Wissenschaftlern zufolge das Risiko, dass jüngere Männer sich etwa den Taliban anschließen. Während einer Trockenheit 2006 und 2007 etwa konnten die Taliban und andere Aufständische in der Provinz Balkh besonders viele Kämpfer rekrutieren.

Da bewaffnete Gruppen in Afghanistan auch vom Drogenhandel profitieren, bekämpfen sie Versuche der Regierung, den Opiumanbau zurückzudrängen. Immer weniger fruchtbare Böden werden deshalb für den Anbau von Nahrungsmitteln verwendet. Und immer mehr Bauern werden in den bewaffneten Gruppen die Chance auf Zugang zu Märkten, auf Kapital für Investitionen und wirtschaftliche Entwicklung sehen - und nicht in der Regierung in Kabul.