Politik im Advent Endlich Zeit für Familienstreit

Wenn es Ende November kalt wird, dann feiern US-Amerikaner Thanksgiving und diskutieren gern laut mit der Familie. Die beliebteste Ablenkung ist Sport: Entweder NFL-Football oder Fußball (das Archivbild stammt vom Länderspiel USA gegen Costa Rica).

(Foto: AFP)

An Thanksgiving streiten US-Familien über Trump, IS und Flüchtlinge. Wie bei Facebook ersetzen Emotionen die Fakten: Der Lauteste gewinnt. Diese Debattenkultur erwartet auch uns Deutsche.

Von Matthias Kolb, Washington

Wenn sich amerikanische Familien Ende November treffen, um Thanksgiving zu feiern, dann dreht sich alles ums Essen. Der Truthahn wird angeschnitten, viele klagen über die lange Anreise und alle berichten, was sie an Neuigkeiten aus ihrem Privatleben verraten wollen. Und weil sich die Verwandten oft nur ein Mal im Jahr sehen, werden auch alle anderen wichtigen Themen debattiert.

Wie laut es bei diesen Diskussionen zugehen kann, ist in zahllosen Hollywood-Filmen und TV-Serien verewigt worden, denn Thanksgiving übertrifft als Familienfest das deutsche Weihnachten. Und wenn in der Satireshow Saturday Night Live die Figur des "Drunk Uncle" (betrunken, rassistisch, eher ungewaschen) auftaucht, dann haben wohl viele Amerikaner eine reale Person vor Augen.

Denn auch wenn es Football als Ablenkung gibt, reden alle irgendwann über Politik und alles, was sonst in den Nachrichten kommt. Während das Essen weitergeht und das Trinken beginnt, streiten die Kinder, die aus ihren College-Städten heimgekommen sind, mit den konservativen Großeltern, die nur Fox News gucken - und alle anderen mischen sich ein.

Ging es früher um Obamas Religion und Obamacare, so debattieren die Amerikaner 2015 über Donald Trump, die IS-Dschihadisten, Flüchtlinge, Black Lives Matter und Polizeigewalt. Websites wie Vox.com oder The Upshot stellen faktenreiche Übersichtsartikel wie "So überlebst du die Thanksgiving-Diskussion mit der Familie" zusammen.

Doch am Küchentisch oder später im Wohnzimmer helfen die darin enthaltenen Zahlen dann doch eher selten, denn in diesen Diskussionen sind Überzeugungen, eine laute Stimme und ganz viele Emotionen wichtiger.

Jeder muss eine Meinung haben

Viel spricht dafür, dass es an Weihnachten 2015 in deutschen Wohnzimmern ähnlich sein wird. Die Verunsicherung ist groß nach den IS-Anschlägen in Paris mit 130 Toten und so vielen Gerüchten und Behauptungen im Internet. Heute muss jeder eine Meinung haben, der Hinweis "Ich weiß nicht genau, das ist mir zu kompliziert" zieht nicht mehr. Was bei der Debatte um die griechische Schuldenkrise begann, ist jetzt allgegenwärtig: Jeder muss sich auf eine Seite stellen. Merkels Flüchtlingspolitik ist entweder die einzig richtige, weil menschliche Reaktion oder der Beginn des wirtschaftlichen Niedergangs Deutschlands.

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Via Facebook, wo der Kampf um die Meinungshoheit in den Kommentarspalten in Echtzeit ausgetragen wird, schreibt eine Bekannte: "Mich entsetzt es so, dass meine Eltern so unmenschlich sind und denken, dass nur junge Männer kommen und dass niemand Kriegsflüchtling sei, weil sie alle ihre Pässe wegwerfen oder ähnliches. Meine Geschwister und ich sind komplett anderer Meinung. Es ist total beklemmend und vor Weihnachten graust mir. Schön christliche Werte hochhalten, aber null Mitgefühl und Verantwortung aufbringen."

Andere Freunde wissen schon jetzt, dass sie schweigen werden, wenn die Verwandten wissen wollen, was man von "den ganzen Ausländern" halte: "Ich sage mittlerweile schon, dass ich nicht darüber diskutieren möchte. Es lässt sich sowieso keiner vom Gegenteil überzeugen, und diejenigen, die die gleiche Meinung haben, verbünden sich."

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Deutschland wird amerikanisiert

Ähnliche Aussagen höre ich von fast allen, die ich zu Diskussionen im Freundes- und Familienkreis oder mit Kollegen befrage. Und solche Sätze kannte ich bisher nur aus Amerika. Seit vier Jahren reise ich als Journalist durch die USA. Hier ist die Dominanz der Meinungen erdrückend und es dauert eine Weile, bis man als Ausländer versteht, dass für viele Amerikaner Politik zum Glaubenskampf geworden ist. Jede Seite konsumiert ihre eigenen Medien - und misstraut allen anderen (viele Republikaner halten sogar alle Zahlen der eigenen Regierung für Fälschungen).

In Deutschland, wo Merkel die CDU sozialdemokratisiert hat und niemand das Konzept "Krankenversicherung für alle" anzweifelt, gab es solche Gefühlsausbrüche lange nicht. Ich war bestürzt, als mir der Essayist John Jeremiah Sullivan 2013 erzählte, dass er etwa auf Reisen NIE über Politik rede, weil dies schlicht zu deprimierend sei:

"Auf dem Rückflug von Norwegen saß ich neben einer Frau aus Texas. (...) Plötzlich fragte sie: 'Eigentlich will ich es nicht wissen, aber wo stehen Sie politisch?' Sofort krümmte sich mein Magen zusammen. Sie sagte mir, wie sehr sie den "Sozialisten Obama" fürchte, der Geschäftsleuten den Krieg erklärt habe und dass sie auf einer Ranch lebe. Da ihr Mann oft unterwegs sei, habe sie natürlich ein Gewehr. 'Ich werde Sie nicht anlügen. Wenn ein Einbrecher kommt, dann werde ich ihm ins Gesicht schießen.' Sie hat das genau so gesagt 'ins Gesicht schießen'."